Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 16. Februar 2020

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Predigt am 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 16. Februar 2020

16.02.2020

zu Hesekiel 2, 1 - 3, 3; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Herr, ich gehe nicht dorthin. Ich mache das nicht. Das kommt überhaupt nicht in Frage!

Doch, du wirst zu den Menschen gehen.

Nein. Sie hören ohnehin nicht auf mich.

Auf dich sollen sie auch nicht hören. Sie sollen auf mein Wort hören.

Dein Wort wollen sie erst recht nicht hören. Sie sagen: Was ist das für ein Gott, der uns nicht beschützt hat in diesem Krieg gegen die Babylonier? Jetzt sitzen wir hier im erzwungenen Exil, in der Fremde. Wo ist Gott denn jetzt? Was soll ich ihnen denn da antworten?

Das muss ich dir nicht sagen, Menschenkind. Du weißt es. Habe ich sie denn ins Exil geführt?

Nein, aber du hast zugelassen, dass sie sich lieber auf militärische Allianzen und politische Tricks verlassen haben anstatt auf Dich zu vertrauen und sich von Dir führen zu lassen.

Ein weises Wort. Sie wollten eben schon damals lieber ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, anstatt mir ihr Leben anzuvertrauen. Immer wollen sie ihren eigenen Weg gehen.

Das liegt nun mal in unserer menschlichen Natur, Herr. Hast Du uns nicht so geschaffen?

Ich habe euch so geschaffen, dass ihr wählen könnt. Ihr könnt mitfühlend sein, Kompromisse schließen, aus einem tiefen Vertrauen auf mich leben, Frieden stiften, euer Leben riskieren für das, was ihr liebt. Ihr könnt aber auch grenzenlos egoistisch sein, nichts neben euch gelten lassen, nur auf vermeintliche eigene Strategien setzen, rücksichtslose Gewalt ausüben und notfalls über Leichen gehen. Leider setzt sich immer wieder diese Seite in eurem Wesen durch. Aber gerade darum wirst du gehen und dem Volk sagen, dass sie sich neu hinwenden sollen zu mir.

Ich gehe nicht. Sie werden nicht auf mich hören.

Darauf kommt es nicht an, Ezechiel. Ich lasse ihnen die Freiheit, sich weiter gegen mich zu verhärten. Sie sollen aber hören, dass sie bei mir allein das Leben finden werden; niemals können sie eine Zukunft abseits von mir finden. Sie sollen hören, dass ich sie nicht aufgebe. Ich gehe ihren Weg mit ihnen, auch wenn sie eigene Wege gehen. Dein Auftreten soll das unübersehbar deutlich machen.

Aber sie werden mich anfeinden. Ich sehe schon den Hass in ihren Gesichtern. Ich habe Angst vor denen.

Fürchte dich nicht!

Fürchte dich nicht? Mehr hast Du dazu nicht zu sagen?

Fürchte Dich nicht.

Und?

Nichts und. Sie sind so. Es macht ihnen Freude, ihre Wut in sich groß werden zu lassen. Sie sind in eine Sackgasse hineingerannt und nun suchen sie einen Sündenbock. Lass dich davon nicht beirren. Geh hin und rufe sie in meinem Namen zur Umkehr! Warne sie! Sie werden weiter in ihr Unglück rennen. Sie werden die Konsequenzen tragen müssen. Ich werde diese nicht von ihnen abwenden. Sie haben die Freiheit ihren eigenen Weg zu gehen. Dann müssen sie aber auch sehen, wohin er sie führt.

Ich gehe nicht.

Du wirst meinen Auftrag ausführen. Du kannst nicht anders. Du bist ein Prophet.

Wie kann ich ein Prophet sein? Ausgerechnet ich! Ich weiß nicht einmal, was ich ihnen sagen soll.

Du wirst es wissen.

Wie werde ich es wissen?

Ich werde es in dich hineinlegen, was du sagen sollst.

Wie willst du das machen.

Ich lasse es Dich verinnerlichen. Ich gebe dir meinen Geist. Mach deinen Mund auf?

Warum?

Iss!

Diese Schriftrolle?

Ja, sie wird dir immer ein Zeichen sein, dass es mein Wort ist, das Du verkündigst.

Träume ich?

Wie anders als in einer Vision sollte ich mir Dir sprechen können. Aber mein Wort in Dir ist ganz real. Du kannst und du sollst und Du wirst es nun verkündigen. Das Volk hat ein Recht darauf es zu hören, gerade weil ihre Herzen hart sind und sie sich in ihrer Wut und ihrer Abwehr gegen mich verlieren. Sage ihnen, wohin ihr Weg sie führen wird.

Herr, es sind bittere Worte, die Du mich verkündigen lässt. Ich fühle ein kommendes Geschrei und eine große Klage.

All das wird kommen, wenn sie nicht umkehren zu mir. Nun öffne deinen Mund und iss.

Herr, es fängt an, süß zu schmecken.

Ezechiel, es ist mein Wort, das ich in Dich hineingelegt habe. Lass es Dir eine Stärkung sein. Und nun füge dich meinem Willen und geh. Gib sie nicht auf. Lass dich von ihrem Starrsinn nicht beirren. Du trägst mein Wort in dir. Predige es.

Liebe Gemeinde,

der Prophetentext aus dem Buch Ezechiel oder Hesekiel, wie Luther übersetzt hat, macht mich sehr nachdenklich. Erstaunlich sind die Parallelen von damals – fünfhundert Jahre vor Christus – zu heute. Menschen, die verbittert sind und nur noch Gefühle der Wut empfinden können; Menschen, die von Gott nichts mehr wissen wollen und sich dabei anderen Göttern ausliefern; Menschen, die in die Irre gehen und dabei ein grenzenloses Unheil auf sich ziehen: all das finden wir doch in unserer Zeit genauso vor wie es damals der Prophet erlebte. Ein Prophet wie Hesekiel würde auch heute auf Menschen treffen, auf die die Bezeichnung „Haus des Widerspruchs“ gut passen würde.

Aber das ist längst nicht alles, was uns durch diesen Text gesagt wird! Das Buch des Propheten hat zwar nicht nur in diesem Abschnitt sehr düstere Züge. Aber in all dem ist doch auch das Evangelium, die mutmachende, frohe Botschaft Gottes zu finden:

Denn in all der Unheilsankündigung einerseits und der Halsstarrigkeit des Volkes andererseits erweist sich Gott als treu – damals wie heute. Damals vor 2500 Jahren im babylonischen Exil hat Gott das Volk nicht sich selbst überlassen. Wir lesen im Buch des Propheten Hesekiel: Gott steht trotz aller Abtrünnigkeit zu seinem Volk. Er sendet den Propheten. Gott weiß und der Prophet weiß es auch: Sie werden nicht auf ihn hören. Sie werden sich weiter verhärten. Sie werden den Propheten spüren lassen, was sie von seiner Verkündigung halten. Aber sie werden Gottes Wort hören. Ein Prophet wird unter ihnen auftreten. Gott gibt nicht auf. Er resigniert nicht. Er bewegt den Propheten dazu, seinen Auftrag auszuführen. Von all dem Widerspruch gegen Gott kann seine Treue gegenüber dem Volk nicht ausgelöscht werden.

Diese Treue Gottes erwies sich damals. Sie erweist sich auch heute. Menschen wissen sich in einer glaubensarmen Zeit gerufen in den Dienst in und an ihrer Kirche. Sie engagieren sich für ihre Gemeinde, für den Kirchenbezirk, die Landeskirche. Sie tragen Verantwortung, übernehmen Dienste, lassen sich zum Prädikanten ausbilden. Auch sie erleben es, dass Gottes Wort manchmal ungehört verhallt. Auch sie erleben Widerstände. Aber durch sie und auch für sie wird dennoch Gottes Treue zu uns Menschen erfahrbar. Sie erweist sich auch heute in den Menschen, die sich in seinen Dienst rufen lassen.

Gott ist treu – das ist das eine. Das andere ist: Sein Wort hat in all den Widerständen und Widersprüchen dennoch Wirkung – damals wie heute. Zwar ist das Volk Gottes zur Zeit des Propheten im wahrsten Sinne des Wortes halsstarrig – nicht anders als die Menschen heute. Aber den einen trifft es und er kann sich dem nicht entziehen: Der Prophet selbst verinnerlicht die Ansprache Gottes. Sie fängt an – in seinem Herzen mehr als in seinem Mund – süß zu schmecken. So wird der Eine gehorsam gegenüber dem Willen Gottes: Er wird hinausgehen und das Volk in heftigen Worten zur Umkehr mahnen und sie mit den Konsequenzen ihrer Abkehr von Gott konfrontieren. Er allein lässt sich von Gott bewegen. Erst einmal nur er. Aber immerhin er. Mit ihm, mit seinem Gehorsam, mit seinem Dienst als Prophet geht die Geschichte Gottes, die Geschichte zugleich des Wortes Gottes weiter.

Diese Wirkung des Wortes Gottes erweist sich auch heute. Einzelne Menschen lassen sich von Gottes Wort bewegen; sie folgen dem Willen Gottes. Sie versuchen, im Einklang mit der Schöpfung zu leben. Sie vertrauen auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Sie lassen sich von Gottes gutem Geist leiten und sie leben aus diesem Geist heraus in der Nachfolge Jesu. Solange sie da sind, ist Gottes Wort nicht ungehört verhallt und wird es nicht wirkungslos bleiben.

Nehmen wir uns das mit in unsere scheinbar so gottlose und gottverlassene Welt: Sie ist es nicht. Unüberhörbar ist sein Wort in unserem Herzen und denen so vieler anderer Menschen. Unübersehbar sind die Spuren der Treue Gottes.

Amen.

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