Predigt am 1. Christtag 2020

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Predigt am 1. Christtag 2020

25.12.2020

zu Jesaja 52, 7 - 10; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
in der heutigen Zeit zeigen manche Menschen ihr wahres Gesicht. Wer eher melancholisch oder ängstlich gestimmt ist, zieht sich noch mehr zurück, traut sich kaum unter Leute, kann die seelische Belastung dieser Tage kaum aushalten. Extrovertierte Menschen erinnern einen an eine Raubkatze, die in einem zu kleinen Käfig ständig auf und ab läuft. Mit ihrer Ungeduld und der Sehnsucht nach Kontakten und besonderen Ereignissen werden sie kaum fertig. Menschen, die schon in normalen Zeiten ihre Informationen nur bei Facebook beziehen, lassen sich plötzlich von abstrusen Verschwörungstheorien verführen. Manche wachsen aber auch über sich hinaus, werden zu den Ruhepolen in unruhiger Zeit, halten ihren Laden mitten in der Krise am Laufen, entwickeln Ideen, wie es weitergehen kann. Was von einem Menschen vorher vielleicht eher im Verborgenen war, wird nun offensichtlich.
Die alte Prophetie kündigt nun, dass offenbar werden soll, was von Gott bisher verborgen war. Sie wendet sich an Menschen, die schlimme Erfahrungen hinter sich hatten, die verzweifelt waren, die sich immer wieder gefragt hatten, wo sie denn nun Gott noch finden könnten. Ihnen wird mit dieser Weissagung eine Zukunft eröffnet. Der Vorhang soll beiseite gezogen werden. Gott tritt aus der Verborgenheit heraus. Er wird sich zeigen. Der HERR nähert sich spürbar seinem Volk. Es zeigt sich, dass er da ist und die Dinge heil macht. Spürbar verändert er den Lauf der Geschichte zum Guten. So zeigt Gott seinem Volk und der ganzen Welt gegenüber sein wahres Gesicht. „Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“
Nun liegt da heute ein Kind in der Krippe im Stall von Bethlehem. Schon die ersten Christen konnten die Weissagungen der Propheten nur von dem her lesen, was sie mit Jesus erlebt hatten. Die Jesus begegnet waren, wurden in ihrem Innersten von der Kraft Gottes berührt. Wenn Jesus zu ihnen sprach, war es, als würde Gott zu ihnen sprechen. Die Kraft, die von ihm ausging, war so groß, dass Menschen dadurch gesund werden konnten. Zerbrochene Menschen wurden heil; Kranke wurden gesund in der Begegnung mit ihm. Jesu Tod am Kreuz ließ alle daran zweifeln, ob sie sich vielleicht doch getäuscht hatten. Aber dann erschien ihnen der Auferstandene und mit ihm begegneten sie Gott noch einmal und diesmal in einer unvorstellbaren Weise. Es war beinahe so, als könnten sie in das Himmelreich sehen und etwas von Gottes Herrlichkeit erblicken. In Jesus Christus zeigte und zeigt Gott noch heute seinem Volk und der ganzen Welt sein wahres Gesicht. „Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“
Was das für ein Gesicht ist, wird in dem Kind in der Krippe besonders augenscheinlich. Die meisten von uns werden schon einmal ein Neugeborenes im Arm gehalten haben. Ich erinnere mich noch gut, wie ich im letzten Jahr unseren Enkel im Arm gehalten habe: ein so kleines und hilfloses Wesen; man möchte es nur beschützen und behüten und zugleich ist man in einer Weise berührt und gerührt, wie es nur selten im Leben geschieht. Das ist der Grund, warum uns Matthäus und Lukas uns etwas von dem neugeborenen Jesus erzählen. Die ältesten christlichen Zeugnisse wissen nichts von der Geburt Jesu. Erst eine Generation nach Ostern sind die Geburtsgeschichten aufgeschrieben worden. Das aus gutem Grund: Denn in dem Kind in der Krippe ist ja schon das ganze Evangelium enthalten. Gott zeigt sich uns, Gott zeigt uns sein wahres Gesicht. Es ist das Gesicht eines neugeborenen Menschenkindes. Gott kommt so, dass er uns als Neugeborenes und wie ein Neugeborenes im Innersten berührt.
Das klingt verrückt. Aber das ist es auch. Es ist ver-rückt. Es verrückt nämlich unser Bild von Gott. Wir stellen uns Gott eigentlich immer eher als den großen Drehbuchautor und zugleich Theaterregisseur vor. Nach seinem Plan läuft alles ab und nach seinem Willen verläuft der Gang der Geschichte. Aber das sind nur unsere Vorstellungen, vielleicht unsere Wunschvorstellungen von Gott. Gottes wahres Gesicht ist ein anderes. Gottes wahres Gesicht ist das von dem Kind in der Krippe.
Es gehört zu den Gepflogenheiten, die wir uns jetzt abgewöhnen mussten, einander die Hand zu geben. Kaum jemand weiß noch, warum wir das tun. Wer einem anderen die offene Hand reicht, zeigt damit: Ich bin unbewaffnet; ich komme in Frieden; ich begegne Dir als Freund. Darum kommt Gott in diese Welt als ein Menschenkind. Das Kind in der Krippe ist auch so etwas wie die ausgestreckte offene Hand Gottes. Aber es ist noch viel mehr. Ein Handschlag ist eine Geste des Friedens und der Freundschaft. Ein Neugeborenes geht einem unmittelbar zu Herzen. Man kann in der Begegnung mit einem Neugeborenen eigentlich nicht anders, als innerlich berührt zu sein. So zeigt Gott sein wahres Gesicht. Er ist nicht der Drehbuchautor und Theaterregisseur unseres Lebens. Er ist das hilflose Kind, das unter unwürdigen Umständen zur Welt kommt. Er ist das Neugeborene in einem Stall und später auf der Flucht. Gott kommt in diesem Kind mit offenen Händen und offenen Armen in unsere Welt. In Jesus berührt er uns mit seiner Liebe. In dem Christkind und später dem erwachsenen Jesus geht Gott uns zu Herzen, schenkt er uns Frieden. So sollen wir sein wahres Gesicht sehen. So soll unser Leben heil werden. So soll es werden Frieden auf Erden.
„Eigentlich hatte ich mir den Messias ganz anders vorgestellt“ murmelte der alte Simon, als sie wieder auf dem Weg zurück zu ihrer Herde waren. Wie soll denn ein Kind unsere Welt verändern? Die Eltern müssen doch froh sein, wenn sie ihn überhaupt durchbringen – so arm, wie die sind. Der Gesandte Gottes müsste schon von einem anderen Kaliber sein.“ Auf dem Gesicht des jüngeren Scha-ul war noch immer ein Lächeln zu sehen, das ihn den ganzen Tag nicht mehr verlassen sollte. „Hast Du denn den Frieden nicht gespürt, der von diesem Kind ausging, Simon? Schon als wir den Stall betraten sah ich diesen Glanz im Gesicht dieses Kindes.“ „Glanz?“, fragte Simeon und runzelte die Stirn. Das war doch wohl eher Staub von dem Stroh in der Krippe!“ „Nein, es war ein Glanz. Aber ich habe ihn auch nicht mit meinen Augen gesehen, eher mit meinem Herzen. Es war ein Abglanz der Herrlichkeit Gottes. Vielleicht haben wir ganze falsche Vorstellungen von dem Heiland, vom dem die Propheten gesprochen haben. Ein großer Krieger kann nur große Kriege anzetteln. Daraus ist noch nie etwas Gutes entstanden. Aber ein Mensch, der die Herzen berühren kann wie dieses Kind, der könnte mit der Liebe Gottes die Welt verändern.“ „Habt ihr denn vergessen, was der Engel uns gesagt hat?“ fragte Jehuda. „Er wird es tun. Die Liebe heilt alles. Sie macht alles gut. Sie ist das wahre Gesicht Gottes.
Amen.

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