Predigt zum 1. Advent, 29. November 2020

Predigtarchiv

Predigt zum 1. Advent, 29. November 2020

03.12.2020

zu Sacharja 9, 9 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
fällt es Ihnen auch auf, dass in der Werbung momentan nur noch vom Black Friday die Rede ist? Schnäppchen hier, Preisreduzierung da. Viele Leute scheinen das ganz toll zu finden; sonst hätten die Handelsketten das schon längst wieder eingestellt. Die meisten, die da auf Schnäppchenjagd gehen, wissen vermutlich gar nicht, dass der Black Friday in den USA ein Brückentag nach dem Erntedankfest ist. Er wird gern zum Einkaufen genutzt. Bei uns ist es aber ein Tag wie jeder andere. Trotzdem hat sich diese Rabattaktion bereits etabliert, seit der amerikanische Konzern Apple 2016 damit anfing –ähnlich wie Halloween oder der Valentinstag. Mich erschreckt dabei vor allem, wie leicht die Menschen auf alles eingehen, was die Werbung ihnen vorgibt. Wie leicht sind sie zu manipulieren! Wie leicht lassen sie es zu, dass Handelskonzerne Macht über sie und ihr Verhalten ausüben. Diese gehen natürlich ganz anders vor als andere, die politische oder militärische Macht ausüben. Ein Präsident Lukaschenko muss direkte Gewalt ausüben. Denn die Bevölkerung will nicht so, wie er es möchte. Amazon und andere gehen viel geschickter vor. Sie arbeiten mit Verlockungen und nicht mit Druck. Im Endeffekt wollen sie die Menschen aber in gleicher Weise dazu bringen, etwas zu tun, von dem letztlich vor allem sie selbst profitieren. So funktioniert Machtausübung in dieser Welt.
Von einer ganz anderen Form der Herrschaft erzählt uns die Bibel. Der Prophet Sacharja hatte IHN angekündigt: den König des Friedens und nicht der Gewalt; den König, der die Menschen nicht manipuliert, sondern zu ihrer ureigenen Bestimmung führt; den König, der nicht seinen eigenen Vorteil sucht, sondern den derer, die ihm anvertraut sind; den König, der in der Vollmacht Gottes gewaltlos seine Herrschaft ausübt.
Jesus hat diese Weissagung auf seine Person bezogen. Bis zum Einzug in Jerusalem am Palmsonntag ahnten es nur die Jünger, mit wem sie da unterwegs waren. In Nazareth hatte man nicht auf ihn gehört; seine eigene Familie wollte ihn wieder von seinem Weg abbringen. Mit seinem Einzug in Jerusalem hat Jesus in aller Öffentlichkeit an die Weissagung des Propheten Sacharja angeknüpft. Er ist auf einem Esel nach Jerusalem eingeritten. Die Menschen kannten die Weissagung. Für sie war es klar verständlich: Hier kommt der von Sacharja angekündigte König. Hier kommt dieser König, der arm ist und nicht reich. Der auf einem Esel einreitet und nicht auf einem stolzen Pferd. Der in Frieden herrschen wird und nicht mit Gewalt und Krieg.
Dass Jesu Weg nur wenige Tage später in den Tod am Kreuz mündete, war nur folgerichtig. Eine Herrschaft, die in dieser Welt ohne Gewalt ausgeübt wird, kann nicht in einem Palast enden. Am Kreuz zerbrachen alle Träume, Jesu würde eine irdische Herrschaft aufrichten. Dennoch bestieg Jesu am Kreuz einen Thron. Denn als er sein Leben für uns opferte, zerbrach zu Ostern der Tod. Jesu ohnmächtige Hingabe aus Liebe war letztlich mächtiger als alle irdische Macht. Das rührt uns in den Tiefen unseres Herzens an. So ist Jesus für uns zum König des Friedens geworden.
„Dein König kommt zu Dir“, weissagt der Prophet Sacharja. Jesus von Nazareth ist vor langer Zeit zu den Menschen in Jerusalem gekommen. Aber dieser König kommt auch zu uns. Die Botschaft von dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus hat auch uns angerührt. Sie hat uns bewegt und tut es immer noch, unser Vertrauen auf ihn zu setzen. Aus freien Stücken lassen wir Jesus Christus über uns herrschen. Denn wir fühlen, dass er nichts für sich will. Wir spüren, dass seine Herrschaft der Liebe unser Leben zu sich selbst bringen will. Es ist uns zur Gewissheit geworden, dass unser Leben bei diesem König am besten aufgehoben ist. Er schenkt uns Frieden. Davon leben wir.
Heute führen wir Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher in ihr Amt ein. Das sind Männer und Frauen, die sich als Christen der Herrschaft der Liebe Jesu Christi unterstellt haben. Sie folgen ihm und leben aus seinem Frieden. Darum sind sie auch bereit, Verantwortung für seine Gemeinde hier bei uns zu übernehmen. Darum opfern sie Zeit und Kraft für den Dienst an unserer Kirchgemeinde. Darum sind viele von ihnen auch außerhalb der Sitzungen engagiert – und das oft in einem hohen Maße und neben ihren anderen Verpflichtungen. An ihnen wird es beispielshaft sichtbar, dass der Friede Christi unsere Herzen regiert.
Wo das nicht geschieht, werden Haltungen möglich, wie sie der Bürgermeister der Stadt Stollberg einnimmt. Er schrieb bei Facebook, die weihnachtlichen Traditionen des Erzgebirges seinen wichtiger als das Leben einiger Menschen. So etwas Menschenverachtendes kann nur jemand sagen, der von dem König des Friedens nie gehört oder ihn nicht verstanden hat.
Jesus Christus ist der König, der in unsere Welt gekommen ist. Er ist der König, der immer wieder unsere Herzen mit seinem Frieden erfüllt, der auf diese Weise zu uns kommt und unser Leben prägt. Er ist zugleich der König, auf dessen Kommen wir gerade im Advent noch hoffen. In unserer Welt haben ja nach wie vor ganz andere Machthaber das Sagen – von Amazon bis Lukaschenko. In dieser Welt regieren sichtbar eher die Gewalt als der Friede; eher der Egoismus als die Liebe; manchmal eher die Menschenverachtung als die Nächstenliebe. Aber die Herrschaft unseres Königs hat ihren Ort nicht nur in unserem Herzen; die Herrschaft des himmlischen Friedens ist nicht auf die Kirchenmauern begrenzt. In Gottes Himmelreich ist sie schon gegenwärtig. Es kommt einmal der Augenblick, wo Christus kommen und die Erde verwandeln wird. Dann wird sein Frieden unsere ganze Welt erfüllen.
Darauf hoffen wir und davon leben wir. Das gibt uns Kraft in den dunklen Stunden dieser pandemischen Zeit. Das gibt uns Trost in der Trauer um die vielen Menschen, die zurzeit sterben – nicht nur an und mit Covid19. Das gibt uns das, was man in anderen Zusammenhängen „positive Energie“ nennt. Denn unser Weg geht nicht ins Ungewisse. Unsere Zukunft ist eine Welt unter der Herrschaft der Liebe. Unsere Zukunft ist das Friedensreich Jesu Christi. Unsere Zukunft ist unser König: Jesus Christus.
Ein altes englisches Adventslied formuliert diese Hoffnung so:
O komm, du Sohn aus Davids Stamm
Du Friedensbringer, Osterlamm.
Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei
und von des Bösen Tyrannei.
Freut euch, freut euch, der Herr ist nah.
Freut euch und sing Halleluja.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben