Andacht zum 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 28. April 2024

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Andacht zum 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 28. April 2024

27.04.2024

von Superintendentin Hiltrud Anacker

Bibeltext Offenbarung 15, 3. 4:

3 Sie sangen das Lied des Mose, der ein Diener Gottes war, und das Lied des Lammes:
"Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger.
Voller Gerechtigkeit und Wahrheit sind deine Wege, du König über die Völker.
4Wer wird vor dir, Herr, keine Ehrfurcht haben und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig! Alle Völker werden kommen und sich vor dir niederwerfen, denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden."

Liebe Leserinnen und Leser,
Vielleicht geht es Ihnen auch so: Es gibt Geschichten, die hängen bleiben – weil sie eindrücklich erzählt werden und weil sie aus dem Leben heraus gegriffen sind. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, die mir hängen geblieben ist.
Zeit der Handlung: Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Ort der Handlung: In einem Dorf mitten in Deutschland in der Nähe einer Industriestadt. Die jungen Menschen hatten die zerstörerische national-sozialistische Indoktrination erlebt. Und sie hatten diese direkt vor Augen, die Trümmer, die nach dem Bombardement übriggeblieben waren. Es hungerte sie nach der Botschaft der Bibel. So trafen sie sich jede Woche, um in diesem Buch zu lesen und darüber zu diskutieren. Zugleich sangen sie sehr gern, sogar mehrstimmig. Man könnte beides – das Lesen in der Bibel und das Singen – gut miteinander verbinden, aber die Zeit mit der Bibel war ihnen kostbar. Sie keine andere Wahl: sie mussten ein zweites Mal in der Woche kommen. So erzählte es meine Mutter immer wieder. Die jungen Leute hatten erlebt, wie Musik missbraucht werden konnte. Sie hatten dazu marschieren müssen. Sie hatten die Zerstörung anderer Län-der besungen. Jetzt wollten sie vom Leben singen. Sie brauchten Trost und Zuversicht, nachdem alles zusammengebrochen war. So erzählte es meine Mutter immer wieder.
Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, erzählt Geschichte. Es geht Bedrohung, Ängst und Gefährdung, aber auch um Ermutigung. Adressaten: Die christlichen Gemeinden in der Provinz Asia des römischen Reiches – wo heute ungefähr Kleinasien liegt - Ende des 1./Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus. Der Autor: Ein christlicher Lehrer, der von der Insel Patmos aus sich um die Gemeinden bemüht. Die theologischen Wissenschaftler diskutieren, ob Kaiser Domitian gerade an der Macht war oder Kaiser Hadrian. Es geht darum, dass die Menschen dem Kaiser huldigen sollten, als wäre er ein Gott. Ging es um lokale oder globale Repressalien (für die Römer war das Römische Reich schon fast die ganze Welt). Wer sich dem Kaiserkult verweigerte, musste mit harten Strafen rechnen. In der Offenbarung wird das Bild des "Tiers", das sich Standbilder errichten ließ, für den römischen Kaiser verwendet und damit für das "Böse" an sich. Hinter der Diskussion in der Theologen steckt der Wunsch, den historischen Kontext besser einschätzen zu können. Wie war das damals für die Menschen, die sich in den christlichen Gemeinden trafen? Für den einzelnen /für die einzelne war schlimm genug, für manche so, dass sie Kompromisse machten der Macht gegenüber - wie die jungen Leute im Zweiten Weltkrieg. Die Offenbarung berichtet von einem Glauben, dessen Ausübung gefährlich war. Die Bilder der Offenbarung ängstigen. Sie verbreiten Weltuntergangs-stimmung. So muss es Menschen im Krieg gehen.
Mitten unter diesen Bildern finden wir ein Lied. Zwei Autoren werden angegeben: Mose und das Lamm (gemeint ist Jesus). Eingeleitet wird dieses Lied mit dem Bild eines gläsernen Meeres, das mit Feuer ver-mischt war. Gesungen wird das Lied von denen, die sich von der Macht des "Tieres" – also dem Kaiser in seiner Selbstüberschätzung – befreit haben. Mir fällt die Rettung der Israeliten am Schilfmeer durch Gott aus dem Alten Testament ein oder die Erzählung von der Sturmstillung und von der Rettung des Petrus aus dem Neuen Testament ein. Vielleicht hat der Autor auch daran gedacht. Zwischen den Bildern von Bedrohung und Zerstörung Worte der Vergewisserung, des Trostes und der Zuversicht.
"Wie gut, dass ihr (gemeint waren ihre Kinder und Enkel) keinen Krieg erleben musstet." hat meine Mutter auch immer wieder gesagt. Die Erinnerung an Bomben, Zerstörung und Tod waren zu lebendig in ihr. Vom gemeinsamen Lesen in der Bibel und vom Singen berichtete sie voller Wärme. Diese Erinnerung hat ihr gut getan. Die jungen Menschen damals konnten so ermutigt vorwärts gehen.
Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob die Kinder und Enkel meiner Mutter wirklich nie Krieg erleben werden. Ich hoffe aber sehr auf die Menschen, die versuchen, mit demokratischen Mitteln – und für mich auch aus der Zuversicht des christlichen Glaubens heraus – Frieden zu bewahren und wieder aufzubauen. Dabei schauen sie nicht auf Menschen, die sich selbst überhöhen, sondern auf den, dessen Auferstehung wir nicht nur Ostern feiern. Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Das Lamm, Jesus, hat in der Auferstehung seine Kraft gezeigt. "Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott, Allmächtiger. Voller Gerechtigkeit und Wahrheit sind deine Wege, du König über die Völker." Mit einem solchen Lied auf den Lippen kann man gut voran gehen.
Amen.

Gebet
Wir sind hier, Gott, weil wir auf Wunder hoffen
: Dass du für Gerechtigkeit sorgst und für Frieden.
Dass du Herzen weit macht und Mut hineinsäst.
Dass Liebe sich ausbreitet und Freude und Jubel und Jauchzen.
Nicht irgendwann. Sondern bald. In diesem Leben.
Das wünschen wir von dir, Gott, durch Jesus Christus,
dem die ganze Schöpfung zusingt in Ewigkeit.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Alles, was gut ist, alles, was still ist und stark, alles, was wärmt und weitet,
was den Leib erfreut, das Herz bezaubert und die Seele birgt,
alles, was die Liebe mehrt, was das Recht stützt und das Glück stärkt,
komme über uns und die ganze Welt.
So segne uns der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin

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