Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 27. Oktober 2019

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Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 27. Oktober 2019

28.10.2019

zu Johannes 5, 1 - 16; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wie geht man mit den Dingen um, die man lieber aus seiner Bio­graphie streichen würde? Da hat sich eine zu einer Affäre hinreißen lassen, die sie im Nachhinein als den größten Fehler ihres Lebens betrachtet. Ein anderer hat in seiner Jugend Gedan­ken angehangen, von denen er sich inzwischen innerlich entfernt hat. Oder eine war einen Moment am Steuer unaufmerksam und hat einen Menschen angefahren, der dabei war, die Straße zu überqueren. Wie geht man mit solchen Dingen um?
Eine Strategie ist es, die Angelegenheit zu verdrängen. Sie wird im Gedächtnis in eine Art Tresor eingeschlossen und der Schlüs­sel wird gedanklich in einen ganz tiefen See geworfen. Manche schaffen es, etwas so gut zu verdrängen, dass sie subjektiv nicht einmal lügen, wenn sie danach gefragt werden. Manche bauen darauf, dass schon nichts herauskommen wird und können damit auch ganz gut leben. Wenn ihnen doch jemand auf die Spur kommt, streiten sie einfach alles ab. Wieder andere ergreifen die Flucht. In Chemnitz, so las ich es kürzlich, hat eine Frau einen schweren Verkehrsunfall verursacht und dann Fahrerflucht begangen. Der Gedanke an das Geschehen war für sie so schrecklich, dass sie sich dem nicht stellen konnte. Die Flucht nach Hause war so etwas wie ein Rückzug in den normalen und heilen Alltag, der so jäh unterbrochen worden war. Nun muss sie sich vor Gericht auch noch wegen Fahrerflucht verantworten.
Die Geschichte, die wir heute hören und lesen, ist die Geschichte von genau so einer Flucht. Es ist die Geschichte eines gelähmten Mannes am Teich Betesda. Jesus kommt auf seinem Weg nach Jerusalem dort vorbei und sieht den Mann liegen. Er hört, dass dieser Mann hier schon seit fast vier Jahrzehnten liegt. Eine unvorstellbare Zeit! Wie lange hat er hier schon zugebracht! Jesus spricht ihn an und stellt ihm eine merkwürdige Frage: „Willst Du gesund werden?“ In einer Predigtmeditation zu diesem Text schreibt ein Genfer Theologieprofessor, diese Frage habe wegen ihrer Unnötigkeit den Auslegern schon immer zu schaffen gemacht; natürlich wolle der Kranke gesund werden. Da sieht man einmal, dass auch gelehrte Männer unterschätzen, wie nötig manche unnötigen Worte in der Bibel doch sind. Jesus stellt diese Frage natürlich ganz bewusst! Denn es ist doch absurd, was der Kranke antwortet: „Ich habe keinen Menschen, der mich zum Teich bringt. Wenn das Wasser sich bewegt, war immer einer schneller als ich.“ Es kann doch nicht sein, dass jemand 38 Jahre lang vergeblich auf seine Chance wartet und sich in all den Jahren nie die Gelegenheit für ihn geboten hat, in den Teich zu gelangen und dort im Wasser Heilung zu finden. Die Frage Jesu ist mehr als berechtigt: Will der Kranke eigentlich wirklich gesund werden? Oder hat er sich in seiner Krankheit ganz gut eingerichtet? Hat er sich vielleicht sogar in seine Krankheit geflüchtet? Ist seine Lähmung für ihn eine Art Schutzschild, hinter dem er sich gut verstecken kann?
Vor was sie ihn beschützt, wird dann bei der nächsten Begegnung zwischen Jesus und dem Geheilten, im Tempel, deutlich. Denn nicht zufällig sagt Jesus zu ihm: „Sündige nicht mehr, dass Dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.“ Offenbar hatte der Geheilte eine Schuld auf sich geladen, die ihn buchstäblich gelähmt hat. Wir erfahren nicht was es war. Aber es muss doch so erheblich gewesen sein, dass ihn diese Schuld 38 Jahre lang buchstäblich am Boden gehalten hat. Vielleicht hat er jemandem unsägliches Leid zugefügt und in seinem eigenen Leid eine Art Selbstbestra­fung vollzogen. Vielleicht hat er sich auch in die Krankheit ge­flüchtet, um seinem Opfer oder dessen Angehörigen nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. Kürzlich machte der Fall eines ara­bischen LKW-Fahrers Schlagzeilen. Er hatte eine junge Anhal­terin im Affekt getötet, weil sie ihm nach einem An­näherungs­versuch ins Gesicht geschlagen hatte. Er bat den Richter um ein Todesurteil. Aber eine solche Flucht vor der eigenen Schuld erlaubt unser Rechtssystem zu Recht nicht.
Alles andere als eine unnötige Frage also: „Willst Du gesund werden.“ Über Jesus wird an anderer Stelle eine ähnliche Ge­schichte erzählt. Da wird ihm ein Gelähmter durch ein Dach hindurch buchstäblich zu Füßen gelegt. Ihm sagt er vor der Heilung: „Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben.“ Hier sagt Jesus einfach: „Steh auf.“ Jesus weiß, warum der Kranke so viele Jahre am Teich Betesda gelegen hat. Spätestens in der Be­gegnung mit Jesus kann auch der Kranke seine Schuld nicht mehr verdrängen oder sich in seine Krankheit flüchten. Auch er weiß, was es eigentlich bedeutet, wenn Jesus zu ihm sagt: „Steh auf!“ Nämlich: Sei frei von der Schuld, die dich niederdrückt. Lebe aus der Vergebung Gottes. Du darfst Dich wieder aufrichten Kehre zurück in das Leben.“ Später aber wird er den Geheilten noch davor warnen, erneut die Sünde über sein Leben bestimmen zu lassen.
Liebe Gemeinde, der Begriff Sünde ist in den Augen vieler von vorgestern: Das Lieblingsthema der Kirche; keiner braucht das. Dabei ist es so überaus aktuell. Die Frage von Schuld und Sünde hat uns ja in den vergangenen Tagen in unserer Landeskirche so sehr bewegt. Da gab es Schuldzuweisungen in ganz unterschied­lichen Richtungen. Die einen beschuldigten den noch amtierenden Landesbischof, seine Vergangenheit verschwiegen und sich nicht ausreichend von vergangenen Äußerungen distanziert zu haben. Die anderen sahen darin eine Rufmordkampagne mit dem Ziel, einen Landesbischof zum Rücktritt zu drängen, der sich nichts vorzuwerfen habe. Da wird wieder einmal ein Riss in unserer Landeskirche deutlich, an dem viele die Schuld tragen – nicht nur auf der einen Seite des Risses. – Aber auch in unserem ganz alltäglichen Leben bietet sich Tag für Tag jedem einzelnen von uns die Möglichkeit in vielerlei Hinsicht schuldig zu werden. Es gibt ja dieses humorvolle Morgengebet, wo einer betet, bisher habe er den ganzen Tag lang noch nichts falsch gemacht, aber gleich würde er aufstehen und dann brauche er wirklich Gottes Hilfe. Da wird in Humor verpackt, was wir so besser ertragen können: Wir werden immer wieder im Großen oder Kleinen schuldig: Wir sprechen ein unachtsames Wort, das jemanden verletzt; wir haben keine Zeit für jemanden, der einen gebraucht hat, oder wir haben jemanden willentlich oder aus Unaufmerk­samkeit schlecht behandelt. Manchmal haben diese Dinge keine großen Folgen; manchmal aber schon. Dann liegt eine Last auf den Schultern, die kaum zu tragen ist. Sie kann einen Menschen niederdrücken.
Das wunderbare an der Geschichte von der Heilung am Teich Betesda ist: Jesus fragt nicht nach der Vorgeschichte des Kranken Er erhebt auch keinen Zeigefinger. Er sagt einfach: „Steh auf!“ Er richtet den Kranken auf. Er vergibt ihm seine Schuld und gibt ihm so den aufrechten Gang zurück. Jesus spielt die Schuld des Kranken dabei nicht herunter. Er nimmt sie schon ernst, wie seine späteren Äußerungen deutlich machen. Aber er nimmt dem Kranken die Last der Schuld von seinen Schultern – und seinem Gewissen.
Wie kann man mit Schuld umgehen, fragte ich eingangs. Die Antwort kann nur sein: Wir vertrauen sie Jesus Christus an. Was wir selbst nicht tragen können, wird er in die Hand nehmen. Das, was in unserem Leben falsch gelaufen ist; wo wir andere an Leib oder Seele beschädigt haben, das können wir in seine Hände legen. Dort ist es gut aufgehoben. Was uns niederdrückt, nimmt er von uns. Das Vertrauen darauf lässt uns wieder aufrecht gehen. Es macht uns frei, unsere eigene Schuld zu erkennen und sie auch denen gegenüber zu bekennen, an denen wir schuldig geworden sind.
Das Vertrauen auf die Vergebung macht uns aber nicht zuletzt auch frei, die Schuld der anderen zu vergeben. Denen beispiels­weise zu vergeben, die in den letzten Wochen in dem Konflikt um den Landesbischof Fehler gemacht haben – auf welcher Seite auch immer sie gestanden haben und stehen. Denn genau deswegen hat unser Herr uns zu beten gelehrt: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Amen.

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