Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2020

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Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 13. September 2020

13.09.2020

zu Lukas 19, 1 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
die Zachäus-Geschichte ist unser heutiger Predigttext. Ich werde sie Ihnen nicht vorlesen; die meisten kennen sie ohnehin. Ich zeige Ihnen einen Kurzfilm in zwei Szenen:

Szene 1:
In der Stadt. Totale. Ein Raunen geht durch die Menge. Man erzählt sich, Jesus würde in die Stadt kommen. Immer mehr Menschen stellen sich an den Straßenrand. Von diesem Mann haben sie schon einiges gehört. Den wollen sie auch mal sehen. Die einen sagen, er könne mit seiner Ausstrahlung Menschen gesund machen. Andere erzählen, was er von Gott erzähle sei, als ob Gott selbst zu einem spräche. Wo er hinkäme, entstehe immer ein Menschenauflauf.
Kameraschwenk auf die Menge. Ein kleiner Mann läuft am Rand auf und ab. Er ist nicht nur kleiner als die anderen. Er ist auch deutlich besser gekleidet und sein Bauch zeigt, dass er auch deutlich mehr zu essen hat. Insofern wirkt es schon ein wenig komisch, wie er da so auf und ab läuft und eine Stelle in der Menge sucht, wo er auch etwas sehen könnte.
Zoom. Der kleine Mann in Großaufnahme. Einer raunt dem anderen den Namen „Zachäus“ zu. Beide stehen dicht beieinander, damit Zachäus nicht hindurchkommt. Jetzt können sie ihm mal zeigen, was sie von ihm halten. Jetzt haben sie die Macht. Am Stadttor ist es genau umgekehrt. Dort nutzt Zachäus seine Macht aus, um die Steuern für die verhassten Römer zu erheben und zudem seine eigenen Taschen zu füllen. Schließlich sieht der kleine Mann einen niedrigen Baum mit herabhängenden Ästen. Er steigt dort hinauf, um etwas von Jesus sehen zu können. Nun kann er über die Menschen hinwegsehen.
Erneuter Kameraschwenk und Totale. Einzug von ein paar Männern in staubiger und ein wenig abgerissener Kleidung. Aber sie wirken keineswegs niedergedrückt oder erschöpft. Sie lachen und strahlen. An der Spitze der Gruppe der Mann, auf den anscheinend alle gewartet haben. Ab und zu bleibt er stehen, um mit den Menschen zu sprechen. An einer Stelle bleibt er besonders lange stehen: unter dem Baum, auf den Zachäus gestiegen ist.
Zoom. Jesus spricht mit ihm. Der Zuschauer hört, dass er sich mehr oder weniger bei dem Steuereintreiber zum Essen einlädt. Aus der Menge hört man ein empörtes Gemurmel. Zachäus steigt sofort herunter vom Baum, fällt dabei fast hin. Jesus bahnt sich einen Weg durch die Menge und geht hinter dem in kurzen Schritten vor ihm hergehenden Zachäus her.

Szene 2:
Totale. Jesus sitzt in einem schön geschmückten Raum. Die Bediensteten des Steuereintreibers haben den Tisch festlich gedeckt. Es gibt Speisen zu essen, die der Zimmermannssohn sonst nicht auf dem Tisch hat. Das könnte er sich niemals leisten. Er lässt es sich mit seinen Begleitern schmecken und ist ein fröhlicher Gast.
Kameraschwenk auf Zachäus und Zoom. Er steht auf und setzt zu einer Rede an.
Großaufnahme von dem Gesicht von Zachäus. Er wirkt sehr erleichtert. Der Zuschauer hört, dass er zurückgeben will, was er von den Menschen zu Unrecht eingenommen hat. Von dem restlichen Besitz will er die Hälfte den Armen geben, was ja nicht weniger bedeutet, als dass er sein Leben komplett ändern will.
Halbtotale. Die betretenen Gesichter seiner Freunde und seiner Familie sprechen Bände. Wie kann er das nur sagen?
Erneuter Zoom auf Zachäus. Sein Gesicht wirkt gelöst. Der Zuschauer sieht: Jesus hat mit seiner Zuwendung das verhärtete Herz des Steuereintreibers erweicht. Keiner außer den Zolleinnehmerkollegen wollte etwas mit ihm zu tun haben. Alle sahen auf ihn herab. Nur Jesus hat sich ihm zugewandt. Das hat ihn berührt und verändert.
Liebe Gemeinde, was an diesem Film ist Ihnen besonders plastisch geworden? Welches Bild ist vor dem geistigen Auge besonders deutlich gewesen? Für mich ist es die Szene, wo Zachäus von dem Baum herabsteigt. Darin liegt für mich eine ganz tiefe Symbolik.
Zachäus ist ein kleiner Mann. Kleine Männer haben es nicht leicht. Sie müssen oft darum kämpfen ernst genommen zu werden, Anerkennung zu finden. Leicht werden sie übersehen. Darum spielen sie sich oft in den Vordergrund. Napoleon, Gerhard Schröder oder der manchmal etwas anstrengende Nachbar oder Kollege. Wir alle kennen solche Leute. Bei kleinen Frauen ist es nicht viel anders. Aber sie können wenigstens einen großen Mann heiraten und damit manches kompensieren.
Vielleicht ist Zachäus wegen seiner Körpergröße verlacht und gedemütigt worden. Vielleicht hat ihn das dazu gebracht, sich den Römern anzudienen. Als Steuereintreiber hat er Macht gewonnen. In der Position ist er groß und die anderen Männer sind ganz klein. Im Grunde ist er schon damals auf einen Baum geklettert, um sich über andere zu erheben, auf sie herabsehen zu können. Aber damit hat er sich total isoliert. Man kann nicht in einer kleinen Stadt mit anderen Menschen zusammenleben, wenn alle einen verachten. Was macht das mit einem Menschen?! Das war die vollkommene Sackgasse für Zachäus. Nun wurde er nicht nur wegen seiner geringen Körpergröße verlacht, sondern auch wegen seiner Kollaboration mit der Besatzungsmacht und seinem erpressten Wohlstand verachtet.
Eigentlich von dem Baum mehr als von dem realen Baum holt Jesus ihn herunter. Jesus erkennt intuitiv den Schmerz im Herzen von Zachäus. Er erkennt hinter seiner Überheblichkeit dessen Bedürftigkeit. Er weiß, warum er so geworden ist, wie er ist. Er weiß auch, wie er den Schmerz dieses Mannes heilen kann. Jesus lädt sich an den Tisch des Steuereintreibers ein. Er tut das, was niemand in der Stadt tun würde. An den Tisch eines Sünders setzt man sich nicht. Mit dem will man auch keinesfalls etwas zu tun haben. Jesus aber ist es egal, was die anderen tun oder denken. Er holt Zachäus von seinem Baum herunter. Indem er dessen Bedürftigkeit erkennt. Zachäus hat sein Leben lang nach Anerkennung gehungert. Indem er sein Haus betritt, zeigt Jesus ihm, dass er dem Zachäus – in Gottes Namen und in seiner Vollmacht – Zuwendung und Anerkennung schenken will. Dadurch kann der Zöllner von seinem Baum heruntersteigen. Seine Sehnsüchte sind gestillt. Er kommt aus der Sackgasse heraus, in die er sich hineinmanövriert hat. Er muss sich nicht mehr über die anderen als Steuereintreiber erheben. Er muss das viele Geld nicht mehr als Kompensation der fehlenden Anerkennung benutzen. Gott hat sie ihm ja durch Jesus geschenkt. Er kann darum ein neues Leben anfangen. Zachäus wendet sich nun seinerseits dem lebendigen Gott zu – und die Menschen um sich herum werden von ihm von nun an fair behandelt werden; die Armen unter ihnen wird er sogar nach Kräften unterstützen.
Liebe Gemeinde, manche Konflikte ließen sich lösen, wenn wir es wie Jesus machten. Wenn wir uns fragten: Warum verhält sich dieser Mensch so, wie er es tut? Warum macht er sich und mir und anderen das Leben so schwer? Viel wäre gewonnen, wenn wir die inneren Beweggründe, Bedürfnisse und manchmal auch Nöte unserer Mitmenschen erkennen, verstehen und darauf eingehen könnten. Nicht alle, aber manche würden wir von ihren Bäumen der Arroganz, der Aufdringlichkeit, der Unfreundlichkeit hinunterholen. Das ist nicht leicht. Wir sind nicht Jesus. Aber wir vertrauen auf ihn. Wir vertrauen darauf, dass Jesus auch unsere eigene Bedürftigkeit erkennt. Wir vertrauen darauf, dass Christus sich auch in uns hineinversetzt und sich mit uns an einen Tisch setzt. Das macht es schon einfacher, den Zachäus, den es in unserem Leben vielleicht geben mag, von seinem Baum herunterzuholen. Wenn er nicht heruntersteigt, können wir wenigstens leichter unseren Frieden mit ihm machen. Denn wir haben erkannt, warum er so ist, wie er ist.
Das Leben des Zachäus ist durch die Begegnung mit Jesus grundlegend verändert worden. Die Menschenliebe Gottes hat sein Leben neu erblühen lassen. Für ihn ist es neu geworden, aber auch für die Menschen um sich herum. Er hat reinen Tisch gemacht mit denen, die er betrogen hat. Dann hat er sein Leben in den Dienst der Armen gestellt und ist Jesus nachgefolgt. Heute wählen wir Menschen, die in ähnlicher Weise bereit sind, sich in Dienst nehmen zu lassen durch unseren Herrn. Sie wollen – wenn wir sie zu Kirchenvorstehern wählen – unserer Kirchgemeinde Zeit und Kraft zur Verfügung stellen. Sie tun es vermutlich aus ähnlichen Gründen wie Zachäus: Weil sie in der Begegnung mit Christus erfahren haben, wie er uns und unsere Innenleben kennt, wie er darauf eingeht und so das Leben gut macht.
Amen.

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