Ansprache anlässlich der Kundgebung „Freiberg lebt Vielfalt! Lebendig! Stark! Gemeinsam!“ am 4. Februar 2024 am Freiberger Obermarkt

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Ansprache anlässlich der Kundgebung „Freiberg lebt Vielfalt! Lebendig! Stark! Gemeinsam!“ am 4. Februar 2024 am Freiberger Obermarkt

07.02.2024

gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

es ist schon vieles Gescheites gesagt worden. Daher will ich mich kurz fassen und vor allem persönlich sprechen. Viele von euch kennen mich vermutlich nicht. Ich bin Gunnar Wiegand, der neue Dompfarrer und ich leite den Ev.-luth. Kirchgemeindebund Freiberg… aber ich stehe hier vor euch in erster Linie als ganz normaler Mensch, ein Mensch mit Gefühlen. Drei Gefühle liegen bei mir oben auf:

-          Da freue ich mich erst einmal: so viele unterschiedliche Menschen zusammen. So eine bunte Menge mit Fahnen und Transparenten, Linke, Sozialdemokraten, Grüne, Konservative, Liberale, Leute aus der Wirtschaft, aus der Kultur, aus den Kirchen, aus verschiedenen Religionen, aus der LGPTQIA+ und viele mehr. So eine Menge Menschen für Vielfalt!

-          Aber genau um diese Vielfalt in unserer Gesellschaft mache ich mir Sorgen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jede und jeder seine Überzeugung und seinen Glauben frei leben kann – ohne weltanschauliche Einschränkungen, ohne Einschränkungen einer Mehrheitsmeinung.

-          Es ist großartig, dass ihr alle da seid. Aber gleichzeitig auch absurd. Ein Wirtschaftsliberaler steht neben einem Sozialisten. Ein Atheist neben einem Gläubigen… Wir stehen hier und müssen Selbstverständlichkeiten einfordern. Wir müssen heute einfordern, dass wir so sein dürfen wie wir sind.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

bis vor kurzem habe ich in Pirna gewohnt. Ich war da Lehrer an den beiden Gymnasien. Pirna ist eine schöne Stadt. Pirna ist eine vielfältige Stadt. Seit kurzem ist dort ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Dieser Oberbürgermeister gehört einer Partei an, die in Teilen vom Verfassungsschutz als Rechtsextrem eingestuft ist. Das ist ein Schlag gegen die Vielfalt und Liebenswürdigkeit dieser schönen Stadt. Das besonders Traurige: nur 2 von 10 Bürgern Pirnas haben diesen Oberbürgermeister überhaupt gewählt. Er steht für eine Minderheit. Eine ganz einfache Rechnung: 5 von 10 haben nicht gewählt, 3 von 10 haben andere Parteien gewählt, die sich nicht auf einen Kandidaten/eine Kandidatin einigen konnten, 2 haben ihn gewählt. Er steht für eine Minderheit und wird trotzdem regieren. Ich will nicht, dass das in Freiberg passiert. Daher:

- Geht wählen. Aktiviert die vielen Menschen um euch. Motiviert die Freiberger zur Wahl.

- Demokraten, Ihr alle: einigt euch im richtigen Moment… auch über eure Schatten für Demokratie einzustehen! Ich will hier kein zweites Pirna.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Ich war schon mal hier auf dem Obermarkt vor zwei Wochen. Die Antifaschismus-Demo wurde mit Pfiffen von der anderen Marktseite her kommentiert. Das war purer Hass aus ideologischer Verblendung. Hass, Hetze, Bösartigkeit zerstören, spalten. Da ist kein Miteinander mehr möglich…

Das macht mich tief traurig. Ja, ich fühle mich ohnmächtig. Es macht mich traurig, dass wir als Freiberger nicht mehr zusammenfinden. Und da hatte ich in dieser Woche mal so ein Bild vor Augen: Hass mit Liebe begegnen. Stellt euch vor: jede und jeder nähme die Hand eines Anderen. Jede und jeder blickte seinem Nächsten in die Augen… Was sähe er oder sie: einen Menschen mit Gefühlen! Daher:

- „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst“ (Mk 12, 31 BB) – wie es Jesus sagt (und vor ihm schon Moses, Lev 19,18)

- Oder wie es Friedrich Schiller poetisch ausdrückt: „Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt! Brüder – überm Sternenzelt.“ (Friedrich Schiller, Ode „An die Freude“ 1785)

Vielen Dank und ein liebenswürdiges Glückauf!

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