Andacht zum 5. Sonntag nach Ostern (Rogate), 5. Mai 2024

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Andacht zum 5. Sonntag nach Ostern (Rogate), 5. Mai 2024

05.05.2024

von Superintendentin Hiltrud Anacker

9Weiter sagte der HERR: "Ich habe mir dieses Volk angesehen: Es ist ein halsstarriges Volk. 10Jetzt lass mich! Denn ich bin zornig auf dieses Volk und will es vernichten. Aber dich werde ich zu einem großen Volk machen." 11Mose aber beschwichtigte den HERRN, seinen Gott (3. Mose 32, 9 - 11a).

Liebe Leserinnen und Leser,
Ein ganz normaler Schultag, die Tür geht auf, ein Junge schießt um sich und am Ende erschießt er sich selbst. Später erfährt man von Hass, Verzweiflung, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Verbitterung. Er hinterlässt entsetzte Mitschüler, Lehrer, Familien. Und Gott?
Die Frau sitzt seit Jahren in ihrem Zimmerchen. Die eigene Mutter hatte sie schon als junges Mädchen pflegen müssen, sie hatte es gern für die Mutter getan, die an MS erkrankt war. Den Sohn verlor sie vor Jahren an Krebs. Nun ist sie selbst krank. „Was habe ich getan, dass ich das erleiden muss?“ fragt sie. Und Gott?
Täglich hören wir vom Krieg in der Ukraine, im Nahen Osten und in etlichen anderen Ländern. Wir wissen um die Tote unter der Zivilbevölkerung und unter den Soldatinnen und Soldaten. Wir sehen Bilder zerstörter Städte und Dörfer. Alte Menschen erinnern sich daran, wie Deutschland am Ende des zweiten Weltkriegs aussah. Und Gott?
Das Volk Israel erlebte die wunderbare Rettung aus Ägypten. Inzwischen waren sie schon lange unterwegs. Sie sind am Sinai angekommen. Mose war auf den Berg gestiegen - und kam nicht wieder. Die Israeliten fühlten sich allein gelassen. Und Gott?
Menschen kennen das Gefühl der Leere und Verlassenheit. Dieser große und mächtige Gott macht sich rar. Aber es gibt dieses Verlangen nach einem sichtbaren und starken Gott - nicht nur bei den Israeliten. Irgend etwas muss geschehen. Die Situation ist unerträglich, man muss etwas tun. Die Israeliten tun et-was: Sie verwandeln diesen unsichtbaren Gott in einen sichtbaren Gott, sie schaffen ein goldenes Stierbild. Ein Stier hat alle göttlichen Eigenschaften: Er ist stark, temperamentvoll, unberechenbar. So wie ei-nen Stier stellen sie sich Gott vor, den Gott, dem sie schon die ganze Zeit folgen. Einen anderen Gott wollten die Israeliten gar nicht verehren. So erzählt es die Vorgeschichte.
Und Gott? Gott ist sauer: Er empört sich, ist zornig. "Die da! Die sind nicht mein Volk. Das ist dein Volk, Mose." Gott ist bereit, seine ganze Verheißung sausen zu lassen. Warum? Im Bild vom Stier wird Gott festgelegt, eingeengt. Das funktioniert nicht. Gott lässt sich nicht in irgendein Raster einpassen. Jede Schublade ist für Gott zu klein. Die Israeliten hatten es gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Gott erwartet etwas Schweres von seinem Volk: blindes Vertrauen. Er erwartet die Bereitschaft, sich ganz auf ihn einzu-lassen. Wer Gott auf ein Bild festlegt, behindert sich selbst, die Vielfältigkeit Gottes entdecken zu können.
Mose ist der einzige, mit dem Gott noch etwas anfangen will. Gott will mit ihm neu anfangen. Die Rede Gottes wird Mose zu viel. Er diskutiert, er kämpft. Er entschuldigt die Israeliten nicht, aber setzt sich sehr für sie vor Gott ein. 1. Die Israeliten sind nicht Moses Volk, sondern das Volk, das Jahwe als sein Volk aus Ägypten herausgeführt hat, also Gottes Volk. 2. Will Gott sein Wirken vor den Ägyptern lächerlich machen? Die Ägypter könnten sagen: „Nur um sie zu vernichten hat Gott Israel aus der Gefangenschaft ge-führt.“ Das kann Gott doch nicht wollen. 3. Mose erinnert Gott an seine Versprechen, die Gott Abraham, Isaak und Jakob gegeben hat. Er kann dies nicht einfach aufkündigen. Mose ist nicht zimperlich. Wird Gott sich das gefallen lassen? Gott lässt sich das gefallen. „Und Jahwe bereute das Böse, das er seinem Volk angesagt hatte“, um der Fürbitte des Mose willen.
Fürbitte fällt Gott in den Arm, bewirkt etwas. Nicht immer geht es so aus wie in unserer Erzählung. Aber Gott reagiert auf Gebet: nicht immer verständlich; manchmal sofort, aber nicht immer; manchmal dauert es sogar sehr lange. Manchmal ist Gottes Reaktion der Auftrag Gottes an uns: Tue du etwas, und zwar das, was in deiner Kraft steht. So wirkt Gebet. Wenn es so ungewiss ist, wie Gebet wirkt, sollen wir dann überhaupt beten? Auf jeden Fall! Beim Gebet hoffen wir wie damals Mose. Also lasst uns nicht nachlassen, vor Gott für die zu bitten, die Gott dringend nötig haben.
Beten verändert nicht nur Gott, sondern auch die Betenden zwischen Zorn und Reue. Amen.

Gebet
Du bist die Quelle des Lebens,
du guter und ewiger Gott.
Unsere Liebe zeigen wir dir,
unsere Sorgen halten wir dir hin,
unseren Dank bringen wir dir.

Wir beten für alle, denen zum Beten die Worte fehlen,
für alle, die glauben, dass Beten nichts hilft,
für einen guten Dialog in unseren Partnerschaften,
für gelingende Gespräche zwischen Eltern und Kindern
für das rechte Maß von Reden und Schweigen
und um den Mut, den Schwachen eine Stimme zu geben
In der Stille legen wir in deine Hände, Gott,
was uns persönlich bewegt:
Stille
Du bist die Quelle des Lebens,
du guter und ewiger Gott.
Unser Gebet bei dir Gehör.

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Es segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Herzlich grüßt Sie
Hiltrud Anacker, Superintendentin

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