22.08.2026
von Helmut Müller, Prädikant in der Petri-Johannis-Gemeinde Freiberg
Liebe Leserinnen und Leser,
am westlichen Stadtrand von Freiberg in Richtung Kleinwaltersdorf liegen die Kronenteiche. An den Teichufern stehen viele Schilfrohre. Manche Schilfrohrpflanzen liegen im Wasser, einige sind abgeknickt, viele stehen noch aufrecht. Als ich vorige Woche daran vorbeilief, dachte ich an den Wochenspruch für den 12. Sonntag nach Trinitatis, weil ich gerade diese Andacht vorbereitete.
"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen."
Dieses Bildwort steht im 42. Kapitel des Buches Jesaja. Der Prophet wendet sich an das Volk Israel, das sich in der babylonischen Gefangenschaft befindet. Es fühlt sich von Gott verlassen, innerlich gebrochen und ohne Kraft – eben wie ein geknicktes Rohr.
Jesaja kündigt das Auftreten eines Menschen an, den Gott zu seinem Dienst berufen hat – von seinem „Knecht“. Dieser wird nicht mit Gewalt handeln. Er wird das Geknickte nicht zerbrechen und das nur noch schwach brennende Licht nicht auslöschen.
Die ersten Christen haben später in diesem Gottesknecht Jesus Christus wiedererkannt. Er schien ihnen schon in jenen alttestamentlichen Versen vorgezeichnet, ein frühes Bild für den, der als Gottessohn die Rettung der Welt sein würde.
Im neuen Testament lesen wir viele Geschichten, wie Jesus „geknickten“ Menschen begegnet und sie wieder aufrichtet. Wie er Menschen, die wie ein „glimmender Docht“ kurz vor dem Aufgeben stehen, behutsam wieder das Lebenslicht einbläst. Nur ein Beispiel von vielen steht im Evangelium dieses Sonntages, wo Jesus einen Menschen heilt, der taub und stumm war, wie er ihm hilft und tröstet. (Markus 7, 31-37) Lesen Sie gern einmal nach!
Ich überlege: welche Bedeutung haben diese Worte jetzt für uns.
Vielleicht begegnet uns das „geknickte Rohr“ auch in unserem Leben. Es kann ein Mensch sein, dessen Kräfte im Alter nachlassen. Einer, der nach dem Tod des Partners plötzlich allein ist. Jemand, der durch Krankheit aus seinem bisherigen Leben gerissen wurde. Oder jemand, der sich fragt, welchen Sinn sein Leben noch hat.
Vielleicht kennen wir dieses Gefühl sogar selbst: Ich bin nicht mehr so stark wie früher. Ich bin geknickt. Mein Lebenslicht ist nur noch schwach.
"Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen."
Ein alter Satz bringt mir eine neue Sichtweise: "Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände." Das heißt doch, Gottes Liebe bleibt nicht unsichtbar. Sie bekommt Hände, Augen und ein menschliches Gesicht durch uns. Er kann seine Liebe und Hilfe durch uns weitergeben.
In unserem Senioren- und Johanniskreis der Petri-Johannisgemeinde haben sich nun schon viele Jahre kleine Gruppen aus dem Gemeindekreis zusammengefunden, die sich gegenseitig helfen. Manchmal hilft schon ein Telefongespräch. Es gibt Besuche, wenn Krankheit und Einsamkeit nach dem Verlust eines Partners unseren Beistand nötig machen. Dabei geht es auch um das gegenseitige aufrichten. Wichtig erscheint mir auch der Fahrdienst zum sonntäglichen Gottesdienst. Wir sind dankbar, dass so Netze geknüpft werden konnten, die auch den Einzelnen nicht überfordern.
Anknüpfend an das bisher Gesagte frage ich: wenn jemand Gottes Hände in der kommenden Woche braucht, weil er niedergedrückt ist und sein Lebenslicht nur noch glimmt - wird er vielleicht meine Hände finden?
Vielleicht genügt ein Telefonanruf.
Vielleicht ein Besuch.
Vielleicht ein Fahrdienst.
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“
Das kommt auch im Wochenlied für diese Woche aus dem Ergänzungsheft zum Evangelischen Gesangbuch zum Ausdruck:
Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.
Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.
Blühende Bäume haben wir gesehn, wo niemand sie vermutet,
Sklaven, die durch das Wasser gehn, das die Herren überflutet.
Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.
Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz, hörten wie Stumme sprachen,
durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz, Strahlen die die Nacht durchbrachen.
Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.
Gebet
Guter Gott, du hast uns in der Bibel mit deinen Zusagen Trost und Hoffnung gegeben. Dafür danken wir dir.
Dein Wort soll lebendig in uns sein, auch wenn Sorgen und Ängste uns belasten. Wir wollen uns daran festhalten. Erfülle uns mit deinem Geist, dass wir weitergeben und danach handeln, wovon wir selbst ergriffen sind.
Barmherziger Gott, in den vergangenen Wochen waren wir niedergedrückt durch die Dürre in unserem Land. Nun sind wir dankbar, dass es wieder Regen gegeben hat. Die Natur atmet auf. Wir bitten dich, stärke uns in unserem Tun, dass deine Schöpfung weiter bewahrt und erhalten wird.
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.
Segen
Es segne und behüte dich der allmächtige und barmherzige Gott:
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen
Herzlich grüßt Sie
Helmut Müller, Prädikant in der Petri-Johannis-Gemeinde Freiberg
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