Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 22. September 2019

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Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 22. September 2019

22.09.2019

zu 1. Mose 28, 10 - 19a; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
hat zufälligerweise mal jemand von Ihnen in den 80er Jahren die Serie „Dallas“ in der ARD gesehen? Da ging es mit Larry Hagman in der Hauptrolle um einen gewissen J. R. Ewing, einen wirklich abscheulichen Mann, der für seinen Erfolg notfalls seine Mutter verkauft hätte, seine Frau betrog und seinen Bruder über den Tisch zog. Alles mit einem breiten Grinsen im Gesicht unter einem Cowboyhut. Im Grund ist dieser Jakob, von dem wir heute hören und lesen, auch so einer. Als Kind ist er immer der süße Kleine gewesen, der lieb bei der Mama blieb, während sein älterer Bruder Esau immer zur Freude des Vaters draußen herumzog. Sicherlich war Jakob auch der Schlauere. Als Esau einmal von der Jagd wiederkommt und völlig ausgehungert ist, nimmt er das unverschämte Angebot seines jüngeren Bruders an, für ein Linsengericht mit seinem Erstgeburtsrecht zu bezahlen. Esau ist töricht genug darauf einzugehen. Heute würde man so etwas als sittenwidrig bezeichnen.
Vielleicht fand Rebekka, die Frau des Isaak, dass nur ihr jüngerer Sohn in der Lage sei, die Familie nach dem Tod Isaaks zu führen. Vielleicht war es nicht nur die Bevorzugung des Jüngeren. Aber um ihr Ziel erreichen zu können, schreckt sie vor einem miesen Betrug nicht zurück. Sie denkt sich eine Intrige aus, auf die hätten auch die Drehbuchschreiber in Hollywood kommen können. Als Isaak den Esau bittet, ein Wild zu jagen und ihm als eine letzte Mahlzeit vor seinem Tod zu braten, lässt sie den Jakob ein Schaf schlachten. Sie bereitet es zu, als sei es Wild, und schickt den Jakob an Stelle seines Bruders zum Vater. Der wird zwar misstrauisch, weil sich der Ältere anhört wie der Jüngere. Sehen kann er kaum noch. Aber der Sohn riecht nach Esau – dazu hat Jakob etwas von seiner Kleidung angezogen. Zudem fühlt Jakob sich so an, als sei der Esau – dazu hat er sich Felle um die Arme gebunden, denn seine Haut ist ganz unbe­haart, anders als die seines älteren Bruders. So erschleicht sich Jakob den Segen des Vaters und damit Gottes, der eigentlich dem Älteren zugestanden hätte.
Als der von der Jagd heimkommt und von dem Betrug erfährt ist er natürlich außer sich vor Wut. Rebekka fürchtet um das Leben ihres Lieblings und schickt Jakob auf die Flucht zu ihrem Bruder Laban. Dort wird er vor der Rache Esaus sicher sein.
Liebe Gemeinde, ist es vor diesem Hintergrund nicht empörend, was dann in dieser ersten Nacht auf der Flucht geschieht? Ver­dient hätte Jakob einen Albtraum: gruselige Horrorgestalten, die ihm Tod und Verderben ankündigen. Stattdessen sieht er Engel auf einer Leiter zum Himmel und hört die Stimme Gottes, die ihm Segen, Schutz und Geleit zusagt. Kann Gott so etwas machen?
Nun ja, wer die Geschichte kennt, weiß: Ganz ungestraft kommt Jakob nicht davon. Sein Onkel ist nämlich aus demselben Holz geschnitzt wie die Mutter Rebekka und diesmal wird Jakob das Opfer einer Intrige: In der Hochzeitsnacht wird ihm statt der versprochenen attraktiven Braut deren unattraktive ältere Schwester unterschoben – und das nach sieben Jahren Arbeit für Rahel.
Aber wieder zurück zu dem Traum: Ist es nicht empörend, dass Gott dem Jakob Schutz und Segen zusagt?
Ja, aber es ist nicht weniger empörend, als was sich in der Ge­schichte Jesu von den zwei Söhnen abspielt. Auch da wird der Ältere ja gegenüber dem Jüngeren grob benachteiligt. Gottes Liebe zu uns Menschen funktioniert offenbar nicht nach unseren menschlichen Maßstäben. Gottes Liebe ist nach menschlichen Vorstellungen nicht immer gerecht. Aber sie ist treu. Gott macht die Zusage, die er dem Großvater Abraham gegeben hat, nicht vom Verhalten einzelner Menschen abhängig. Gott steht in Treue zu seinen Zusagen. Seine Liebe zu uns ist beständig.
Wie gut eigentlich, dass es so ist! Auch wenn Gottes Treue bei Jakob schon auf eine Probe gestellt wird. Gott steht zu den Zusagen, die er gegeben hat. Seine Liebe lässt sich auch von diesem widerlichen Betrug nicht beirren. Und so empörend das auch sein mag: Wie gut, dass es so ist! Was wäre unser Glaube wert, wenn wir uns nicht auf Gottes Liebe verlassen könnten? Wie leicht geraten wir selbst einmal in eine solche Situation, wo wir uns zu Dingen hinreißen lassen, die wir sonst nie tun würden! Jakob war noch recht jung, als er den Esau betrog. Ohne den Einfluss seiner Mutter wäre es vermutlich nie so weit gekommen. Aber kann man sich solchen Einflüssen immer entziehen? Gerade junge Leute lassen sich in der falschen Umgebung manchmal zu Dingen verführen, die man ihnen nicht zugetraut hätte.
Gut, dass wir dann nicht immer gleich Angst haben müssen, dass unser Verhältnis zu Gott dadurch in Frage gestellt wird. Gott freut sich wirklich nicht über unser Fehlverhalten. Oft genug lässt er es auch zu, dass unser Fehlverhalten uns selbst auf die Füße fällt. Laban hat er nicht daran gehindert, Jakob über´s Ohr zu hauen. Aber seine Liebe zu uns, sein Schutz und Segen stehen dennoch nicht zur Disposition. Auf sie dürfen wir uns verlassen. Ihm dürfen wir unser Vertrauen schenken. Egal, was kommt. Gott sei Dank!
Jakob wiederum ist sehr sensibel und offen für die Zusage des Segens Gottes. Die Engel aus seinem Traum lassen ihn ver­stehen: Gott ist ihm real nahe gekommen. Mitten in seiner verzweifelten Lage, in die er sich selbst gebracht hat, bekommt er ein Gespür für Gottes Gegenwart. Vielleicht liegt es daran, dass man in einer Krise Gottes Nähe anders wahrnehmen kann als im normalen Alltag. Vielleicht hat der oberflächliche und egoistische Jakob aber doch auch eine Tiefe, die man vorher nicht erahnt hätte.
Dafür spricht auch, wie er weiter vorgeht an diesem Morgen. Er will dankbar sein – jetzt und auch weiterhin auf seinem Weg durch das Leben mit Gott an seiner Seite. Um die Heiligkeit Gottes zu ehren und ebenso die Heiligkeit des Ortes baut er einen Altar. Um sich dankbar Gott gegenüber zu erweisen, gießt er als Opfer für Gott etwas Öl auf diesen Altar. Man darf das nicht gering achten: Rebekka hat ihm vermutlich als Proviant für die Flucht etwas Mehl und Öl mitgegeben. Davon etwas zu opfern, ist schon ein wirkliches Opfer – und ein Ausdruck echter Dankbarkeit.
Vielleicht sind es diese aufwühlenden und herausfordernden Geschichten, die uns in unserem Glaubensleben wirklich weiterbringen. Ja, dieser Jakob hat sich wirklich wie ein Schwein verhalten. Tut mir leid. Mir fällt leider auch von der Kanzel kein besserer Ausdruck ein. Aber gerade an ihm beweist sich für uns Gottes Liebe in ihrer unglaublichen Beständigkeit und Treue – auch uns gegenüber. Wir haben gestern in meinem Heimatort eine Frau zu Grabe getragen, die hat es nicht immer leicht gehabt im Leben. Aber Gott hat sie durch die schweren Zeiten getragen, hat sie immer wieder auch seinen Segen spüren lassen und sie mit einer beachtlichen Lebensfreude und Liebe zu den Menschen versehen. So war ihr Leben reich in aller Gebro­chenheit ihres Lebens. Mitten in den Krisen und Wüsten unseres Lebens ist Gott auch für uns heute da mit seinem Segen und seiner helfenden Hand. Manchmal müssen wir es nur wahrneh­men – wie Jakob es konnte.
Wie er sind wir dann auch herausgefordert, Gott die Ehre zu geben. So, wie wir es heute in diesem Gottesdienst und an so vielen Sonntagen tun. Nicht zuletzt unsere Dankbarkeit ist herausgefordert – auch unser Opfer. Wir leben in einer Zeit, in der Verzicht und Opfer nicht gerade angesagt sind. Die Bundes­regierung hat gefürchtet, für die Bewahrung der Schöpfung Got­tes der Bevölkerung weder das eine noch das andere zumuten zu können. In Bezug auf uns Christen sollte das ein Irrtum sein.
So ist Jakob dann doch anders als die Bösewichte aus ameri­kanischen Fernsehserien. Er vertraut auf die Vergebung und Liebe Gottes. Er gibt Gott die Ehre. Er ist dankbar. Und am Ende wird er seine Schuld gegenüber Esau bekennen und sich mit ihm versöhnen. So etwas macht Gottes Liebe mit einem Leben. Gott sei Dank.
Amen.

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