Andacht zum 21. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2026

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Andacht zum 21. Sonntag nach Trinitatis, 25. Oktober 2026

24.10.2026

von Superintendentin Hiltrud Anacker

Andacht: "Sucht der Stadt Bestes"

Liebe Leser und Leserinnen!

Es geschah 1982 in der DDR. Die Aula der Schule füllte sich mit Schülerinnen und Schülern. Der "Ausscheid der jungen Talente" wurde ausgetragen. Ein paar von den Jungen und Mädchen wollten oder sollten ihr Können zeigen. Sie spielten auf einem Instrument, rezitierten Gedichte, spielten einen Sketch. Die Jury bestand aus Lehrern und Lehrerinnen. Dieser Ausscheid hatte nicht übermäßig viele Teilnehmende. Eine nach dem anderen absolvierte ihr oder sein Programm. Der Beifall fiel mäßig, eher höflich aus. Dann trat ein Junge aus der 10. Klasse auf. Er sang zur Gitarre selbst gedichtete und komponierte Lieder. "Meine Stadt" hieß das eine. Er beschrieb Strophe für Strophe das Leben in seiner Stadt, den ganz normalen Alltag - der Rentner beim Spaziergang mit seinem Hund, das Schlangestehen beim Bäcker und Fleischer, der Wartburg, der den Trabi anhupt, das Liebespaar, Kino, Musik und Kultur … "Das ist meine Stadt, die so viele Bürger hat." So klang nach jeder Strophe der Refrain. Am Ende das Bedauern über leere Kirchen. "Denn auch das ist meine Stadt, die zwar viele Bürger, aber wenig Christen hat." Tosender Applaus. Und die Jury? „Was passiert da?“ Erschrecken: „Das passt nicht zu unserer sozialistischen Schule!" Entsetzen: "Das ist ein Eklat!" Der Junge flog sofort aus der Wertung, die Eltern wurden in die Schule zitiert, ein Riesenrummel, in den folgenden Jahren durfte kein Nichtpionier und Nicht-FDJler mehr am Ausscheid teilnehmen. Das Lied ging nicht in die Weltliteratur ein. Die Leistung des Jungen bestand darin, dass er den Mut aufbrachte, eine Wahrheit auszusprechen, eine Wahrheit, die noch nicht einmal bedrohlich für den sozialistischen Staat DDR war. Die Lehrer hätten erhobenen Hauptes vom "Untergang der Religion" berichten können: "Wir haben es geschafft." Dabei hatte der Junge nur von seiner Stadt gesungen. "Meine Stadt" ist die, die mir am Herzen liegt. "Mehr Christen, das wäre schön, aber es ist meine Stadt." Für "meine" Stadt setze ich mich ein. Der Junge sang gegen Abstumpfung. Es muss eben nicht immer alles so bleiben, wie es ist.

Zweieinhalbtausend Jahre früher. Der Prophet Jeremia schreibt einen Brief. Er schreibt an seine Landsleute, die weder in der eigenen Stadt noch im eigenen Dorf leben. Sie waren in die Gefangenschaft nach Babylon geführt worden. Die Regierenden hatten auf den Rat Jeremias nicht gehört. Nun lebten sie in der Fremde unter fremden Menschen und fremden Herrschern. Etwas Falsches zu tun oder zu sagen, konnte gefährlich werden. So ist das in einer Diktatur. Sollte man sich arrangieren, um durchzukommen? "Sucht der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.“ (Jer. 29,7) Das schreibt der Prophet an die Weggeführten. Er will ermutigen.

Dieser Vers gewann in der DDR an Bedeutung. 1981 schrieb der Theologe Gottfried Voigt zu eben dieser Stelle: "Wo auch immer die Gemeinde Gottes in die Welt  hinein verstreut wohnt, sie soll nicht ohne die Welt leben, erst recht nicht gegen die Welt, sondern für sie und mit ihr. An ‚der Stadt’ oder ‚dem Land’ hat die Gemeinde ja teil, das Schicksal ihrer Umwelt ist ihr Schicksal." Es ging Gottfried Voigt nicht darum, einen Unrechtsstaat zu stärken. Die Kirche bot in der DDR Raum für eine ehrliche Opposition. Sie erhob ihre Stimme gegen das Unrecht. "Sucht der Stadt Bestes" bedeutete für die Kirche eine kritische Auseinandersetzung mit dem Unrechtsstaat, denn es ging ja um "meine Stadt".

Hat meine Erzählung etwas mit Nostalgie zu tun? Nein. Es geht mir um das Heute. Wir leben inzwischen in einem Rechtsstaat, und dafür bin ich dankbar. "Meine Stadt", das sind die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ich selbst bin dafür verantwortlich, wie ich mit ihnen umgehe. Das passiert auf der persönlichen Ebene. Und wie soll Kirche agieren? Wenn Kirche sich auch für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einsetzt, dann nimmt sie ihre Verantwortung in unserer heutigen Situation wahr. "An ‚der Stadt’ oder ‚dem Land’ hat die Gemeinde ja teil, das Schicksal ihrer Umwelt ist ihr Schicksal." (Gottfried Voigt) Für die ganz praktische Umsetzung gibt der Bibelvers für diese Woche einen guten Rat: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." (Röm 12,21) Und das für "meine Stadt"!

Amen.

Gebet

Gütiger Gott, wir wünschen uns Frieden in der Welt,
in unserem Land in unseren Familien.
Doch Hassreden begegnen uns überall.
Frieden kann nur beginnen, wenn wir die Hand ausstrecken,
statt sie zur Faust zu ballen.
Wenn wir auf Versöhnung und Freundschaft setzen,
nicht auf unserem Recht beharren.
Schenke uns Zuversicht und Hoffnung,
dass wir gestärkt unseren Weg in die Zukunft gehen können.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der stärker ist als jede Freundschaft und der weiter reicht als jegliche Diplomatie, der stärke und bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin

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