Predigt am 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 8. März 2020

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Predigt am 2. Sonntag in der Passionszeit (Reminiszere), 8. März 2020

08.03.2020

zu Römer 5, 1 - 5; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
Hoffnung lässt nicht zuschanden werden, schreibt der Apostel. Hoffnung ist ja ein großes Wort. Worauf hoffen wir eigentlich? Worauf hoffe ich ganz persönlich? Auf das nächste Wochenende? Auf den nächsten Geburtstag in der Familie? Auf den nächsten Urlaub? Auf eine neue berufliche Herausforderung? Oder habe ich vielleicht gar nicht mehr viel zu hoffen? Ich habe in der nun beginnenden Woche einen Mann aus unserer Gemeinde zu bestatten, der ist letztlich an seiner Hoffnungslosigkeit gestorben.
Die Hoffnung, die der Apostel meint, ist eine ganz andere. Sie ist viel größer, viel wunderbarer als diese kleinen Hoffnungen des Alltags, die ich eben aufgezählt habe. Die Hoffnung des Apostels richtet sich allein auf Jesus Christus. Der Apostel hofft mit den anderen Aposteln und den Christen der ersten Zeit darauf, dass unsere ganze Welt und unser Leben als Christen im Licht von Ostern verwandelt werden. Was mit Christus geschehen ist im Grab des Josef von Arimathia, das soll mit der ganzen Welt geschehen und mit unserem Leben als Christenmenschen. Diese Hoffnung brannte in dem Apostel, war er doch dem Auferstandenen begegnet. Paulus hatte auf dem Weg nach Damaskus einen Blick in die neue Welt Gottes werfen dürfen. Die anderen Apostel waren ja dem Auferstandenen zu Ostern begegnet. In ihnen allen brannte diese Hoffnung so sehr, dass sie sich in die ganze Welt ausgebreitet hat.
Um etwas von dieser Hoffnung in den Christinnen und Christen in Rom zu wecken, erzählt Paulus von dem Kreuzestod Jesu. Denn das Kreuz Jesu ist letztlich der Grund unserer Hoffnung. Am Kreuz, schreibt der Apostel, wird die Liebe Gottes sichtbar. Denn wer wäre bereit, für einen anderen zu sterben? Für einen Gerechten würde man vielleicht in den Tod gehen, so Paulus. Eltern würden es sicherlich für ihre Kinder tun, möchte ich ergänzen, wie die junge Mutter in Grimma, die neulich bei dem Versuch ihre kleineren Kinder zu retten ums Leben gekommen ist. Aber Gott hat sich anders verhalten: In Christus hat er sich in den Tod hineinbegeben, um uns Menschen zu retten. Wir aber sind keine Gerechten, findet der Apostel, und man kann ihm nur zustimmen. Viel zu sehr beschäftigen wir uns mit uns selbst und richten unser Augenmerk in erster Linie darauf, dass unser Leben gesichert ist. Bis dahin, dass wir aktuell die Nudelregale leerkaufen. Hauptsache, ich werde genug zu essen haben; was interessieren mich die anderen? Gottes Liebe zu uns aber ist so groß, dass er bereit ist, in Jesus Christus für uns schuldige Menschen die Schmerzen und den Tod am Kreuz auf sich zu nehmen.
So grenzenlos ist Gottes Liebe zu uns, dass er sich der Boshaftigkeit der Menschen opfert und unseren Tod teilt. Aber wenn Gott uns schon so geliebt hat, als wir noch Feinde Gottes waren, argumentiert Paulus, was werden wir dann in der Ewigkeit Gottes erleben, wo wir doch jetzt mit ihm untrennbar durch Christus verbunden und seine Kinder sind? Wie herrlich wird sie sein, die Herrlichkeit Gottes!
Worauf hoffen wir eigentlich? fragte ich eingangs. Warum erschöpft sich unsere Hoffnung oft in diesen kleinen alltäglichen Dingen, wo wir doch diese großartige Hoffnung in uns tragen? Paulus rühmt sich nicht allein der „Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird“. Er rühmt sich auch der Bedrängnisse, die letztlich zur Hoffnung führen. Diese wiederum lässt nicht zuschanden werden. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage, warum die Hoffnung in uns manchmal etwas verschüttet wird unter den alltäglichen kleinen Hoffnungen. Unser Leben verläuft in der Regel so geradlinig, so unaufgeregt, in so ruhigen Bahnen. Wir haben gar keinen Anlass, auf die Hoffnung unseres Glaubens zurückzugreifen. Ganz anders ist es, wenn wir plötzlich merken, dass der Grund brüchig wird, auf dem wir stehen. Im persönlichen Bereich erleben wir das, wenn wir beispielsweise mit einer schweren Krankheit konfrontiert werden oder mit einer Brandkatastrophe wie im März letzten Jahres in der Altstadt und zuletzt in Brand-Erbisdorf und in Grimma. Jetzt aber merken wir, dass auch der Grund, auf dem unsere ganze Zivilisation steht, leicht ins Wanken gerät. Wir erleben eine Epidemie, die zwar nicht mit früheren Seuchen wie der Pest zu vergleichen ist – bei weitem nicht. Dennoch gerät plötzlich manches ins Rutschen. Wir spüren, dass der Boden unter unseren Füßen brüchig wird. Wir erleben, dass wir etwas anderes brauchen, das uns Halt gibt. Für den neuen Gemeindebrief habe ich in der Endredaktion eine Karikatur ausgesucht für einen Gottesdienst in Großschirma zum Thema „Vertrauen“. Da sagt einer zu dem anderen: „Ich weiß gar nicht, warum Du immer so gelassen bist.“ Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass der Gelassene einen Schwimmring um sich trägt, der an einem Seil befestigt ist. Das wiederum hängt vom Himmel herab. Wir haben diese Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt. Wir haben die Hoffnung, dass es weitergeht mit uns, selbst wenn die Welt unterginge. Wir haben die Hoffnung, die eine Corona-Pandemie zu einer Nichtigkeit werden lässt. Wir hoffen auf eine Zukunft mit dem lebendigen Christus. Das trägt. Das lässt nicht zuschanden werden. Umgekehrt spüren wir diese Hoffnung in solchen unruhigen Zeiten viel intensiver als sonst. Denn die Bedrängnisse bringen Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, wie der Apostel schreibt.
In einer ganz anderen Weise als wir erleben Christen in Syrien und manchen anderen Ländern solche Bedrängnisse. Ihnen ist der heutige Sonntag Reminiszere gewidmet. Ihre Bedrängnisse haben weniger mit der Angst vor Ansteckung und dem Rückgang von Aktienkursen und Konjunktureinbrüchen zu tun. Sie leiden wie ihre Mitmenschen unter Krieg, Gewalt und Unterdrückung. Sie leiden aber als Christen auch unter einer Verfolgung, die sie vor dem Krieg so nicht kannten. Die Diktatoren des Orients sind sicher nichts, was man sich wünschen kann. Aber für die unsere Glaubensgeschwister in Syrien, im Irak, in Ägypten gab es ein einigermaßen sicheres Leben unter einem Mubarak, Assad und Saddam Hussein. Wo die ihre Macht verloren und islamistische Fanatiker schalten und walten konnten, hatten die Christen in diesen Ländern am meisten auszustehen. Viele von ihnen sind geflohen, zum Leidwesen ihrer Kirchen. Aber sie haben ihrem Glauben nicht abgeschworen. Sie haben in einer unvergleichlichen Weise erlebt, was das Wort „Bedrängnisse“ bedeutet: Wenn man Angst haben muss, einen Gottesdienst zu feiern. Wenn man nicht weiß, ob man den Gottesdienstbesuch mit seinem Leben bei einem Bombenanschlag verliert. Wenn der Nachbar einen aus dem eigenen Haus vertreibt. Aber sie sind standhaft geblieben. Sie haben sich in einer beeindruckenden Weise tragen lassen von dieser Hoffnung, die nicht zuschanden werden lässt.
Von dieser Hoffnung erzählen das Zeugnis und das Gebet einer syrischen Christin aus Latakia in Syrien:
„Meine Schmerzensreise begann an dem Tag, als mein Mann, unsere drei Kinder und ich vertrieben wurden aus unserem Haus, von unserem Grundstück. Tagelang haben wir gelitten, waren wie zerschmettert, traurig, erschüttert – ich kann es nicht in Worte fassen. Ruhe und Schlaf und Frieden haben mich für lange Zeit verlassen. Gott allein weiß, was wir fünf ausgestanden haben, besonders, als wir hungern mussten. Aber – Gott sei Dank: Er hat uns nicht verlassen, hat uns nicht im Stich gelassen.
Ich bitte Dich, Gott, dass Du mir, einer Mutter und einer Ehefrau, den Frieden Deines Geistes schenkst. Damit, wie wütend der Sturm auch sein mag und das Boot meines Lebens zum Schwanken bringt, ich keine Angst habe, weil Du bei mir bist.
Mein Gott, lehre mich Langmut und Geduld, damit ich nicht von Groll erfüllt bin. Und halte mich aufrecht durch Deine Kraft, damit ich überwinden kann, was mir begegnet.
Erfülle mein Herz mit dem Trost Deines Geistes, damit ich zum Trost für andere werden kann, die Ähnliches erleben.
Hilf mir, auf Dich zu vertrauen und in Deiner Nähe zu bleiben. Um deine Stimme und diese wunderbaren Worte zu hören:
„Sei mutig und unverzagt. Hab’ keine Angst, denn ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende.“
Amen.

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