Predigt am Neujahrstag 2021

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Predigt am Neujahrstag 2021

01.01.2021

zu Philliper 4, 10 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
meine Frau hat immer mal wieder auch Kinder auf ihrem Behandlungsstuhl. Das ist für diese Kinder natürlich mit Ängsten verbunden. Sie sollen sich auf den Stuhl setzen und den Mund aufmachen und dann greift die Zahnärztin möglicherweise sogar zum Bohrer. Meine Frau berichtet von zwei verschiedenen Sorten von Kindern. Die einen kommen, haben zwar Angst, aber lassen sich behandeln. Sie wissen: Sie sind es gewohnt, auf ihre Eltern zu hören, zumindest wenn es darauf ankommt. Vor allem wissen sie sich in der Nähe ihrer Mutter oder ihres Vaters so geborgen, dass sie mit der Angst umgehen können. Es gibt aber auch Kinder, die machen den Mund nicht auf. Sie kommen mit dieser Situation überhaupt nicht zurecht. Auch ihre Eltern können sie zu nichts bewegen. Meine Frau hat schon mehrfach Kinder erlebt, die unbehandelt mit ihren Eltern wieder nach Hause gegangen sind.
Was der Apostel schreibt, hat mich an die erste Sorte der Kinder erinnert. Er ist nicht beim Zahnarzt, aber in einer ebenfalls sehr unangenehmen Lage. Man hat ihn ins Gefängnis geworfen. Antike Gefängnisse waren nun nicht das, was wir als Gefängnis kennen. Das waren oft feuchte, kalte und dunkle Kellerräume. Zu essen bekam man dort nichts, wenn man nicht von seinen Verwandten oder Freunden versorgt wurde. Hinzu kam, dass in der Antike ein Menschenleben nicht allzu viel wert und der Begriff der Menschenrechte auch noch nicht erfunden war. Die Behandlung der Gefangenen jedenfalls würden wir als menschenunwürdig ansehen. Der Apostel lebte vor allem in der Ungewissheit, wie es mit ihm weitergehen würde. Es war möglich, dass man ihn freilassen würde. Es war aber ebenso auch möglich, dass er verurteilt und hingerichtet würde.
In dieser Situation schreibt Paulus an die Philipper und gibt seiner Freude Ausdruck, dass sie ihm Lebensmittel haben zukommen lassen. Die Gemeinde dort war dem Apostel am engsten von allen Gemeinden verbunden, die er im nordöstlichen Mittelmeerraum gegründet hatte. Sie fühlten sich für ihn verantwortlich. Allerdings war wohl eine längere Zeit verstrichen, seit Paulus das letzte Mal von ihnen etwas bekommen hatte. Ein wenig scheint er das ja zu tadeln. Aber gleichzeitig schreibt er auch, dass ihm der Mangel nichts ausgemacht hat. Paulus beschreibt hier eine Haltung, die an die antike stoische Philosophie erinnert. Deren Ideal war es, emotional möglichst unbeteiligt durch das Leben zu gehen, sich weder von Leidenserfahrungen herunterziehen zu lassen noch von Glückserfahrungen abhängig zu machen. „Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie´s mir auch geht“, schreibt er an die Philipper. „Ich kann niedrig sein und kann hoch sein.“ Es ist aber keine stoische Philosophie, die ihn hier umtreibt. Denn bei dieser antiken Philosophenschule ging es darum, dass der Mensch so in sich ruht, dass ihm alles nichts ausmacht. Paulus beschreibt seine Haltung an einem entscheidenden Punkt anders. Die Gelassenheit, die er gegenüber dem Überfluss wie dem Mangel gleichermaßen an den Tag legt, speist sich aus einer anderen Quelle. Nach seinen eigenen Worten kann er niedrig und hoch sein, vermag er alles „durch den, der ihn mächtig macht“. Durch seinen Glauben mit Christus verbunden, steht er den Wechselfällen des Lebens nicht hilflos ausgeliefert gegenüber. Angeschlossen an die Kraftquelle, die Christus für ihn ist, kann er mit den unterschiedlichsten Situationen umgehen und sie bewältigen. Die Gelassenheit, zu der er finden kann, ist keine Frucht philosophischer Erkenntnis oder von Übungen in Selbstversenkung. Sie wird ihm von Christus geschenkt.
Was für die Kinder auf dem Zahnarztstuhl das Vertrauen ist, dass ihnen mit ihren Eltern an ihrer Seite nichts wirklich etwas anhaben kann, das ist für den Apostel im Gefängnis das Vertrauen, dass Christus an seiner Seite ist. Er kann mit seiner Situation umgehen. Denn ihm gibt das Vertrauen Kraft, dass sein Weg mit Christus letztlich zu einem guten Ziel führen wird. Auch wenn ihm dabei Erfahrungen des Leidens wie im Gefängnis nicht erspart bleiben.
Nun befinden wir uns heute an einer Stelle in der Zeit, wo wir ein neues Jahr vor uns sehen. Viele Hoffnungen sind mit ihm verbunden. Wir alle wünschen es uns, dass es mehr wie 2019 sein wird und weniger wie 2020. Aber wird es so sein? Wir wissen es nicht. Vom Jahr 2021 ist uns nicht nur die Jahreszahl unvertraut. Auch ganz persönlich wissen wir nicht, was auf uns zukommt. Werden wir es schaffen, uns dieses Virus im wahrsten Sinne des Wortes vom Leib zu halten? Was werden die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Epidemie für Folgen für unsere Arbeitsplätze, unsere Einkommen, unsere Renten haben? Auch in anderen Bereichen ist vieles ungewiss: Wie werden wir beispielsweise als Kirchgemeinden, nun vereint in der Region im Kirchgemeindebund Freiberg, die Herausforderungen des Zusammenwachsens bewältigen?
Nun sind wir ja alles sehr unterschiedlich. Die einen sind einfach unverbesserliche Optimisten, die sich von nichts unterkriegen lassen. Andere sehen dem neuen Jahr aus einer Grundhaltung heraus eher skeptisch entgegen. Für beide können die Worte des Apostels aus meiner Sicht sehr hilfreich werden. An seinem Beispiel sehen wir einerseits, dass auch ein Leben im Glauben nicht von schwierigen Erfahrungen verschont bleibt. Der Glaube ist keine FFP2- Schutzmaske gegen die Unbilden des Lebens. Ein Leben im Glauben ist immer auch ein Leben in der Nachfolge des Gekreuzigten. Aber gerade in solchen Erfahrungen spüren wir andererseits, dass wir mit Christus verbunden sind und uns Kraft zuwächst. Ich habe am Mittwoch einen 90-jährigen aus Großschirma besucht. Er gehörte ursprünglich der deutschen Minderheit in Polen an und wurde dann nach dem zweiten Weltkrieg von dort vertrieben. Sein Leben war mehrfach ernsthaft bedroht; er hat Schlimmes durchgemacht. Das sprudelte nur so aus ihm heraus. Auch in der DDR hatte er es nicht leicht. Als er sein Kind nicht zur Jugendweihe angemeldet hatte, kam ein Funktionär zu ihm und sagte ihm: „Sie sind doch stark und gesund; Sie brauchen doch keinen Gott.“ „Auch Sie brauchen Gott“ habe er ihm geantwortet. Der Jubilar ist in all dem Schlimmen, was er erlebt hat, nie in seinem Glauben irre geworden. Im Gegenteil: Er hat sich immer getragen gefühlt von und geborgen in Gott. Das hat ihm geholfen, die Herausforderungen seines Lebens zu bewältigen. Ein solcher Glaube lässt einen mit einem gesunden Maß an Zuversicht dem Neuen entgegensehen.
Manchmal besteht die größere Anfechtung im Leben aber im Überfluss, nicht im Mangel oder Leid. Wir sind es gewohnt, tolle Dinge zu erleben, Flugreisen zu machen, Konzerte und Theateraufführungen zu erleben und vieles andere mehr. Manche vermissen das in dieser Zeit des Herunterfahrens des öffentlichen Lebens geradezu schmerzlich. Die Frucht des Glaubens ist es hier, sich von diesen Dingen nicht abhängig zu machen und die Situation anzunehmen, ihr das Positive abzugewinnen. Wir wissen ja als Christen: Das entscheidende im Leben liegt nicht im Überfluss. Ich persönlich habe beispielsweise den Heiligen Abend als sehr positiv erlebt. In Großvoigtsberg beispielsweise war nur eine ganz kleine Zahl von Besuchern in der offenen Kirche. Aber den Vorabend von Weihnachten dort so ganz in der Stille zu erleben, habe ich geradezu als wohltuend empfunden. Natürlich sind die großen Christvespern im Dom oder das Krippenspiel in den Dorfkirchen sonst ganz wunderbar. Aber ohne den Trubel konnte man sich nach meinem Empfinden dem Wunder der Menschwerdung Gottes ganz anders öffnen. Vielleicht haben auch Sie das nicht nur als Mangel empfunden, wie wir den Heiligen Abend begangen haben.
2021 werden wir beides erleben: Hohes und Niedriges, wie Paulus es formuliert. Mit Christus und im Glauben an ihn werden wir von dem einen nicht abhängig sein und mit dem anderen umgehen können.
Dietrich Bonhoeffer schrieb aus dem Gefängnis heraus zum letzten Jahreswechsel, den er erleben durfte, ein uns allen bekanntes Gedicht. Es kommt der Haltung des Paulus sehr nahe:
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Amen.

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