Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 2. Juni 2024

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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 2. Juni 2024

16.06.2024

über Jeremia 23,16-29; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Jubelkonfirmandinnen, liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

ein besonderer Tag für Sie. Jubelkonfirmation. Freude auf die ehemaligen Weggefährten, Freude auf den wunderbaren Gottesdienstort, der Freiberger Dom. Freude auf ein wunderbares Miteinander. Aufregung und die Frage: wie wird es sein? Wer wird kommen? Wie ist der neue Pfarrer im Dom? Wie geht es den anderen? Wie ist ihr Leben verlaufen?
Jetzt sind Sie hier… Und mir geht es genauso wie Ihnen: ich freue mich, hier mit Ihnen an Ihre Konfirmation zu erinnern. Und bin natürlich auch neugierig, wer Sie sind.
Vor vielen Jahrzehnten waren Sie schon einmal hier im Dom oder in einer anderen Kirche. Sie wurden zur Konfirmation eingesegnet. Sie haben damals ihren Glauben an den dreieinigen Gott bekräftigt. Sie haben Ihre Taufe bestätigt. Und so soll es auch heute sein.
Ja, viele Jahre sind vergangen. Wie geht es Ihnen heute mit Ihrem Glauben? Welche Rolle spielt Gott heute in Ihrem Leben? Zählen sie sich zu denen, die sich eng an die Kirche halten? Oder haben sie eher eine distanzierte Haltung? Welche Erfahrungen haben Sie mit Kirche gemacht? Was hat Sie vielleicht frustriert? Was hat Ihnen gut getan? Welchen Menschen, welchen Kirchvorstehen, welchen Pfarrern und Pfarrerinnen sind Sie begegnet? Wie hat sich die Gesellschaft seit Ihrer Konfirmation verändert und die Rolle der Kirche in ihr?
Wem vertrauen Sie in öffentlichen Debatten? Wie geht es Ihnen wirklich? Gehören Sie zu denjenigen, die gelassen, zufrieden, mit einem geregelten Einkommen versorgt sind? Oder gehören Sie zu denen, die sehen müssen wie sie über die Runden kommen? Welche Gefühle lösen die so nahen und drohenden Konflikte unserer Tage in Ihnen aus? Wem vertrauen sie?
Im heutigen Predigttext ringt Gott regelrecht um das Vertrauen. In sehr harten Worten macht er deutlich, warum gerade er der Herr über diese Wirklichkeit ist. Hören Sie Worte aus dem Buch des Propheten Jeremia:

Predigttext: Jeremia 23, 16 - 29 

Der Herr segne sein Wort an uns.

Ja, liebe Gemeinde,

dieser heutige Predigttext wirft uns regelrecht mitten in das Jerusalem in der Zeit um 600 v. Chr. Das Südreich Juda konnte sich Jahrzehnte gegenüber den Bedrohungen der Großmächte im Osten, den Assyrern und Babyloniern behaupten. Nun war es auf Grund der Separationsbestrebungen des Königs von Babylon besetz worden. Die Souveränität war vorbei. Der König Zedekia war nach Babylon verschleppt und hingerichtet worden. Wie sollte es weitergehen? Neue Bräuche kamen ins Land, neue Gesetze, neue Götter… Anpassen oder weiterhin auf die Souveränität beharren? Zu welchem Preis?
Um dieses Spannungsfeld bewegten sich die öffentlichen Debatten.
Ich stelle mir vor: ein Tuch-Händler in der Zionsstadt. Die Geschäfte lagen durch den Krieg am Boden. Er kam kaum über die Runden. Und nun begann langsam wieder die Wirtschaft aufzuleben. Es wird dir Wohlergehen! Deine Geschäfte werden florieren – hört er Propheten weihsagen. Es wird dir Wohlergehen, wenn Du Dich den Göttern Babylons zuwendest, den Baals-Göttern. Passe Dich den Umständen der Zeit an. Träume, die Träume von den Göttern haben es eingegeben. Das ist doch unantastbar: Dir wird es wohlergehen! Folge den Baals-Göttern, folge denen, die Dir Wohlergehen weihsagen.
Und da auf einmal die Stimme eines anderen Propheten, des Propheten Jeremia. Harte Worte. Gerichtsworte. Mir machen sie Angst. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen. Schonungslos hinterfragt Jeremia jegliches inhaltliches Zugeständnis an diejenigen, die sich nicht an Gottes Wort orientieren. Es geht nicht um das Wohlergehen. Es geht ihm um Treue zu Gott, dem Herrn. Nicht Wohlergehen, nicht irgendwelche Eingebungen, nicht irgendwelche Botschaften, nicht irgendwelche Träume, Wunschträume die wir hegen. 29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt? – sagt Gott über den Propheten.
Wie mag es dem Tuch-Händler gegangen sein? Hatte er Angst, fühlte er sich abgestoßen oder waren diese Worte gerade in ihrer Härte für ihn überzeugend? Einladend sind ja Jeremias Worte weiß Gott nicht. Es ist doch so schön, „nette“ Worte zu hören, einladende Worte. Worte des Zuspruchs. Worte, die mir von Träumen erzählen, dem Wohlergehen. Wie sollte er zwischen wahren und falschen Propheten unterscheiden?
Ich vermute, es dürfte die Situation für die Menschen damals ernüchternd gewesen sein: die alte Religion hatte sie nicht vor der Besatzung bewahrt. Das Andere, das Neue war die Zukunft. Die Verkündigung des Wohlergehens aus dem Mund der Baals-Propheten viel sympathischer. Und nun soll er dem Wort Jeremias folgen?
- Gottes Stimme ist hier klar zu hören. Gott ist nicht ein Traum oder eine Vision einer besseren Welt. Gott ist die Wirklichkeit selber – in seiner ganzen Vielfalt und Pracht: Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR. 
- Dabei ist Gott eben nicht nur nah, sondern auch ganz fern, der Herr über den Kosmos: Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 
- Und trotzdem sieht er in die Herzen der Menschen. Er kennt alles: Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR.
Ja, Gott der Herr Zebaoth hat nicht den Untergang des Reiches Juda verhindert. Aber er hat er hat sein Wort den Menschen immer wieder zur Verfügung gestellt: hart, kritisch, nicht zur Wellness, distanziert, fern, ja brutal-angstmachend… und trotzdem verbindlich. 
Und für uns hier? Für Sie hier heute im Freiberger Dom? Wem schenken Sie Ihr Vertrauen? Folgen Sie lieber den Stimmen, die Ihnen Träume verheißen? Oder hören Sie auch auf Menschen, die Gottes Wort verkünden? … manchmal unbequem, herausfordernd … Stimmen, die in Gottes Geheimnis einführen … Stimmen, die auch Unrecht in dieser Welt benennen … auch wenn diese Stimmen aus der Ferne kommen …. Stimmen, die darauf hinweisen, dass Gott diese Welt erschaffen hat … Stimmen, die darauf hinweisen, dass nicht nur naturwissenschaftliche Erkenntnis diese Wirklichkeit beschreibt … Stimmen, die dem Gemeinwohl dienen und nicht nur der Selbstbereicherung oder dem Ego schmeicheln … Stimmen, die auf die Verantwortung des Menschen in dieser Welt hinweisen … Stimmen, die auf die Bewahrung von Gottes Schöpfung verweisen … Stimmen, die auch auf die Rechte von Minderheiten hinweisen … Stimmen, die auf den Kern von Gottes Geboten verweisen: Liebe … Stimme und Richtschnur unseres christlichen Handelns ….
Wie geht es Ihnen heute mit Ihrem Glauben? Welche Rolle spielt Gott heute in Ihrem Leben? Wem vertrauen Sie in öffentlichen Debatten? …
Das Volk Israel im babylonischen Exil war erst einmal weit weg von diesem Gott das Zion-Berges. Das Neue und scheinbar Reizvolle kam von den Machthabern in Babylon... nicht einfach für einen Tuchhändler im zerstörten Jerusalem. Da gab es auch keine schnelle Veränderung. Das Exil dauerte viele Jahrzehnte, lange Zeit blieb die Stadt am Zion zerstört. Und doch war da der Funke aus dem Mund des Propheten Jeremia. Er machte dem Gottesvolk Mut im Exil, er gab ihm Orientierung in der Fremde. Er führte sie schließlich wieder zurück.
Vertrauen in Gottes Wort wünsche ich Ihnen – gerade auch wenn es vielleicht manchmal direkt und unbequem daherkommt.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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