Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2024

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Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2024

15.06.2024

von Superintendentin Hiltrud Anacker

Liebe Leser und Leserinnen!

Was für ein Mensch kniet hier? Er macht sich klein. Abgerissen sieht er aus, vielleicht ein Bettler an der Bushaltestelle oder ein Armer der sog. Dritten Welt? Er ist angewiesen auf Barmherzigkeit Reicherer/Stärkerer.
Dann ist da der alte Mann. Was hat seinen Rücken gebeugt? Lag es an der Arbeit oder an vielen Sorgen?
Ein abgerissener Mensch und ein alter Mann, in welchem Verhältnis stehen sie zueinander? Und: Wie passt der Stock dazu? Er könnte bedrohen, gar schlagen, aber auch stützen.
In welcher Beziehung stehen die drei Bildelemente zueinander stehen? a) Der Knieende bittet um Erbarmen - der Wohlhabende droht erbarmungslos mit dem Stock. Das wäre ein Bild der Härte. „Mach, dass du weg kommst!“ b) Der Knieende droht dem Aufrechten. So bäumt er sich auf gegenüber seiner Armut oder der gefühlten Machtlosigkeit. c) Man könnte die Figur des Armen um 90° drehen. Dann liegt er, und der alte Mann beugt sich über ihn. Das wäre ein Bild des Mitleids und der Fürsorge. Der Stock spielt dann keine Rolle.
Die Figuren stammen aus einer Zeichnung von dem bekannten niederländischen Maler Rembrandt van Rijn. Er hat es gemalt zum Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“: Ein Mann hat zwei Söhne der Jüngere bittet den Vater vorzeitig um sein Erbe. Dieses verjubelt er. Heruntergekommen erinnert er sich an seinen Vater und kehrt heim. Knecht will er sein, mehr nicht, der Vater aber nimmt ihn als Sohn wieder auf. Der Ältere ärgert sich darüber. "Er (der Vater) aber sprach zu ihm: Kind, du bist immer bei mir gewesen, und alles, was mein ist, ist dein. Es ist aber gut, sich zu freuen und fröhlich zu sein, denn dieser, dein Bruder, war tot und ist lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.“ (Lukas 15, 31 f.)
Diese sensationelle Geschichte erzählt nur das Lukasevangelium. Sie ist aus dem Leben gegriffen, die Geschichte der Erbarmungslosigkeit und des Erbarmens, der Härte und des Mitleids. Sehen wir uns die Lebenskonzepte der handelnden Personen an. Der Vater ist ein fleißiger Mensch. Verantwortungsvoll geht er mit Familie und Angestellten um. Der Besitz gehört der ganzen Familie, nicht nur ihm. Auch die Tagelöhner werden satt. Sein Lebenskonzept: Mit Fleiß hat er ein gutes Auskommen, das für alle reicht. Der ältere Sohn achtet den Vater. Der Vater ist für ihn unbestrittenes Oberhaupt, eben der Chef. Im Gehorsam strebt er dem Vorbild des Vaters nach. Fleißig ist er auch. Dem jüngeren Bruder wird es zu eng zu Hause. Er hat Träume, die er nicht zu verwirklichen können glaubt. So bricht aus. Für junge Menschen, die er-wachsen werden, ist dies nicht untypisch. Die Auswanderung, die er anstrebt, ist legitim. Er will sich eine neue Existenz aufbauen, eine auch heute nicht vollkommen ungewöhnliche Denk- und Handlungsweise. Dafür steht ihm sein Erbteil zu (zu Lebzeiten des Vaters weniger als bei dessen Tod). In der Fremde „flippt aus“. Er lässt alles hinter sich, was früher für ihn galt. Dabei vergisst seine gute Erziehung. Sein Lebenskonzept geht schief. Er investiert in falsche Beziehungen und geht bankrott. Man könnte direkt Mitleid bekommen. Andere meinen vielleicht: „Geschieht dir recht. Das hast du nun davon.“
Er erinnert sich an den Vater, rechnet mit dessen Erbarmen. Wenigstens Tagelöhner will er werden. Mehr erwartet er nicht. Und er hat sich nicht verrechnet.
Im Bild hat der jüngere Sohn den Weg nach Hause und das Tor zum elterlichen Hof gefunden. Er erzwingt sich nicht mit Gewalt Einlass. Der Vater droht nicht mit dem Stock, um ihn wieder hinauszuwerfen. Der Stock war nichts an-deres als die Stütze auf der Wanderung. Nun wird er nicht mehr gebraucht und liegt auf der Seite. Der Vater nimmt den Sohn in die Arme. Der alte Mann fängt den jungen auf. Der ältere Sohn kommt auf dem Bild nicht vor. Dessen Funktion übernehmen diejenigen, die aus dem Haus se-hen. Skeptisch ist ihr Blick. Sie könnten die Handlungsweise des Vaters akzeptieren, selbst herauskommen. Werden sie es tun? Das bleibt offen.
In welcher Person erkenne ich mich wieder? Welcher der Söhne ist mir sympathischer, der Versager, der Korrekte?
Der Vater geht beiden Söhnen entgegen. Er nennt den Jüngeren: „mein Sohn“ und spricht den Älteren liebevoll „Kind“ an. Im Gleichnis übernimmt der Vater die Rolle Gottes. Eine Geschichte wird uns erzählt, in der ich meinen Platz finden kann. Jesus überlässt die Konsequenzen der Entscheidung seinen Zuhörern. Barmherzigkeit beginnt bei Bruder und Schwester. Welches Lebenskonzept ein Mensch auch verfolgt, eins ist sicher: Der Vater wartet.
Amen.

Gebet
Wenn meine Seele vergisst, was du Gutes getan hast – wenn alles in mir ruft:
Wo ist denn Gerechtigkeit? Wo ist Vergebung? Wo ist Heilung? –
Dann, Gott, hilf mir, mich an dich zu erinnern. Damit ich lachen kann und das Leben liebe.
Gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit. Beseelt von deinem Geist.
Heute und allezeit.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin

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