Predigt zu Karfreitag, 3. April 2026

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Predigt zu Karfreitag, 3. April 2026

03.04.2026

über 2. Korinther 5,14b-21 (Lut17); gehalten im Freiberger Doms St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Der Predigttext 2. Korinther 5,14b-21 (Lut17) wurde als Epistel verlesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

Unsere Welt ist durchzogen von Egoismus… Unversöhnlichkeit … Jesu Tod am Kreuz – wir haben ihn vorhin im Evangelium gehört – ist ein furchtbares Beispiel von so vielen in dieser Welt… im Kleinen wie im Großen…

Ich erinnere mich an meine Zeit im Internat. Man teilte das Zimmer, den Alltag und irgendwann im Lauf des Jahrs hat es auch Knatsch gegeben. Manchmal sind darüber Freundschaften zerbrochen… verbunden mit einem Auszug aus dem Zimmer… es blieben Wut, Trauer, Enttäuschung…

Auch in Familien kommt es immer wieder zu solchen Streitigkeiten… zwischen Geschwistern aber auch im größeren Familienclan – vielleicht bei Erbangelegenheiten… oder bei Nachbarschaftsauseinandersetzungen… Wenn sich Streitparteien auf einem Standpunkt einigeln, dann kann die Auseinandersetzung am Ende unversöhnlich werden. Es werden Anwälte eingeschaltet, im Extremfall gibt es einen Prozess. Der Streit muss gerichtlich geklärt werden. Finanzielle Einbußen, tiefe Verletzungen bleiben.

In Freiberg begegnen mir immer wieder Menschen – oft mit extremen Überzeugungen –, die dann gleichzeitig völlig unversöhnlich bleiben… provozierend, ohne Interesse an Kompromissen, ohne das echte Bemühen, die andere Sichtweise zu verstehen… ohne auf echte Argumente einzugehen… oft geschieht das vor einer Folie von politischen Überzeugungen… geht es dann wirklich um Politik oder nicht viel mehr um das Ego… den Protest… an sich… auch hier diese Wut und Trauer… Enttäuschung

Wie furchtbar finde ich die seit Jahren so präsenten Kriege… jetzt in der Golfregion… gleichzeitig in der Ukraine…. Es geht um Macht, Einfluss… und Geld… die Religion wird dafür instrumentalisiert… am Ende leiden die Menschen in diesen Regionen… Angst…

Und in diese Welt der Unversöhnlichkeiten und Brüche spricht Paulus Brief an die Korinther: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“

Mein erster oberflächliche Gedanke (gepaart mit Wut)… wo ist denn diese Versöhnung in der Welt bei all diesen Konflikten? Wo hat sie Jesus denn gebracht? … die Streitigkeiten, Auseinandersetzungen und Kriege gehen doch einfach weiter…

Der zweite Gedanke, beim genaueren Hinsehen (schon verständnisvoller)… es geht Paulus im ersten Moment offenbar gar nicht um die Versöhnung der Menschen untereinander… es geht um das Verhältnis zwischen den Menschen (der Welt) und Gott. Man muss den Satz so lesen: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“

In anderen Worten… Paulus richtet sich an die Menschen, die an Jesus glauben… und die glauben, dass Jesus gekreuzigt und auferstanden ist… und damit: Gott selbst ist diesen Weg gegangen…. Gott war in Christus.

Wenn nun Paulus das Wort der Versöhnung den Gläubigen zuspricht, wird auch deutlich, dass dies die Welt als ganze zunächst nicht weiter berührt. Im Alltag der Menschen gibt es weiterhin Streitigkeiten, Krieg zwischen Völkern… im Glaubenskurs haben wir genau darüber nachgedacht und die Frage gestellt… warum ist das eigentlich alles?... wenn Gott doch allmächtig ist? … oder, wo Gott uns doch durch Christus die Versöhnung gebracht hat… ich leide doch immer noch an dieser Welt… die Menschen im Iran oder in Dubai oder in Israel haben doch immer noch jeden Tag Angst vor den Bomben… ich bekomme doch immer noch Hassmails von irgendwelchen politischen Fanatikern… Ehen gehen immer noch auseinander… Familien zerbrechen immer noch…

In andere Worten: Was bringt nun diese Versöhnung Jesu Christi mit dem Gottesvolk? Was bringen uns diese Worte Paulus‘ für unser Leben?

Ich glaube, dass die Fragen berechtigt sind… es bleibt ein Wiederspruch zwischen Gotts Allmacht und der Versöhnung immer stehen… auch ich wünsche mir sehnlichst, dass all dem Elend und dem Bösen auf der Welt ein Ende gemacht wird… aber es ist eben da… im Glaubenskurs haben wir so ca. drei-vier Antworten gefunden, wie sich dieser Wiederspruch durch biblische Bilder erklären lässt… auflösen aber nicht wirklich…

Paulus nennt aber hier sehr genau, was diese Versöhnung zwischen Gott und den Menschen bringt: „er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde.“

In anderen Worten… Jesu Tod ist notwendig, weil die Auferstehung folgt… und diese Auferstehung wiederum gibt uns Hoffnung, dass das Leben mit dem Tod nicht endet…. Im Evangelium drückt es Johannes mit den Worten aus, die Jesus sagt: „Es ist vollbracht!“ Dieser Tod hat einen Sinn… weil er zeigt, dass ihm die Auferstehung (an die wir ja erst übermorgen erinnern) folgt… der Tod Jesu ist also nicht nur Grund zur Trauer und Trübsal… wir können sogar fröhlich sein… so wie Bach in der Johannespassion seine freudige Arie „Mein teurer Heiland lass Dir sagen“ an den Tod Jesu angeschlossen hat… Paulus schreibt dann: „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“… Wenn wir am Sonntag zwei Jugendliche in der Osternacht taufen, so ist das genau dieses Zeichen… sie bekennen sich zu Jesus Christus… durch die Taufe und den Glauben haben sie Anteil an diesem ganz Neuen.

Damit ändert sich natürlich auch erst mal nichts im Leben… aber ich weiß… wenn da der Tod ist… es geht weiter… ich brauche keine Angst zu haben… auch wenn ich Fehler im Leben begangen habe… wenn ich mich zerstritten habe… ist Versöhnung möglich… Frieden auf der Welt ist möglich… denn Jesus vergibt… und so kann ich auch vergeben oder auf Vergebung hoffen…

Beeindruckend für mich ist auch der erste Satz des heutigen Briefausschnitts. Da steht: „Denn die Liebe Christi drängt uns“… Für Paulus ist die Liebe also der Motor, dass wir den Tod Jesu als Hoffnungszeichen sehen können. Ich würde aber diese Logik auch noch herumdrehen: da ist der Tod Jesu am Kreuz, dann seine Auferstehung. Und dieser Tod, diese Auferstehung erinnern uns an die Liebe…. Da wird es sehr konkret… Versöhnung passiert durch diese Treibfeder der Liebe… ohne Liebe zum nächsten ist keine Versöhnung möglich… wenn ich mit meinem Freund einen Streit hatte, dann muss ich nicht bei den verhärteten Fronten verharren… ich kann um Verzeihung bitten… wie es im Internat dann doch auch meistens gelungen ist… wenn ich mit meiner Familie in einem Erbstreit liege, kann ich auch nachgeben… ich kann verhandeln und mich im Guten einigen… die Nationen sollen Frieden suchen… und das sollte eigentlich immer gehen… auch wenn ihm Macht- und Geldinteressen so heftig im Weg stehen… wenn nicht die Kriegsparteien, so zumindest andere Länder auf dem Weg der Diplomatie.

Ja, im Glaubenskurs haben wir uns gefragt, wie sich das Böse in dieser Welt vor dem allmächtigen Gott erklären lässt… hier scheint mir eine Antwort zu liegen, wie wir zumindest mit alle dem Bösen umgehen können (wenn wir es schon nicht beseitigen können): den Fokus auf die Liebe, auf das Gute setzen… und der Tod Jesu als eine Erinnerung daran… Versöhnung ist möglich… ich will mir keine Welt vorstellen, in der des diese Liebe und diese Versöhnung – neben all dem Furchtbaren – nicht gibt. Und das heißt auch… im Gedanken und den Gefühlen weg von dem Negativen… nicht die Probleme oder Anstößigkeiten suchen… nein, Gottes Allmacht vertrauen… das Kreuz als Hoffnungszeichen verstehen… und nicht als reines Folterinstrument.

Und dann ist da noch etwas zweites: aus der Versöhnung folgt noch etwas, nämlich das Zeugnis von Jesus…. „Das Amt, das Versöhnung predigt“ – wie es Luther schreibt… wörtlich den Dienst der Versöhnung... wir sollen nun so handeln, wie es Christus getan hätte… in anderen Worten: wir sollen diese Liebe weitertragen zu den Menschen… aber auch von der Ungerechtigkeit sprechen, die Jesus widerfahren ist… Ungerechtigkeit, die bis heute passiert… ansprechen… ihr entgegenwirken….

Wir können nicht die Welt an sich zum Besseren machen… aber jede und jeder kann das im Kleinen… Jürgen Werth hat solche kleinen Gesten und Bilder in einem wunderbaren Lied zusammengefasst und gedichtet:

„Wie ein Fest nach langer Trauer,
wie ein Feuer in der Nacht.
Ein offnes Tor in einer Mauer,
für die Sonne aufgemacht.
Wie ein Brief nach langem Schweigen,
wie ein unverhoffter Gruß.
Wie ein Blatt an toten Zweigen
ein-ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.

So ist Versöhnung,
so muss der wahre Friede sein.
So ist Versöhnung,
so ist Vergeben und Verzeihn.“ (zitiert nach SvH 0117)

Unsere Welt ist durchzogen von Egoismus… Unversöhnlichkeit … Jesu Tod am Kreuz – wir haben ihn vorhin im Evangelium gehört – ist ein furchtbares Beispiel von so vielen in dieser Welt… im Kleinen wie im Großen… Aber unsere Welt ist auch Durchzogen von diesen Momenten des Schönen, des Guten… ja, des Glücks… von Gesten der Liebe… vom Blick, der Gott sucht… und dabei am Kreuz nicht nur den Schrecken sieht… sondern die Liebe und die Versöhnung.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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