Friedensandacht anlässlich der Übergabe des Freiberger Friedenslichtes am 4. Mai 2024

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Friedensandacht anlässlich der Übergabe des Freiberger Friedenslichtes am 4. Mai 2024

05.05.2024

über Johannes 14, 27; gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Lesung Johannes 14, 15 - 19. 23 - 27

Liebe Gemeinde,

Heute das Friedenslicht bei uns im Freiberger Dom. Um Frieden bitten wir in dieser Andacht.

Frieden ist – sehr vereinfacht – die Abwesenheit von Krieg. Frieden und Krieg stehen in ihrem Gegensatz doch in ganz engem begrifflichen Verhältnis. Und dennoch gibt es einen gewaltigen Unterschied: Frieden spüren wir in der Regel nicht. Frieden ist eine Art Leichtigkeit des Seins. Frieden ist gerade dann da, wenn ich ihn gar nicht bemerke (außer ich denke darüber nach). Krieg hingegen ist genau das Gegenteil: körperlich, seelisch belastend. Angst ein Dauerzustand. Angst um das eigene Leben, Angst um das Leben meiner Mitmenschen, meiner Familie, Kinder oder Eltern. Angst um meine Existenz, mein täglich Brot, meine Versorgung, meine Sicherheit, meine Unversehrtheit. Angst um mein Land. Angst um die Menschen, die mir gutes wollen. Und dazu die Trauer um den Verlust der Vernichtung dessen, was Krieg anrichtet.

Wir leben zum Glück im Frieden. Das macht mich glücklich. Wir sind weit weg vom Leid der Menschen, die im Moment Krieg erleiden. Diese Wahrnehmung macht mich hilflos und traurig. Und die Tentakel der Kriege dieser Welt reichen bis hier ins mittlere Europa, in unseren Alltag. Der Döner kostet über 5EUR. Die Spritpreise liegen meist immer noch über 1,90EUR. Das bedrückt mich. Cyberattacken auf deutsche Behörden und Unternehmen. Rüstungsausgaben auf einem Rekordniveau. Das macht mir Angst. Influencing im Internet – und viele Leute merken es gar nicht, dass sie beeinflusst werden. Unter der Fassade des Friedens brodelt es bei Vielen. Mich ärgert das, weil ich mich nach Frieden und einem guten respektvollen Miteinander sehne. Na ja, und dann ist da natürlich auch die Angst, dass auch unser Land irgendwo in eine Krieg hineingezogen wird.

Frieden und Krieg: die ganze Palette der Gefühle. Glück, ja über den Frieden, aber gleichzeitig Trauer, Angst, Ohnmacht, Wut gegenüber diesen Umständen. Es kommt über mich. Ich kann es nicht ändern. Und ich habe immer da Gefühl, dass irgendwelche Lösungswege, gar nicht wirklich zielführend sind oder immer nur begrenzt wirken…

Und jetzt sind wir hier im Freiberger Dom. Wie geht es Ihnen? Was hat Sie dazu veranlasst, heute hier zu sein?

Weg von den negativen Gefühlen – das ist mein Wunsch. Ermutigung für den Alltag. Ermutigung von Jesus Christus.  

Jesus Christus steht für den Frieden. Jesus wurde als Friedefürst schon bei Jesaja angekündigt. Jesus selbst verkündigte den Frieden. Jesus handelt ohne Brachialgewalt, friedfertig. Er ging ohne Widerstände in den Tod ans Kreuz. Bei seiner Auferstehung offenbarte er sich mit „Der Friede sei mit euch“. Für mich heißt das dreierlei:

1. Jesus bietet keine Lösungsansätze für Kriegssituationen. Es bleibt beim allgemeinen Appell an die Menschen: „Der Frieden sei mit euch“. Aber dieser Appell heißt nicht: „Frieden um jeden Preis“. Der von mir sehr geschätzte Philosoph Immanuel Kant (aus dem heutigen Kaliningrad stammend) schreibt dazu in seinem ersten Präliminarartikel zum Ewigen Frieden. „Es soll kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt [des Anstoßes] zu einem künftigen Krieg gemacht worden [ist]. Denn alsdenn wäre er ja ein bloßer Waffenstillstand, Aufschub der Feindseligkeit, nicht Friede […]“ In anderen Wort: Kein Diktatfrieden sondern Verständigungsfrieden. Frieden ist nur dann dauerhaft, wenn er für beide Kriegsparteien langfristig akzeptabel ist. Davon sind wir leider bei den großen Konfliktlinien dieser Welt noch weit entfernt. Frieden geht nur dann, wenn beide Seiten zufrieden sind.

2. Wir können nicht den Frieden auf der Welt hier vor Ort schaffen. Frieden kann nur da sein, wo eben nicht mehr gegeneinander gekämpft wird. Aber… Jesu Friedenruf ist doch sehr konkret und an jeden einzelnen Menschen gerichtet. Auch an jeden von uns hier in dieser Andacht. Frieden beginnt ganz konkret mit der Nächstenliebe. Frieden ist da, wo sich Menschen in Liebe begegnen, nicht mit Hass und Hetze. Frieden ist da, wo Nächstenliebe gelebt wird. Frieden ist da, wo die Schwachen oder Ohnmächtigen in unserer Stadt, in unserer Gemeinde angenommen sind, wo sie versorgt sind, wo sie einen guten Ort zum Verweilen haben.

Wir sind in unserer Gemeinde mit sozialen Einrichtungen gesegnet, mit denen wir im engen Kontakt stehen. Sie leisten jeden Tag diese wertvolle Arbeit an den Nächsten: da ist der christliche Kindergarten Villa Kunterbunt. Da ist das Seniorenheim Johanna Rau. Da ist das Seniorenheim RIU. Und da ist das Kretzschmar-Stift. Da ist der Jugendtreff Tee-Ei. Für diese Einrichtungen soll nun je eine Kerze am Friedenslicht entzündet werden. Es soll den Frieden von Jesus Christus an die Menschen dort symbolisch hingebracht werden.

3. „Auch wenn ich nicht mehr da bin, wird doch der Friede bei euch bleiben“ – sagt Jesus. Damit rückt Jesus noch eine ganz andere Dimension des Friedens in den Mittelpunkt: der dauerhafte Frieden im Reich Gottes. So wie wir den Frieden über die Nächstenliebe bei uns in der Kirche leben sollen, so ist dieser Friede bei Gott. Friede, ja endgültiger Friede wartet auf uns. Der Prophet Jesaja hat das einmal in einem wunderbaren Bild der Gegensätze beschrieben: „Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, […]. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“ (Jes 65,25) Mir persönlich ist dieser Gedanke ganz wichtig. Denn er entlastet mich. Ich kann mir sagen: „Ja, die Welt ist von Angst, Wut, Bosheit durchzogen. Aber ich weiß: im Reich Gottes ist es anders. Darauf hoffe ich!“

Wir können hier die Konflikte der Welt nicht lösen. Ermutigung will ich Ihnen mitgeben: Im Glauben an Jesus Christus…

- Am Frieden dranbleiben, der allen Menschen dient.

- Nächstenliebe üben und Frieden in der Begegnung hier vor Ort stiften.

- Auf die Vollendung von Gottes Reich warten.

Jesus sagt: „Auch wenn ich nicht mehr da bin, wird doch der Friede bei euch bleiben. Ja, meinen Frieden gebe ich euch – einen Frieden, den euch niemand sonst auf der Welt geben kann. Deshalb seid nicht bestürzt und habt keine Angst!“ (Joh 14,27) Amen.

Kerzen für soziale und pädagogische Einrichtungen auf dem Gemeindegebiet Dom werden angezündet.

Gebet:

Herr Jesus Christus,

ich fühle mich oft ohnmächtig, bei den Nachrichten aus den Kriegsgebieten dieser Welt. Ich bin traurig über den Tod, das Leid und die Verzweiflung der Betroffenen.

Lass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Die Aufrüstung in Europa macht mir Sorgen. Ich will nicht, dass unser Land in einen Krieg hineingezogen wird. Zum Frieden führt nur hartes gemeinsames Ringen.

Lass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Ich empfinde Scham, wenn ich lese, dass im Internet E-Mail-Adressen und private Informationen gehackt werden.

Lass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Frieden beginnt doch schon im Kleinen, hier bei uns, da wo Menschen sich nicht gegenseitig anpöbeln, Hass verbreiten, Wahlplakate zerstören oder Geschäfte von Politikern demolieren.

Lass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Frieden ist da, wo sich Menschen um andere Menschen kümmern und sorgen, in den sozialen Einrichtungen auf unserem Gemeindegebiet und in ganz Freiberg.

Lass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Frieden ist ganz in Deinem Reich. Schenke uns im Glauben an Jesus Christus diesen Frieden jetzt und in Ewigkeit…

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

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