Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti), 7. April 2024

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Predigt zum 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti), 7. April 2024

07.04.2024

über Johannes 20, 19 - 20.24 - 29; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

fröhliche Gesichter, schön gekleidet im Fotoatelier, im Kindergarten, in der Schule oder einfach zuhause. Bei Besuchen freue ich mich immer, wenn ich die Fotos von Kindern oder Enkelkindern sehe. Ganz oft erfahre ich dann, dass die Lieben weit weg wohnen, in Westdeutschland, in der Schweiz, im Süden oder gar sehr weit weg außerhalb Europas. Ich freue mich, weil ich die tiefe Verbundenheit spüre, die Liebe. Dann aber ist da immer auch ein bisschen Wehmut: die Distanz, weite Wege, Besuche, nur selten möglich oder sehr aufwändig, die Entwicklung der Enkel nur über Skype oder das Telefon mitzuverfolgen.

Auch meine Eltern, meine Schwester und Verwandten, viele Freunde wohnen weit weg. Ich kann diese Wehmut sehr gut empfinden.

Und dann ist da ja auch noch die andere Seite: Was für eine Freude, wenn alle wieder zusammenkommen, Familienbesuch, der Besuch bei Freunden. Diese Aufregung kurz bevor die anderen ankommen. Die Wohnung noch schnell aufgeräumt, da nach kurz abgestaubt, hier noch schnell gesaugt. Das Gästebett bereitet. Dann klingelt’s. Das Herz springt höher. Umarmungen. Fröhliche Bemerkungen über die Reise, das Aussehen… die Gemeinschaft ist wieder hergestellt. Alles gut, große Freude!

Und dann gibt es die lieben Menschen, mit denen wir keine Gemeinschaft mehr haben können. Tod und Trauer, Tod oder überwundene Trauer, ein Bruch, weite Distanzen, Liebe ist verloren gegangen, die Ehe zerbrochen, das Vertrauen dahin. Gemeinschaft ist gar nicht mehr möglich.

Auch hier helfen manchmal Bilder, alte Fotos. Sie erinnern an die abwesende Person. Ein Licht auf dem Grab. Vielleicht ein Kaffeetrinken am Sterbetag. Ein Besuch an einem romantischen Ort, den man geteilt hat. Ein Ritual, das man geteilt hat: ein bestimmter Konzertbesuch, der Besuch eines Lieblingsgeschäfts, ein bestimmter Spaziergang. Auf einmal die Erinnerung wieder ganz da. Der andere, die andere wieder ganz vor Augen, ganz im Herzen, ganz in Liebe.

Johannes Trostgeschichte auf Jesu Tod: Jesus war nicht mehr leiblich Teil der Gemeinschaft mit den Zwölfen. Aber sie wussten immerhin von Maria Magdalena: das Grab war leer gewesen. Der Friedhofsgärtner entpuppte sich als Meister, Jesus. „Ich habe den Herrn gesehen“ – sagte sie ihnen. Wie es ihnen mit dieser Nachricht erging, schreibt Johannes nicht. Skepsis? Hoffnung, dass Jesus vielleicht doch da war… gar nicht gestorben? Aber eine Nachricht von dieser Maria Magdalena? Ist die glaubwürdig?... wir wissen es nicht. Immerhin, die Furcht vor der Wut der Volksmenge nach wie vor sehr groß, offenbar größer als die Trauer. Die Türen fest verschlossen. Verbarrikadiert. Aber irgendwie waren sie von der Auferstehungsnachricht angetriggert.

Und dann passiert etwas ganz eigenartiges: das schlichte Wort „Schalom“ steht im Raum. Schalom – Der Friede sei mit Dir! Johannes lässt offen, ob es eine einfache Grußformel ist oder das Gebet zum Sabbat. Immerhin ist es Freitagabend und Schalom Teil dieses rituellen Gebets.

Da ist Jesus auf einmal da. Mitten im Raum, mit seinen Wundmalen. Auch hier changiert die Geschichte. Sie ist nicht eindeutig: Jesus sichtbar (mit Wundmalen), Jesus am Wort Schalom erkannt – in der Erinnerung an die gemeinsamen rituellen Gebete, Jesus eine Erscheinung (die Türen und Fenster geschlossen), die Begegnung distanziert und schemenhaft, unglaublich, ja fast unglaubwürdig… aber wir erfahren: in ihre Angst vor dem Mob ist vorbei. „Sie wurden froh“.

Ich nehme wahr: Menschen sehnen sich nach Eindeutigkeit. Heute ist es oft der klare Kalkül, die Rationalität, der eindeutig operierende Verstand. Oder es ist die vermeintlich exakte sinnliche Wahrnehmung der Welt. Oder noch besser: beides zusammen. Diese Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist nicht neu. Thomas, einer aus der Gruppe der Zwölf, ist auch so einer, der es eindeutig will. Er hat Jesus beim ersten Mal nicht erlebt, weil er nicht da war. Eine Woche später nun, ereignet sich das Gleiche. Wieder alles verriegelt. Wieder das „Schalom“, wieder Jesus. Aber er glaubt es nicht. Er braucht die sinnliche Wahrnehmung von Jesus. Er will ihn auch noch berühren. Er muss sich sinnlich überzeugen, dass diese Erscheinung auch kein Schwindel ist.

Und so spricht Jesus zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!

Jesus erlaubt die sinnliche Berührung. Aber er verbindet sie mit einem Appell: sei gläubig!

In diesem Moment bekennt sich Thomas zum auferstandenen Jesus: Mein Herr und mein Gott!

Auch hier bleibt es offen: es bleibt offen, ob Thomas Jesus wirklich berührt hat. Oder ob er durch seinen Appell bereits verstanden hat, worum es eigentlich geht, den Glauben an den Auferstandenen.

Johannes Geschichte von der Auferstehung fasziniert mich, weil sie immer offen bleibt. Sie kommt daher, als ob die Menschen Jesus sinnlich wahrnehmen könnten. Verweist aber gleichzeitig auf den Glauben, das Wort, das Ritual, das Schalom. Hier ist Jesus bereits da. Und vor allem: er macht die Jünger froh.

Die Geschichte lässt offen, wie es Thomas ergangen ist. Sein Ausruf wirkt erlöst. Thomas wirkt wie einer, der es nun verstanden hat, also ebenfalls froh.  

Und dann ist da noch etwas: Jesus offenbart sich mit „Der Friede sei mit Dir!“ Das ist nicht irgendein Wort. Es ist der Ruf nach Frieden. Man könnte es herumdrehen: Da wo Friede ist, ist Jesus, Gottessohn. Neben dem Zeugnis der Auferstehung auch der Apell: Friede! Friede im Ruf der Engel bei Jesu Geburt und Friede nach der Auferstehung. Jesus, Friedefürst kommt mir in den Sinn.

Und dann auf der Seite der Realität: eine Kriegseskalation nach der anderen. Erst in dieser Woche ein Angriff auf die Iranische Botschaft in Syrien. Lange schon unsägliches Leid in Israel und im Gazastreifen, unsägliches Leid in der Ukraine. Ich fühle mich ohnmächtig gegenüber diesen Konflikten. Und ich habe das Gefühl, bei jedem Apell, bei jeder Stellungnahme in einem Dilemma zu stecken. Alle rationalen Argumente scheinen zu versagen. Und dann steht da Jesus und sagt: „Friede sei mit Dir!“ Ich möchte erwidern: „Ja, Jesus, sei bei mir. Erhalte in dieser Welt voller Gewalt und Bösewichtern, in dieser Welt von Waffen und Brutalität den Frieden wo es nur geht. Schenke mir so einen Schutzraum. Schenke mir den Mut, den Du Deinen Zwölfen da eine und zwei Wochen nach Deinem Tod gegeben hast. Mache mich froh. Aber vor allem: sei bei den Menschen, die unverschuldet an diesen Kriegen Leiden, bei den Menschen, die Opfer ideologischen Starrsinns sind, bei den Menschen auf der Flucht, bei den Menschen, die Bombardements in Angst ertragen müssen, bei den Verletzten, den Trauernden und Verschleppten. Warum lässt Du das zu?“

„Der Friede sei mit Dir!“ – sagt Jesus. Die Zwölf wurden froh darüber. Friede – ist der Apell des Auferstandenen in die Welt.

Zurück in mein beschauliches Leben: Es gibt da die Beziehungen, in denen wir nicht so einfach oder vielleicht gar nicht mehr zusammenkommen: Tod, eine verlorene Liebe, Distanz, ein Bruch. Der geliebte Mensch kommt nicht wieder. Leere. Trauer. Aber Johannes zeigt: ein Schalom, ein kleines Ritual und die geliebte Person ist wieder da. Im Gedächtnis? Vielleicht viel realer als eine einfache sinnliche Berührung…

Das Wasser im Kessel sprudelt. Der Kessel pfeift, der Dampf umzüngelt meine Hand. Wasser plätschert in die Teekanne. Der Duft des Assams erfüllt meine Nase. Der Wecker tickt und klingelt. Ich setze mich. Eine Kerze auf dem Teetisch. Die chinesische Kanne auf das Stövchen. Eine filigrane Porzellantasse. Der Tee. Ein wenig Milch und knisternder Kandis – bitter-süßer Geschmack auf der Zunge.

Da ist mein Vater. Er wohnt sehr weit weg und doch ist er ganz nah bei mir. Ich sehe in meinem Inneren wie er da sitzt, Zeitung liest und Tee trinkt. Hier ist er mir viel näher als bei einer distanzierten Grußfloskel am Telefon oder im täglichen Miteinander bei einem Besuch.

Wie dankbar bin ich Johannes für diese wunderbare Geschichte von Jesu Auferstehung und Offenbarung bei den Zwölfen. Jesus sagt: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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