Predigt am Vorabend des Pfingsmontags 2020

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Predigt am Vorabend des Pfingsmontags 2020

31.05.2020

zu Apostelgeschichte 2, 1 - 27; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
man liest in diesen Tagen die Pfingstgeschichte mit anderen Augen. Ist Ihnen jemals aufgefallen, dass sich die Jüngerinnen und Jünger Jesu sozusagen in einer selbstgewählten Quarantäne befanden? Sie hatten sich selbst aus guten Gründen eine Kontaktsperre auferlegt. Der Grund dafür war natürlich keine Pandemie. Aber eine Begegnung mit anderen Menschen hätte für die Jünger dennoch tödlich ausgehen können. Immerhin waren sie als Galiläer an ihrer Sprache leicht zu erkennen. Man hatte ihren galiläischen Anführer als Aufrüher hingerichtet. Ein Anhänger dieses Aufrühers zu sein, konnte also leicht dazu führen, dass man das Schicksal Jesu würde teilen müssen.
Aber dann kommt der Geist Jesu Christi, der Heilige Geist, ins Spiel. Er rührt die Freunde Jesu in ihrem Innersten an. Er nimmt ihnen die Angst. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes wieder neu begeistert von der Sache Jesu. So öffnen sich für sie die Türen wieder. Sie gehen sie hinaus und erzählen den Menschen von dem, was sie mit Jesus erlebt haben. Sie lassen sie teilhaben an ihren Erfahrungen auf dem Weg mit Jesu. Sie erzählen von den Schrecken des Karfreitag ebenso wie von den wunderbaren Erscheinungen des Auferstandenen am Ostersonntag. So springt sozusagen der Funke über. Die Begeisterung steckt an. Gottes Geist kann auch die Zuhörer dieser wunderbaren Botschaft berühren und bewegen. So lassen sich sehr viele Menschen taufen. Sie werden dadurch verbunden zu einer Gemeinde – zur ersten christlichen Gemeinde, zur ersten Kirche.
Gottes Geist nimmt uns die Angst. Er bewahrt uns davor, uns von ihr gefangen nehmen zu lassen. Gottes Geist überwindet die verschlossenen Türen. Er setzt Menschen in Bewegung. Er führt Menschen zu einer Gemeinde zusammen. Sind das nicht ganz lebendige Erfahrungen, die auch wir in den letzten Wochen selbst gemacht haben?
Gottes Geist nimmt uns die Angst. Er bewahrt uns davor, uns von ihr gefangen nehmen zu lassen.
Die Bilder aus Italien im März waren ja dramatisch. Wie viele Menschen mussten sterben, weil sie sich mit dem Virus infiziert haben. Ähnliche Szenen spielen sich noch heute in Krankenhäuser in den USA oder den Elendsvierteln Brasiliens ab. Ich habe aber niemanden erlebt, den das in Panik versetzt hätte. Gerade unter uns Christen gab es eine große Zuversicht und Gelassenheit. Wahrscheinlich haben wir alle es mehr als sonst erlebt, dass wir in Gottes Hand sind – geborgen in seiner Liebe. Das lässt einen nicht leichtsinnig werden – um Gottes Willen. Aber es nimmt der Katastrophe manches von ihrem Schrecken.
Gottes Geist überwindet verschlossene Türen.
Ich habe viel gelernt in den Tagen, als das ganze kirchliche Leben stillgelegt war und wir Gottesdienst nur noch über das Internet und Fernsehen miteinander feiern und Gebete nur einzeln für uns in den geöffneten Kirchen sprechen konnten. Vorher sah ich mich an einem Bildschirm eher in der Rolle des Beobachters. Ich war nicht wirklich dabei. Aber in den Tagen der aufflammenden Epidemie hat Gottes Geist für mich – und vermutlich auch für viele andere – diese Schranke des Bildschirms durchbrochen. Ich habe es erlebt, dass man Gottesdienste mitfeiern kann, auch wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin an einem ganz anderen Ort in eine Kamera spricht. Für mich wurde es zu einer lebendigen Erfahrung, dass man sogar einen Gottesdienst mitfeiern kann, wenn man ihn aufgezeichnet in der Mediathek eines Fernsehsenders oder auf einem YouTube-Kanal ansieht und so mitfeiert. Gottes Geist überwindet Raum und Zeit. Er ist nicht an diese Dimensionen unseres Seins gebunden, wie wir es sind. Auf diese Weise kann er Menschen über Raum und Zeit hinweg durch sein Wort in ihrem Innersten anrühren lassen und sie miteinander verbinden. Das hat sich mir neu erschlossen. So war das intensivste geistliche Erlebnis dieser Tage für mich eine Johannespassion aus der Thomaskirche Leipzig, die meine Frau und ich etwas zeitversetzt im Internet gesehen haben. Dass Gottes Geist uns auch über die Entfernung hinweg verbindet, haben wir auch an den Reaktionen auf den Gottesdienst am 10. Mai aus dem Dom erfahren. Da gab es offenbar eine sehr große Gottesdienstgemeinde, die verteilt über ganz Deutschland diesen Gottesdienst mit uns mitgefeiert hat, davon zutiefst bewegt wurde, mit uns verbunden war unter dem Wort Gottes und in der Gegenwart seines Geistes.
Gottes Geist überwindet Schranken. Er führt Menschen über Raum und Zeit hinweg zu einer Gemeinde zusammen. So schlimm diese Epidemie ist, sie hat uns die Wirkungen des Geistes Jesu Christi in neuer Weise erfahren lassen.
Und ebenso wie damals hat der Heilige Geist ja auch Menschen in Bewegung gesetzt, um den Menschen etwas von der Liebe Gottes nahe zu bringen. Wie viele waren in den letzten Wochen unterwegs, um die gedruckten Andachten zu verteilen; manche wie Karin Straßburger sind losgezogen und haben für Familien und Kinder kleine Gaben verteilt – Wundertüten hat Ortrun Peuckert sie genannt. Wir haben Wege gefunden als christliche Gemeinde, die wir sonst nie gegangen wären. Wege, die uns zueinander geführt haben, auch wenn wir uns nicht begegnen durften. Wege, die uns als Gemeinde verbunden haben, auch wenn wir nicht wie heute versammelt waren. Gottes Geist hat uns dazu geleitet.
Wir leben in einer Zeit, in der das Leben in vielerlei Hinsicht auf den Kopf gestellt worden ist. Aber das Virus hat vielleicht auch etwas freigelegt, was verschüttet war. Für manches haben wir den Blick geschärft bekommen. In geistlicher Hinsicht haben wir erfahren dürfen, wie wunderbar der Geist Jesu Christi auch heute und unter uns wirkt. Wir spüren tief in uns, dass die Pfingstgeschichte kein Märchen aus alter Zeit ist. Gottes Geist nimmt auch uns die Angst. Er überwindet die verschlossenen Türen unserer Zeit. Er setzt Menschen in Bewegung. Er führt Menschen zu einer Gemeinde zusammen. Das ist wahr damals wie heute und an jedem Tag.
Amen.

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