Predigt am 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 1. März 2020

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Predigt am 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 1. März 2020

01.03.2020

zu 1. Mose 3, 1 - 24; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Ein Raubtier streicht durch die Savanne. Ein Beutetier kommt in Sicht. Es verspricht Nahrung und Leben – für sich selbst und für die Jungen. Langsam schleicht sich das Raubtier an, versucht möglichst lange unentdeckt zu bleiben und sich gegen den Wind zu halten. Als es nahe genug herangekommen ist, setzt es zum Sprint an und schlägt die scharfen Fangzähne in das Fleisch seines Opfers. Wenig später ist von dem Beutetier nicht mehr viel übrig.
Liebe Gemeinde, ist das, was da geschehen ist nun gut oder böse? Weder noch. Es gehört zum Wesen eines Raubtieres, sich von Beutetieren zu ernähren. Es reißt nicht mehr Tiere, als es für seinen Nahrungsbedarf benötigt. Es hat aber auch keinerlei Mitleid mit seiner Beute, deren Leben es unter Schmerzen und Qualen beendet. Man kann sein Verhalten nicht in Kategorien von Gut und Böse fassen.
Szenenwechsel: Ein Mensch entschließt sich in einer wirtschaftlichen Notlage eine Bank zu überfallen. Wenn er nicht in wenigen Tagen eine fünfstellige Summe zurückzahlen kann, wird sein gewohntes Leben beendet sein. Die Verzweiflung lässt ihm keine Wahl. Als er das Geld übergeben bekommen hat, stellt sich ihm ein Kunde in den Weg und will ihn aufhalten. In Panik schießt der Bankräuber den Kunden an und flieht.
Ist das, was da geschehen ist nun gut oder böse? In beiden Fällen ging es mehr oder weniger ums Überleben. Dennoch wissen wir genau, dass das Verhalten des Bankräubers ethisch verwerflich ist – auch wenn vor Gericht vielleicht mildernde Umstände geltend zu machen sind. Der Mensch ist kein Tier. Er weiß, was gut und böse ist. Er hält sich nur oft genug nicht daran. Das ist seine Schuld. Darin wird die Sündhaftigkeit des Menschen offenbar.
Für mich enthält die 3000 Jahre alte Sündenfallgeschichte ein von Gottes Geist inspiriertes Wissen, dass die Menschen damals eigentlich noch gar nicht haben konnten: Der Mensch verlor seine Unschuld zu dem Zeitpunkt, an dem das Menschengeschlecht sich seiner selbst bewusst wurde. Als die ersten Menschen sich im Zuge des Schöpfungshandelns Gottes aus der Tierwelt herausentwickelten, wussten sie um sich selbst. Sie entwickelten eine Vorstellung von Gott. Sie lernten Gutes und Böses zu unterscheiden. Ein Theologe hat aus diesem Grund einmal geschrieben, dass eigentlich der Sündenfall und die Erschaffung des Menschen zusammenfallen. Das stimmt aber nur bedingt.
Wir haben als Menschengeschlecht unsere Unschuld verloren, als wir Menschen wurden. Um Menschen zu werden, mussten wir es lernen, Gutes von Bösem zu unterscheiden. Aber das ist noch nicht der Sündenfall. Der Abfall des Menschen von seiner Bestimmung und zugleich von Gott liegen an einem anderen Punkt:
Der Sündenfall liegt darin, dass wir zwar Gutes und Böses unterscheiden können, aber nicht danach leben. Wir leben nicht als Menschen, manchmal handeln wir nicht einmal wie ein Raubtier, oft genug verhalten Menschen sich wesentlich schlimmer. Denken wir an die kaltblütigen Massenmorde, die die Nationalsozialisten nicht nur, aber vor allem an Juden verübt haben. Oder denken wir an den Attentäter von Hanau. Er hat aus einer ideologischen Verblendung heraus, aufgehetzt durch das Internet bewusst den Weg des Bösen gewählt. Er hat mit voller Absicht – wie der Attentäter von Volkmarsen – Leid über seine Opfer und deren Familien gebracht hat; nur weil sie aus seiner Sicht keine menschliche Würde haben. Der Mann ist zwar ein extremes Beispiel. Letztlich wissen wir alle aber, was gut ist, aber wir denken oft genug, dass es nicht gut für uns selbst ist. Wir wissen, was gut ist, aber aus einem zutiefst eigensüchtigen Motiv heraus tun wir das Böse.
Der Rechtsterrorist von Hanau wie der Attentäter von Volkmarsen haben zugleich in extremer Weise überdeutlich gemacht, was der Kern der Sünde des Menschen ist: Sie haben sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen. In den Augen des Terroristen von Hanau gab es Menschen, die es verdienten zu leben, und solche, die auf der Welt nicht geduldet werden sollten. Das ist eine Unterscheidung, die sich das Recht anmaßt über Leben und Tod zu entscheiden. Unser Leben aber liegt allein in Gottes Hand. Von ihm kommen wir her und zu ihm gehen wir. Kein Mensch hat das Recht, über das Leben oder den Tod zu entscheiden. Nicht mal über sein eigenes, auch wenn das Bundesverfassungsgericht das seit letzter Woche anders sieht.
Der Sündenfall des Menschengeschlechts liegt im Kern in dieser Versuchung des Menschen, wie Gott sein zu wollen. Wie sagt die Schlange als Sinnbild der Versuchung zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Wir Menschen wollen nicht nur wissen, was gut und böse ist. Wir wollen selbst Gott sein. Wir wollen nicht akzeptieren, dass wir Geschöpfe Gottes sind. Das ist der eigentliche Sündenfall des Menschengeschlechtes.
Zu dem Sein-wollen-wie-Gott gehört es auch, dass wir uns als Menschen vor allem in den letzten zwei Jahrhunderten bedingungslos einer anderen Form der Erkenntnis verschrieben haben, nämlich der wissenschaftlichen. Es ist eine andere Sorte der Erkenntnis als die Unterscheidung von gut und böse. Es ist aber auch eine Erkenntnis, die uns Gott gleich machen soll. Wir wollen wissen, was die Welt im Kern zusammenhält. Wir erforschen sie. Das ist grundsätzlich nicht böse. Uns fehlt aber die Demut bei der Erforschung der Welt. Wir maßen uns nicht zuletzt an, unsere Erkenntnisse auch auf Gott anzuwenden. Da er nicht wissenschaftlich erkennbar ist, gibt es ihn nicht, denken viele. Das ist eine maßlose Überheblichkeit des Geschöpfes gegenüber seinem Schöpfer. – Aus dieser Überheblichkeit heraus setzen wir Menschen uns an die Stelle Gottes. Embryonen werden künstlich erzeugt, verwendet oder verworfen, in den einen Ländern mit mehr Auflagen versehen, in anderen ohne diesen vermeintlichen Ballast an Ethik. Wir naschen in so vielen Bereichen hemmungslos vom Baum der wissenschaftlichen Erkenntnis, weil wir letztlich Gott gleich sein wollen.
Jetzt, im 21. Jahrhundert, begreifen wir endlich, dass uns das aus dem Paradies vertreiben wird. Wir haben uns immer mehr von der Natur innerlich und äußerlich entfernt. Wir meinten, die Natur beherrschen zu können. Sehr spät, vielleicht zu spät bemerken wir, dass wir damit unsere Lebensgrundlagen zerstören. Vom Kirchenwald (hier) in Kleinwaltersdorf ist durch die menschengemachte Klimaveränderung nichts übrig geblieben. Es ist die Sünde des Menschen, sein zu wollen wir Gott, selbst Schöpfer zu sein und die Natur zu beherrschen. In diesen Tagen müssen wir lernen, dass die Natur von uns nicht zu beherrschen ist. Von Zeit zu Zeit schlägt sie zurück. Wir erhalten eine bittere Lektion in Demut.
Dabei wissen wir, dass wir nicht Gott gleich sind. Aber wir handeln dennoch so. Wir können gut und böse unterscheiden. Aber wir handeln nicht danach. Das ist der Sündenfall. Kann uns etwas davon abhalten?
Der einzige, der es kann, ist der gekreuzigte Christus. Er hat der Versuchung widerstanden, Gott gleich werden zu wollen. Der Versucher tritt im Evangelium zu ihm und bietet ihm genau das an: Jesus soll Steine in Brot verwandeln. Was soll schon dabei sein? Würde das die Ressourcen unserer Erde nicht enorm schonen? Könnten wir dadurch nicht den Hunger in der Welt abschaffen? Was also ist dabei, wenn Jesus Steine in Brot verwandelt? Die Antwort: Er würde sich wie ein sündiger Menschen verhalten und den Versuch machen Gott gleich zu werden. Seine Mission ist es aber nicht, in dieser Welt Gott gleich zu werden, sondern für uns als Mensch den Weg des Gehorsams gegenüber Gott zu gehen. Darum wehrt Jesus auch die anderen Versuchungen ab. Sein Weg ist der des Gehorsams gegenüber Gott und der Hingabe gegenüber den Menschen – bis hin zu seinem Tod am Kreuz.
Wir werden in der vor uns liegenden Passionszeit weiter Gelegenheit haben, darüber nachzudenken: Jesus hat darauf verzichtet zu sein wie Gott, obwohl er es das Recht dazu gehabt hätte. Jesus hat gewusst, was gut ist. Er hat gewusst, dass es für ihn nicht gut sein würde. Er ist den Weg in das Leiden am Kreuz dennoch gegangen.
Ihm nachzufolgen ist der Weg, der einzige Weg, den Sündenfall rückgängig zu machen. Wie wir zu Weihnachten gesungen haben: Heut´ schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.
Amen.

 

 

 

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