Predigt am 2. Christtag 2020

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Predigt am 2. Christtag 2020

26.12.2020

zu Hebräer 1, 1 - 4; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wir saßen in dem kleinen Lehrerzimmer der Grundschule eines kleinen Ortes am südlichen Harzrand: die beiden Lehrerinnen, der Direktor und ich, der Vikar im Schulpraktikum. Das Gespräch nach Schulschluss kam auf ein Mädchen, das am Vormittag etwas anstrengend gewesen war. „Die Mutter war doch genauso“, sagte der Direktor. Er war kurz vor dem Ruhestand und unterrichtete bereits die dritte Generation in meiner Vikariatsgemeinde. „Da brauchen wir uns doch nicht zu wundern, dass sie so ist.“
Manche Kinder sind wirklich ein Abziehbild ihres Vaters oder ihrer Mutter. Manchmal sind sie es eher äußerlich, manchmal sind sie einem Elternteil auch vom Wesen her verblüffend ähnlich; wie es bei dem kleinen Mädchen und seiner Mutter offenbar der Fall war.
Mit Jesus und Gott, den Jesus seinen Vater genannt hat, ist es nach den Worten des Apostels ebenso. „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens“, lesen wir im Hebräerbrief. Die Ähnlichkeit zwischen Jesus und dem himmlischen Vater geht aber noch viel weiter. In Jesus ist Gott selbst in diese Welt gekommen. Darum kann der Apostel schreiben, dass Gott letztgültig durch Jesus zu uns gesprochen hat: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ Jesus ist also nicht nur ein Prophet gewesen. Er hat nicht wie ein Botschafter im Auftrag der Regierung deren Worte übermittelt. Gott hat durch Jesus mit seinem ganzen Leben, mit seinen Worten und Taten zu uns gesprochen – und zwar von Weihnachten bis Ostern.
Fangen wir mit Ostern an. Ohne die Auferstehung Jesu gäbe es gar keinen Glauben. Ohne Ostern würden wir heute nicht Weihnachten feiern. Denn ohne die Ostererscheinungen wäre es mit Jesus und seiner Bewegung am Karfreitag vorbei gewesen. Niemand auf die Idee gekommen, Jesus als das Ebenbild und den Abglanz Gottes zu bezeichnen. Jesus wäre als ein gescheiterter Wanderprediger in Erinnerung geblieben. Die Erscheinungen des Auferstandenen haben erst den Glauben begründet. Dass die Jünger dem lebendigen Christus begegneten, war der Anfang von allem. Die Gewissheit brannte in ihren Herzen: Gottes Geist, Gottes Kraft war in Jesus schon zu dessen Lebzeiten anwesend gewesen. Das war keine Illusion. Ostern hatte das bekräftigt. Gott hatte es durch die Auferweckung bekräftigt. Jesus war tatsächlich das gewesen, was der Apostel den Abglanz der Herrlichkeit Gottes nennt. Durch ihn hatte Gott sich uns mitgeteilt.
Das Kreuz Jesu ist dabei so etwas wie ein Liebesbrief Gottes an uns. „Seht her! So viel seid ihr mir wert, dass ich in meinem geliebten Sohn Jesus bereit bin, für euch in den Tod zu gehen. Damit euch euer Tod nicht von mir trennen kann, gehe ich dorthin und ich schenke euch neues Leben.“ Diese Liebe hat Jesus den Menschen bis zu seinem Tod vorgelebt und gepredigt. Er ist hingegangen zu den Sündern und hat ihr Leben mit ihnen geteilt. Er hat ihnen damit die Vergebung Gottes zugesprochen und sie wieder hineingenommen in die Gemeinschaft mit seinem Vater. Gebrochene hat Jesus aufgerichtet, Mutlose ermutigt, Trauernde getröstet. Gottes Liebe zu uns Menschen sprach aus allem, was Jesus getan und gepredigt hat.
Es ist allerdings ein großes Missverständnis, wenn wir den Ernst dieser Liebe nicht wahrnehmen würden. Jesus hat die Menschen zur Umkehr gerufen. Er hat uns in die Nachfolge gerufen. Gottes Liebe will unser eigenes Leben verändern und zwar in einer radikalen Weise. In den Abendandachten im Advent lasen wir die Geschichte, wo Menschen zu Johannes dem Täufer kommen. Sie fragen ihn: Was sollen wir tun? Er antwortet ihnen: „Wenn jemand zwei Hemden hat, gebe er eines dem, der keines hat.“ Zwei Hemden sind ja eigentlich schon das absolute Minimum. Dann braucht man nicht halbnackt herumzugehen, wenn das eine Hemd gewaschen wird und zum Trocknen aufgehängt ist. Aber wenn es jemanden in der Umgebung gibt, der nicht einmal ein Hemd hat? Was hieße das übersetzt in unsere Zeit? Spende alles, was Du irgendwie entbehren kannst, zur Unterstützung der Armen in Afrika oder von Flüchtlingen in den Lagern in Griechenland? Es gibt Menschen, die so leben! Es gibt auch Menschen unter uns, die auf diesem Weg sind. Wie viel Zeit investieren manche von uns in ehrenamtliches Engagement für die Kirchgemeinde! Wie viel Geld spenden manche von uns für Hilfsprojekte! An vielen Stellen spürt man es Christen ab, dass die Liebe Gottes ihr Leben prägt, diese Liebe, die Christus uns vorgelebt hat.
An ihr wird dann wiederum auch deutlich, dass durch Christus wirklich Gott zu uns gesprochen hat. Man könnte ja theoretisch auch den Glauben an Christus als eine Verschwörungstheorie ansehen. Manche tun das auch. Da wird vermutet, die Jünger hätten die Leiche Jesu versteckt und nur behauptet, er lebe. Wenn es so wäre, würden wir alle eine Verschwörungstheorie glauben wie die, die Covid19-Epidemie sei eine Erfindung von Bill Gates. Aber der Unterschied liegt auf der Hand: Die Corona-Leugner werden getrieben von ihrer Unzufriedenheit, ihrer Abneigung gegen „die da oben“. Sie finden in ihrem Irrglauben keinen Frieden. Sie tun vor allem ihrer Umwelt damit nichts Gutes. Sie tragen erheblich zur Ausbreitung der Epidemie bei, zu Erkrankungen, der Überlastung der Krankenhäuser und Todesfällen. Christen dagegen, die sich von der Liebe Gottes leiten lassen, finden in ihrem Glauben Frieden und sie leben so, dass es auch anderen gut geht. Sie übernehmen Verantwortung, stehen anderen bei, helfen. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, hat Jesus einmal gesagt.
Durch Jesus hat Gott unmittelbar zu uns gesprochen. Der Abglanz Gottes lag insofern schon als Neugeborenes zu Weihnachten in der Krippe im Stall von Bethlehem. Damit ging es los, dass Gott sich uns mitgeteilt hat und mitteilt. Zu Ostern lädt er uns ein an Jesus als das Ebenbild Gottes zu glauben. Durch Jesu Leben und Wirken und sein Sterben am Karfreitag lädt er uns ein, der Liebe Gottes zu vertrauen und unser Leben von ihr prägen zu lassen. Was ist dann die Botschaft der Geburt zu Weihnachten? Vielleicht ahnen sie es: Gott öffnet uns den Himmel und lässt uns hoffen!
Jedes neugeborene Menschenkind ist ja ein Versprechen auf die Zukunft. Wenn ein Kind geboren wird, wissen wir: Das Leben geht weiter. Es kommt die nächste Generation in der Familie. Da wird einer die eine oder andere Familientradition fortsetzen, das eine oder andere Möbelstück im Familienbesitz behalten, sich an einen erinnern. Irgendetwas von einem lebt in diesem Kind weiter, das da geboren worden ist. Und sei es das unmögliche Verhalten in der Schule. Darum ist es auch so extrem schmerzlich, ein Kind zu verlieren. Denn damit geht auch die Zukunft verloren.
Das Christuskind im Stall von Bethlehem ist in einer noch ganz anderen Weise ein Versprechen auf Zukunft hin. Der Sohn der Maria verspricht uns, dass Gott uns eine Zukunft schenkt. Wer dem Kind ins Gesicht sieht, sieht den Abglanz der Herrlichkeit Gottes. „Da bin ich“, sagt Gott zu uns durch dieses Kind. „Ich mache alles wahr, was ich versprochen habe. Ich lasse diese Welt nicht allein. Ich bin mit euch auf dem Weg. Ich begleite euch auch durch finstere Täler. In diesem Menschen Jesus gehe ich sogar durch den Tod mit Euch und öffne euch die Tür zu einem ewigen Leben. Durch das Kind in der Krippe schenke ich euch Zukunft und Hoffnung.“
Der Morgen begann fast zu grauen, als die Hirten wieder zur Schafherde zurückkamen. „Was habt ihr gesehen?“ fragte der alte Hirte. Er war bei den Schafen geblieben. Einer musste bleiben und für ihn wäre der Weg doch beschwerlich geworden. „Ein Kind“, sagte der eine, „ein Neugeborenes in einem Stall – wie es der Engel gesagt hat.“ „Mehr nicht?“ fragte der Alte. „Doch!“, antwortete der Hirte. „ Es war, als würden wir dem Herrn der Himmel ins Gesicht sehen können. Nun weiß ich, dass Gott mit uns ist. Wir sind nicht allein. Das ist mein fester Glaube.“ – „Bei diesem Kind ist es mir ganz warm ums Herz geworden – als hätte Gottes Liebe zu uns Fleisch und Blut in einem Neugeborenen angenommen“, sagte ein anderer und setzte sich ans Feuer – nicht ohne zuvor dem Alten mit einer ganz zärtlichen Geste eine Decke zu geben. – „Mir hat dieser neugeborene Junge Hoffnung gegeben“, sagte der Jüngste. „Es wird gut werden durch ihn. Barmherzigkeit und Liebe werden siegen – auf eine wunderbare Weise.“
Amen.

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