Predigt zu Christi Himmelfahrt, 13. Mai 2021

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Predigt zu Christi Himmelfahrt, 13. Mai 2021

13.05.2021

zu Markus 16, (15+) 16 (Inschrift Unterseite Deckel des Taufsteins); gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer im "Gottesdienst für Freunde des Freiberger Doms"

Liebe Gemeinde,
er führt im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein: der Taufstein in unserem Dom. Wie Sie auf dem Foto sehen können (Hinweis: bitte ganz nach unten scrollen), wird er nur beleuchtet, wenn die Tore zur Goldenen Pforte weit offenstehen. Nur dann fällt so viel Licht auf unseren Taufstein und seinen Deckel, dass ein gutes Foto gemacht werden kann.
Der Standort des Taufsteins ist aber nicht nur schlecht ausgeleuchtet. Er ist auch schlecht einsehbar, zumindest vom Kirchenschiff her. Nur die wenigsten von Ihnen sehen von ihrem Sitzplatz aus den Taufstein. Aus diesem Grund habe ich Ihnen dieses Foto an die Hand gegeben.
Für uns heute ist es ungewohnt, dass ein Taufstein in eine solche schwer einsehbare Nische gestellt wird. Eine Taufe ist doch etwas Besonderes. Ein Kind wird von Gott als sein Kind angenommen. Ein Mensch wird ein Teil der Gemeinde Jesu Christi. Müsste denn dann der Taufstein nicht mitten in der Gemeinde oder zumindest in der Mitte vor dem Altar stehen oder wenigstens im Altarraum? Dann könnte die Gemeinde es sehen, wenn Kinder oder Erwachsene die Taufe empfangen und sich zugleich an ihre eigene Taufe erinnern.
Man könnte diese Frage bejahen. Es gibt aber auch einen guten Grund für diese Wahl des Standorts. 30 Jahre nachdem der Dom 1501 fertiggestellt war, erhielt er auch unseren Taufstein. Er war eine Stiftung Herzog Heinrichs und seiner Frau Katharina. Die Wappen auf dem Deckel des Taufsteins verweisen auf das Paar, das wenige Jahre später die Reformation in Freiberg einführte. Eine Inschrift auf dem Rand des Taufsteins aus Zinn enthält die Jahreszahl der Erschaffung dieses Kunstwerkes. Die Wahl des Standorts für den Taufstein wurde sehr bewusst gewählt. Man hatte damals beim Wiederaufbau des Doms die Goldene Pforte am Haupteingang abgebrochen und sie an den heutigen Standort versetzt. Durch die Goldene Pforte sollten die Domherren nach der Fertigstellung des Kreuzgangs in den Dom hineinschreiten, wenn sie aus dem Kreuzgang kamen. Anders als heute war er ja so konstruiert, dass er an der Goldenen Pforte in den Dom einmündete. Das erste, was die Domherren dann beim Betreten des Doms durch die Goldene Pforte sahen, war der Stein, an dem Kinder getauft wurden und damit das Sakrament des Eingangs empfingen.
Sakrament des Eingangs? Nähere Auskünfte dazu gibt der Taufstein selbst. Wenn man an ihn herantritt kann man auf der Unterseite des Deckels eine Inschrift lesen. Dort wird ein Vers aus dem Ende des Markusevangeliums zitiert. Im 16. und letzten Kapitel sagt Christus zunächst zu seinen Jüngern: „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.“ Dann folgt das Wort der Inschrift aus Vers 16: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Die Taufe ist also so etwas wie die Eingangspforte zur Seligkeit.
Nun ist das Wort Seligkeit ein wenig aus der Mode gekommen. Man kann sich die Bedeutung aber erschließen, wenn man sich den Taufstein einmal etwas näher ansieht. Er ist zunächst einmal unterhalb des Randes reich verziert mit so etwas wie einer goldenen Kette. Gold war und ist ein Symbol für etwas Wertvolles. Die Seligkeit ist also in übertragenem Sinn etwas sehr Kostbares. Am Fuß des Taufsteins unterhalb dieser goldenen Kette sind Kinderfiguren dargestellt. Als der Taufstein entstand, wurden Kinder in den ersten Lebenstagen getauft. Man wollte nicht riskieren, dass sie ohne Taufe starben. Aber die Kinder spiegeln nicht nur diesen Brauch wider. Die Kinderfiguren machen zugleich deutlich, dass die Seligkeit nicht etwas Exklusives ist. Besonders wertvolle Dinge sind meistens für einige wenige Erwachsene reserviert. Mit der Seligkeit ist es anders. Sie steht auch Kindern offen. Jesus hat ja einmal gesagt: Lasst die Kinder zu mir kommen. Gott macht den Zugang zur Seligkeit nicht abhängig davon, ob wir Kinder, Erwachsene oder alte Menschen sind. Er macht sie auch nicht davon abhängig, ob wir sie uns verdient haben. Sie steht allen Menschen offen.
Um genau zu zeigen, was die Seligkeit ist, haben spätere Generationen dann zum Deckel des Taufsteins noch die Sonne mit dem Dreieck hinzugefügt. Sie stellt den Dreieinigen Gott dar: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Von Gott sollen wir uns kein Bildnis machen. Darum wird Gott in seiner in sich selbst angelegten Beziehungsfähigkeit hier so abstrakt dargestellt. Aber dieses so abstrakte Symbol ist in sich sehr ausdrucksstark. Dreieinigkeit meint: Gott ist in sich schon einer, der nicht für sich selbst bleiben will. Gott will schon in sich Gemeinschaft haben als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Weil Gott in sich eine Beziehung ist, sucht er auch nach außen Gemeinschaft. Darum sucht Gott uns Menschen als sein Gegenüber, darum will er eine Bindung mit uns eingehen. Wir sollen seine Kinder sein und er will unser Gott sein.
Zwischen dem Dreieck im Strahlenkranz an der Spitze der Aufhängung des Taufsteindeckels und den Menschen unmittelbar auf dem Deckel das Taufsteins ist aber eine große Entfernung. Auch diese will etwas deutlich machen. Es scheint unmöglich zu sein, dass Gott und wir Menschen überhaupt in Verbindung kommen können. Aber es gibt ein verbindendes Element zwischen dem Dreieck im Strahlenkranz und den Menschenfiguren. Das ist der gekreuzigte Christus. Durch die Hingabe seines Lebens baut Jesus eine Brücke zwischen Gott und uns Menschen. Er stellt mit seiner hingebenden Liebe die Verbindung her. Man könnte auch sagen: Gottes Liebe gelangt zu uns durch den sich für uns Menschen aufopfernden Christus.
Ein kleines Detail in der Gestaltung des Deckels fällt einem vielleicht beim ersten Hinsehen nicht einmal auf: Das ist die Schale unterhalb des Kruzifixes. Diese Schale hat ihre Bedeutung: Gottes Liebe fließt herab vom Himmel und wird in der Schale sozusagen aufgefangen. Mit der Taufe werden wir also gleichsam in Gottes Liebe gebadet. Das Wasser der Taufe im Taufstein steht für dieses Bad in der Liebe Gottes. Durch die Taufe finden wir auf diese Weise den Eingang zur Seligkeit; wir werden Kinder Gottes; wir werden zugleich Teil der Gemeinde Jesu Christi.
So führt der Taufstein unseres Doms alles andere als ein Schattendasein, obwohl er ganz hinten in der Ecke im Dunkeln steht. Am Eingang vom Kreuzgang her hat das Sakrament des Eingangs, die Taufe, seinen Ort. Menschen werden mit Jesus Christus verbunden und dadurch Kinder des dreieinigen Gottes. Sie dürfen sich geborgen wissen in der Liebe Gottes im Leben und ebenso im Sterben und darüber hinaus – bis in alle Ewigkeit. Denn: „Wer da glaubet und getauft ist, der wird selig werden.“
Amen.

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