Predigt zum 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 21. Februar 2021

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Predigt zum 1. Sonntag in der Passionszeit (Invokavit), 21. Februar 2021

22.02.2021

zu Johannes 13, 21 - 30; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,
den Predigttext für diesen Sonntag lesen wir beim Evangelisten Johannes im 13. Kapitel:
Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben! oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.
Die Szene, in die uns dieser Bibeltext mitnimmt, ist irgendwie unwirklich. Die Männer, die sich seit langer Zeit kennen und miteinander unterwegs sind, sitzen oder liegen besser zu Tisch und sind eingestellt darauf, ihre Gemeinschaft beim gemeinsamen Essen zu leben. Und dann kommt alles anders als man es erwartet hätte.
Da ist Jesus, der etwas schier Unglaubliches erzählt, das ihn selbst bis in Innerste aufwühlt und dennoch scheint er auf eigenartige Weise Herr des Geschehens zu bleiben. Da sind die Jünger, die erschrocken sind und berührt von dem was sie hören und gleichzeitig verstehen sie offensichtlich nichts. Und da ist Judas, der offenbar von einer bösen Macht gesteuert, etwas tut, das ihn ins Dunkel stürzen lässt.
Wir wollen versuchen, das Geschehen zu sortieren und vielleicht kommen wir da auch so ein wenig heraus aus der Zuschauerrolle.
Ich will mit Ihnen versuchen, aus genau drei Blickwinkeln auf die Szene zu schauen:
Da ist der Blickwinkel der Jünger, der sich zwischen Unsicherheit und Unwissen bewegt. Da ist der des Judas, der Blick aus dem Abseits in das Dunkel und da ist der Blick Jesu, zwischen tiefer Erschütterung und handelnder Autorität.
Ein erstes: Wenn aus Abseits Dunkel wird
Judas: In Deutschland darf man sein Kind nicht ohne weiteres Judas nennen, Standesämter dürfen das mit dem Hinweis aufs Kindeswohl verweigern. Der Name ist negativ besetzt. Man kann sich an dieser Stelle manches fragen: Was wollte der Mann Judas wirklich? Konnte er vielleicht gar nichts dafür, war er einfach Teil eines großen Planes? Ich glaube nicht, dass unser Bibeltext uns zu dieser Frage führen will. Klar ist: Judas ist keine eindimensionale Figur und auch kein eingeschleuster Terrorist mit Sprenggürtel. Für mich macht unser Text und die Figur des Judas deutlich: Das Böse ist in dieser, unserer Welt existent. Es ist keine Randerscheinung, in der hier beschriebenen Szene ist es mitten drin. Jesus spart das Böse in seiner Verkündigung nicht aus und er gibt ihm einen Namen: Satan. Die böse Macht, die in dieser Szene spürbar und wirksam wird, ist mehr als ein böser Mensch. Es ist eine überindividuelle Macht. Judas wird der Täter und doch ist das Böse größer als er. Durch seine Gedanken und sein Handeln lässt er sich auf diese Macht ein und schließlich beherrscht sie ihn. Das Böse entwickelt eine exponentielle Eigendynamik und wird zu der Erfahrung, dass Schuld und Sünde Macht gewinnt.
Ein Bild davon, das sich durch die Bibel zieht ist das von Licht und Finsternis. Die Erkenntnis: Abseits von Gott ist Dunkel und weil Menschen Licht – sein Licht – zum Leben brauchen, brauchen sie Gott, seine Nähe, zum Leben. Als Judas diese letzte Chance der Nähe Gottes verlässt, wird aus dem Abseits das Dunkel: Und es war Nacht. Wer sich von Gott verabschiedet, landet im Dunkel – darf man das so formulieren? Passt das noch in unsere Zeit oder grenzt uns das zu sehr ab?
Das Alte Testament formuliert das als Einladung: Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist! (Ps. 33,12). Aber auch dahinter steht die Erfahrung von Verlust, von der Erkenntnis, das wirkliches Leben nur mit Gott funktioniert.
Ist also Corona eine Strafe Gottes, das Ergebnis einer Bewegung weg von Gott? Ich habe in den letzten Monaten viele, ganz verschiedene Antworten von Theologen auf diese Frage gehört und gelesen. Zum Schluss bleibt die Erkenntnis: Wir wissen es nicht! Vielleicht aber ist uns neu klarer geworden, worauf es wirklich ankommt: Dass es die Nähe Gottes ist, die uns Menschen guttut, dass ich mit meinen Unsicherheiten im Leben, und auch meinen ganz existenziellen Fragen in der Nähe Gottes, in der Nähe Jesu gut aufgehoben bin.
Ein zweites: Wenn Unsicherheit das Leben bremst
Da hatten sie sich getroffen wie so oft. Die Hektik des Tages vorbei, das gemeinsame Essen begann und dann das.  Auf einmal erfüllt Unsicherheit den Raum.  Schlagartig. Die Frage nach dem eigenen „Ich“, die Frage „Wer ist’s?“ erfüllt den Raum. Kaum einer traut sich die Frage zu stellen, aber für jeden steht sie im Raum. Sie gehörten zu dem engsten Freundeskreis Jesu. Und genau sie stellen sich die Frage. Ist es ein Misstrauen, das jedem anderen Verrat zutraut oder die Unsicherheit selbst von der Spur abgekommen zu sein. Es wird an dieser Stelle für mich eins klar: Unsicherheit bleibt. Auch die, die mit Jesus unterwegs waren, die ihm ganz nah waren blieben Menschen, die in ihrem Inneren gefährdete Menschen waren, sie waren nicht abgeschirmt vom Einfluss des Bösen. Unsicher macht sie nicht allein der drohende Verrat oder die gegenseitigen Verdächtigungen, Angst macht ihnen offenbar, die Ahnung der eigenen Abgründe. Denn: Wie man es dreht und wendet, Judas blieb nicht der einzige, der seinem Meister untreu wurde.
Wie ist das mit mir, mit uns? Sind wir bereit uns diese Frage zu stellen: Bin ich‘s? Wie ist das mit meiner Unsicherheit? Unsicherheit bindet Lebensenergie, sie bremst aus und hält uns fest. Wir spüren das vielleicht momentan an ganz anderer Stelle deutlich: Unsere Zukunft ist nicht mehr planbar, nicht mehr vorhersehbar und das macht uns Angst. Liebe Gemeinde: Unsere Zukunft war noch nie planbar, wir haben das aber, bis Corona in unser Leben trat, geglaubt. Vielleicht ist es dran, sich von dieser trügerischen Sicherheit zu verabschieden.
Die andere Frage ist die nach meinen eigenen Abgründen, nach meinem „Bin ich’s?“ – dann, wenn ich ganz ehrlich bin mit mir und zu mir? Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der von sich sagen kann: Das kenne ich nicht! Ich kenne das: Gedanken, die keine guten sind, die sich meiner bemächtigen wollen. Judas ist eben nicht der da draußen. Er war einer von ihnen, den Jüngern, er ist einer von uns. Oder wie Paulus es sagt: Das Gute, das ich tun will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich.
Diese Spannung sucht förmlich nach einer Lösung, einem Punkt zum Festhalten. Deshalb ein Drittes:
Wenn Gott trotzdem Handelnder bleibt
Jesus versteckt – und das macht ihn für mich so nahbar – seine Erschütterung nicht. Seine Erkenntnis erregt ihn. Er wird einer von uns und das macht ihn gleichzeitig so verletzlich. Aber mitten in dieser Nähe zu seinen Jüngern, zeigt sich Jesus als der, der das Handeln bestimmt. Das was geschieht ist kein Unfall der Geschichte, ist nicht der Sieg einer bösen Macht, sondern etwas, das zu einem großen Heilsplan gehört. Indem Jesus dem Judas den Bissen reicht und ihn auffordert: „Was du tust, das tue bald!“ ist er Herr des Geschehens. Die Macht des Bösen, wird begrenzt durch Gottes Handeln. Manchmal ist es schwer zu ertragen, mit den Auswirkungen dieser Macht des Bösen zu leben, manchmal verstehe ich Gott nicht, weil er uns Dinge so lange zumutet, aber auch im Johannesevangelium braucht es eine lange Zeit, bis wieder Licht in der Geschichte zum Vorschein kommt. Ja, für mich hat die Zeit, in der wir leben, Momente des Dunkels, die ich vorher so noch nicht gekannt habe. Und ja, ein Jahr auf den Kontakt zu Menschen verzichten zu müssen, ist mehr als sieben Wochen auf Kaffee oder Süßes zu verzichten.
Aber trotz all diesem Verlust, trotz der Spannung von Unsicherheiten und der Angst vor eigenen Abgründen trägt mich die Zuversicht, dass Gott der Handelnde bleibt.
Vielleicht trägt uns durch die diesjährige Passionszeit ein Stück demütige Selbsterkenntnis: Ja, Judas war einer von uns und auch wir sind nicht stärker als das Böse. Wir leben mit Spannungen und Unsicherheiten. Wir müssen als gläubige Menschen aber nicht bei unseren Möglichkeiten stehen bleiben. Wir dürfen das Licht Gottes schon wahrnehmen und dann, wenn wir es einmal nicht mehr spüren uns daran festhalten, dass wir gerade jetzt in seiner Nähe gut aufgehoben sind. Dieser Dom möge uns immer, wenn wir ihn sehen, genau daran erinnern.
Amen.

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