Predigt zum Reformationstag 2021

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Predigt zum Reformationstag 2021

31.10.2021

zu Galater 5, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wenn wir heute am Reformationstag 2021 in diesem Gottesdienst gemeinsam auf die ersten zehn Monate im Kirchgemeindebund zurücksehen, können wir in meinen Augen sehr dankbar und auch ein wenig stolz sein. Sicherlich ist es noch ein Weg, den wir zu gehen haben. Noch sind wir in einer Übergangsphase. Aber schon jetzt hat der Kirchgemeindebund Freiberg eine funktionierende Verwaltung. Vieles machen wir jetzt gemeinsam besser und effektiver als zuvor, wir profitieren vom dem gemeinsamen Austausch im Kirchgemeindebundvorstand, wir fassen Dinge gemeinsam an und manches ist überhaupt erst jetzt möglich. Eine Mitarbeitervertretung beispielsweise gab es noch nie; eine Mitarbeiterausfahrt war für die kleineren Gemeinden völlig undenkbar. Gemeinsame Gottesdienste für die ganze Region hat es auch nicht gegeben, jedenfalls nicht in einer gewissen Regelmäßigkeit.
Dabei gab es am Anfang des Prozesses ja auch bei uns große Ängste, wie in der ganzen Landeskirche. Wie soll es funktionieren, eine ganze Region mit sehr unterschiedlichen Gemeinden organisatorisch zusammenzubinden? Wo bleibt die Entscheidungskompetenz der Kirchenvorstände, wenn wir unsere Kompetenz an eine höhere Ebene abgeben? Was wird vor allem aus unserem Geld? Viele sagten: Wenn wir schon zusammengehen sollen, dann ist es besser, Schwesterkirchverhältnisse zu bilden. Da behält man die größte Selbstständigkeit. Vor der Bildung von Schwesterkirchen hätte es zwar auch Fusionen geben müssen, aber wenigstens hätte den verbleibenden sechs Schwestern niemand von außen hineinreden können. Das war sehr vielen sehr wichtig. Sie wollten auf diese Weise ein Höchstmaß an Freiheit für ihre Kirchgemeinden bewahren.
Freiheit ist etwas, was uns als Menschen generell sehr bewegt. Gerade in dieser epidemischen Zeit fühlen sich manche in ihrer Freiheit schon bedroht, wenn sie beim Einkaufen eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen sollen. Wie kann der Staat mir so etwas vorschreiben? fragen sie sich. Das verstößt für sie gegen das Grundrecht auf freie Entfaltung. Freiheit ist so verstanden ein Zustand, in dem ich tun und lassen kann, was ich will, und niemand redet mir hinein. Aber ist das wirklich Freiheit??
Martin Luther hat den Begriff „Freiheit“ 1520 in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ganz anders definiert. Er berief sich dabei auf die Worte des Apostels Paulus aus dem Galaterbrief. Der Galaterbrief war ihm übrigens ohnehin die liebste Schrift in der Bibel: Er sei seine Käthe von Bora soll er bei Tisch einmal gesagt haben. Das lag vermutlich daran, dass der Galaterbrief in einer ähnlichen Konfliktlage entstanden worden war, wie auch Luther sie erlebte. In Galatien ging es um die Beschneidung. Den Galatern war eingeredet worden, sie müssten sich beschneiden lassen; nur so könnten sie sich mit Gott verbunden wissen. Den Christen in der Reformationszeit wurde weisgemacht, sie müssten fromme Werke tun bis hin zum Erwerb von Ablassbriefen, um mit Gott ins Reine zu kommen. Paulus sah das überaus kritisch. Gott hat uns in Christus die Freiheit geschenkt von dem Zwang, vor Gott gut dazustehen, etwas vor Gott darzustellen, ein tadelloses Leben in den Augen Gottes zu führen. Christus hat am Kreuz sein Leben hingegeben, um uns Gottes bedingungslose Liebe zu schenken und vor Augen zu führen. Das durften die Galater in den Augen des Apostels nicht aufgeben. Wenn sie der Meinung waren, mit der Beschneidung dem Kreuzestod Christi noch etwas hinzufügen zu müssen, verachteten sie in den Augen des Apostels Gottes Gnade. Sie traten die Freiheit, die Christus uns am Kreuz geschenkt hat, mit Füßen. „Wenn Ihr mit so etwas anfangt, dann müsst Ihr wirklich perfekt sein und das schafft ihr nicht. Lasst Euch weiterhin die Liebe Gottes schenken und freut euch an der Freiheit von dem Zwang, Euch die Liebe Gottes erst verdienen zu müssen.“ So schreibt er sinngemäß im Galaterbrief.
Natürlich hat eine so verstandene Freiheit immer eine Kehrseite. Wenn ich kein frommer und guter Mensch sein muss und mich Gott trotzdem liebt, dann kann ich ja machen, was ich will; das könnte man jedenfalls schlussfolgern. Die Menschen zu einem fragwürdigen Verhalten zu ermutigen, wurde 1500 Jahre später auch Luther vorgeworfen. Darum schreibt Paulus am Ende dieses Abschnitts: In Christus Jesus kommt es nicht darauf an, dass wir uns vor Gott beweisen, sondern auf den Glauben, auf das Vertrauen auf Gott. Dieses Vertrauen wirkt sich aber zwangsläufig in der Liebe zu unseren Mitmenschen aus.
Martin Luther hat beides in seiner Freiheitsschrift von 1520 aufgenommen: Er schrieb, ein Christenmensch sei ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan; und ebenso sei er ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan: „ Ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe.
Die Freiheit, die Gott mir durch Jesus Christus schenkt, gibt es nicht ohne die Bindung an ihn. Die Liebe, die ein solches Opfer wie den Kreuzestod Christi zu geben bereit ist, können wir nur im Glauben an Gott erfahren. Und umgekehrt bedeutet gerade diese Bindung die größte Freiheit. Wir sind frei von allen Zwängen uns beweisen zu müssen – sei es vor Gott oder anderen Menschen. Wir sind frei, von allen Ängsten um uns selbst. Wir sind frei, aus diesem Leben alles herausholen zu müssen – koste es was es wolle –, weil es nach dem Tod nichts mehr geben könnte. Wir sind frei im Glauben und zugleich durch den Glauben gebunden an Gott und in der Verantwortung vor ihm.
Darum sind wir eben auch ein „dienstbarer Knecht“ unserem Mitmenschen gegenüber. Ich kann nicht aus dem Vertrauen auf Gottes Liebe leben und gleichzeitig ist es mir völlig egal, dass andere Menschen hungern oder verzweifelt vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Ich kann da gar nicht anders, als mich anrühren zu lassen und zu helfen. Darum kommen wir ja hoffentlich alle am Dienstag hier im Dom zu dem Benefizkonzert zusammen – oder zumindest einige von uns. Der Glaube zwingt uns geradezu dazu, für andere da zu sein. Aber gerade das macht uns frei. Wenn ich meinen Mitmenschen in den Blick nehme, brauche ich nicht so viel an mich selbst zu denken. Ich bin dann wirklich frei – von diesem schrecklichen Kreisen um mich selbst.
Insofern hat Martin Luther einen ganz wichtigen Zusammenhang beschrieben. Er gilt vor Gott wie in der Welt: Freiheit gibt es nicht ohne Bindung. Ohne Bindungen verliert sich Freiheit in immer neuen Zwängen. Wie umgekehrt natürlich eine Bindung ohne Freiheit zur Zwangsjacke wird.
So gesehen, ist das Freiheitsverständnis der Montagsdemonstranten zu befragen: Ist es wirklich ein Ausdruck von Freiheit, wenn ich keine Maske trage und damit riskiere, mich und andere zu infizieren. Ist es nicht viel mehr Ausdruck einer wohlverstandenen Freiheit, dass ich Rücksicht nehme auf meine Mitmenschen und aus diesem Grund eine Schutzmaske über Mund und Nase trage, wenn ich in Innenräumen mit anderen zusammen bin?
Eine wirkliche Freiheit kommt dann zum Tragen, wenn sie verantwortlich gelebt wird; wenn sie Bindungen nicht scheut. Im Kirchgemeindebund jedenfalls haben wir in meinen Augen genau diese Erfahrung gemacht. Wir haben uns als Kirchgemeinden aneinander gebunden. Wir sind mit einer Ausnahme dort eine gemeinsame Gemeinde geworden, wo wir ohnehin einen gemeinsamen Pfarrer oder eine gemeinsame Pfarrerin hatten. Die sechs verbliebenen Kirchgemeinden haben sich im Kirchgemeindebund miteinander verbunden. Aber genau durch diese Bindung haben wir erlebt, dass sich Freiheitsräume öffnen. Ich brauche als Kirchgemeinde nicht das Rad immer neu für mich allein zu erfinden. Ich kann auf die Erfahrungen anderer zurückgreifen. Ich kann auch manche Aufgaben an andere abgeben und bin frei davon. In diesen Freiheitsräumen haben wir zugleich einander besser im Blick und können einander besser in der Erfüllung unserer Mission unterstützen. So erleben wir, dass auch im Bereich von Kirchenstrukturen Freiheit und Bindung zusammengehören und wechselseitig voneinander abhängig sind. In meinen Augen ist der Kirchgemeindebund ein wunderbares Instrument, das zu leben.
Amen.

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