Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 5. September 2021

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Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 5. September 2021

05.09.2021

zu 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher im 5. Kapitel, gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,

den Predigttext für diesen Sonntag lesen wir im 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher im 5. Kapitel:
Wir ermahnen euch aber: Weist die Nachlässigen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.
Seid allezeit fröhlich,
betet ohne Unterlass,
seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.
Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht.
Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft; er wird's auch tun.

Liebe Gemeinde!
Mit Briefen ist das so eine Sache. In aller Regel ist ein Brief eine Antwort auf eine oder mehrere Fragen oder auch auf schöne oder schwierige Situationen. Das ist heute so und das war damals nicht anders. Das Problem ist manchmal nur, dass demjenigen, der den Brief liest, manchmal die Frage oder die Situation nicht bewusst ist, in die hinein der Brief antwortet. Bei Mails heute ist das einfacher, ob das besser ist, das weiß ich nicht.
Um einen Brief zu verstehen, scheint es also wichtig zu sein, die Situation, auf die er antwortet, zu kennen. Was also, so fragen wir uns, war das Problem der Gemeinde in Thessaloniki?
Wenn wir den ganzen Brief lesen – und das macht man als höflicher Mensch ja eigentlich – stellen wir fest: Die Thessalonicher hatten ein handfestes Problem. Paulus hatte ihnen von Jesus Christus erzählt und von dem neuen befreiten Leben, das Menschen haben konnten, wenn sie sich an Gott orientierten. Und Paulus hatte ihnen auch davon erzählt, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus wieder zurück kommen würde und alle Gläubigen mit ihm, in seiner Nähe würden leben können. Und nun waren die ersten Gläubigen aus der Gemeinde gestorben, ohne dass Christus sichtbar wiedergekommen wäre. Und nun stand für sie die Frage im Raum: Was lieber Paulus ist jetzt mit denen, die gestorben sind? War ihr Glaube vergebens? Da stand eine Frage im Raum, die den Glauben erschüttern konnte. Paulus musste also den Thessalonichern erklären: Wie funktioniert Glaube und auch Gemeindeleben gerade dann, wenn unerwartete Fragen auftauchen und Antworten fehlen. Und dann klärt er diese Frage theologisch und er erklärt seine Antwort. In wenigen Worte zusammengefasst: Die die schon gestorben sind, werden genauso in Ewigkeit mit Christus leben wie wir – offenbar war für Paulus klar, dass er das noch erleben würde. Wir wissen, an dieser Stelle irrte er. Dennoch: Paulus beantwortet der Gemeinde in Thessaloniki eine existenzielle Frage des Glaubens. Eine Frage, die sich der Gemeinde ganz unerwartet gestellt hat, weil sich schlagartig ihre Situation geändert hatte. Ganz spannend ist aber nun, dass Paulus am Ende seines Briefes – aus dem stammt unser Predigttext heute eigentlich – nicht bei der Lösung der theologischen Fragen des Glaubens bleibt.
Wenn man den letzten Briefteil genau liest, dann scheint Paulus damit zu sagen: Es ist wichtig, dass wir theologische Fragen klären, ohne Zweifel. Aber: wenn sich unerwartet etwas ändert, dann braucht ihr auch Ideen, wie Gemeinde jetzt leben kann. Gemeinde ist für Paulus – und daran möchte ich auch heute festhalten – eine Hoffnungsgemeinschaft mit einem gemeinsamen Ziel.
Wenn das so ist, dann ist klar, dass solche Ideen Gemeinden nicht nur vor 2000 Jahren brauchten. Nun ist Corona im Jahr 2021 keine plötzlich auftauchende Frage mehr, vielleicht aber ist es die Frage, wie wir als Kirche mit den 3G umgehen. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, das ist ein Satz ohne aber… Und es ist sicher eine unerwartete Situation, wenn ein Pfarrer seine Zukunft an einem anderen Ort sieht.
Die Ideen, die Paulus den Briefempfängern am Ende seines Briefes gibt, lassen sich für mich in drei Stufen fassen:

Gemeinsam hoffnungsvoll leben heißt – erstens:
Geht fröhlich und gelassen miteinander um.

Wenn sich einer Gemeinschaft unerwartete Fragen stellen, kann das zur Krise führen, dazu dass das Zusammenleben schwierig wird, dazu dass man das Verbindende nicht mehr sieht.
Da ist dieses: Tut einander Gutes, oder genauer: vergeltet nicht Böses mit Bösem. Das ist keine theoretische Floskel. Das ist mitten aus dem Leben. In schwierigen Situationen sind Menschen eben geneigt, das was sie hören und erleben aus ihrer angespannten Situation heraus zu bewerten und zumindest verbal zurück zu schlagen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und Paulus ruft: Stopp! Bitte gerade jetzt nicht! Und er appelliert nicht an ein irgendwie im Unterbewusstsein vorhandenes frommes Gefühl doch demütig zu leben. Er weiß, dass das eine bewusste Entscheidung ist: Seht zu, dass ihr das nicht so tut, ob ich das immer kann und mir das in jeder angespannten Situation gelingt, das weiß ich nicht, aber ich meine, dass Paulus uns hier auffordert, gerade dann überlegt und gelassen zu bleiben, wenn es anfängt zu brodeln. Und dann empfiehlt Paulus: Tragt die Schwachen, da steht nicht, dass das einfach ist, da steht, dass das Geduld braucht. Und zum Schluss: Lebt fröhlich. Spätestens da wird es eng. Menschen, die immer und überall fröhlich lächeln, sind mir suspekt, das passt nicht in mein Lebensbild und auch nicht in mein Bild vom Glauben. Aber genau das meint Paulus auch gar nicht. Es geht nicht ums Lächeln, es geht um eine Grundhaltung. Paulus empfiehlt, eine fröhliche Gelassenheit. Eine solche Grundhaltung meint nicht, die Frage danach, wie wir als Kirche mit Corona und 3G umgehen, wegzulächeln oder sie zu verharmlosend abzuwinken. Fröhliche Gelassenheit meint da aus meiner Sicht: Macht dieses Thema nicht zur existenziellen Frage von christlicher Gemeinde. Tragt die Schachen, auch da, aber passt auf, dass eure Hoffnungsgemeinschaft nicht auseinanderbricht. Auch die Fragen, rings um die Vakanz, die wir nächstes Jahr haben werden, die müssen wir diskutieren und dabei wird es nicht nur fröhliche Gesichter geben.  Liebe Gemeinde: auch da wünscht uns Paulus fröhliche Gelassenheit. Wenn Gemeinde mit unerwarteten Situationen und offenen Fragen umgehen muss, dann braucht sie fröhliche Gelassenheit. Aber fröhliche Gelassenheit ist nicht einfach da, so zu leben setzt ein Innehalten voraus und eine bewusste Entscheidung.

Gemeinsam hoffnungsvoll leben heißt – zweitens:
Feiert eure Gottesdienste dankbar und erwartet etwas von eurem Gott.
Betet ohne Unterlass schreibt Paulus und jedesmal, wenn ich das lese, erscheint mir der Satz so weltfremd wie nur irgendwas. Martin Luther hat mir die Idee nahe gebracht mit seinem „ora et labora“ – Bete als ob als Arbeiten nichts nützt, und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt. Ich weiß nicht, ob er da mit Paulus ganz eins geworden wäre, aber mir hat es geholfen. Wer nicht mehr an den Erfolg von Beten glaubt, so darf man wohl Paulus verstehen, vergibt sich Chancen. Offene Fragen brauchen also nicht zwingend noch einen Arbeitskreis oder einen Ausschuss, sondern Menschen, die miteinander beten, die ihre Zukunft in Gottes Handeln sehen. Den Hinweis des Paulus, den Geist und die prophetische Rede nicht außer Acht zu lassen, mutet uns in evangelischer Kirche manchmal so ein wenig aus der Zeit gefallen an – vielleicht zu Unrecht. Die Mahnung ist für mich der Hinweis: Erwartet mehr, als das, was ihr seht. Liebe Gemeinde: Wenn wir als Kirche, deren Basis der auferstandene Christus ist, nur noch das erwarten, was wir sehen, einschätzen, organisieren und planen, dann degradieren wir Gott zu einer netten Lebensidee und machen aus diesem Dom ein Museum. Wir erinnern uns: Paulus will den Thessalonichern helfen, unerwartete Situationen zu meistern und offene Fragen auszuhalten. Gerade dann, wenn es eng wird und kompliziert, wenn einfache Lösungen so ganz weit weg sind, scheinen wir diesen Rat zu brauchen: Erwartet mehr von Gott, als das, was ihr vor Augen seht. Dass wir genau das tun können, das unterscheidet uns als Kirche von einem gemeinnützigen Verein.
Und: Offenbar hat Paulus eine gewisse Erfahrung, was Gemeindekrisen betrifft, wenn er schreibt: Schließt nichts von vornherein aus und das Gute bewahrt. Dieser Satz bewahrt Menschen und auch Kirchenvorstände davor, nur das für gut zu halten, was man selber entwickelt hat.
Über allem aber steht: Seid dankbar. Dankbarkeit macht demütig und lässt uns Gottes Handeln wahrnehmen.
Ja, es wird nicht einfach sein, mit den Fragen rund um Corona, um Impfen und Testen umzugehen und die Gefahr, dass eine Gesellschaft daran noch mehr zerbricht, die ist ganz real da. Die will ich auch nicht wegreden. Aber genau an dieser Stelle möchte ich unseren Blick auf das Handeln Gottes lenken. Ja diese Pandemie hat uns viel gekostet, Geld – vielleicht. Beziehungen – bestimmt. Aber dürfen wir alle, die wir hier sitzen, nicht auch dankbar dafür sein, dass wir heute hier Gottesdienst feiern können, dafür, dass wir die vielleicht existenziellste Krise, die wir erlebt haben, als Menschen und als Kirche gut zu überstanden scheinen. Diese Dankbarkeit Gott gegenüber fragt nämlich genau nicht danach, ob in dieser Krise alles richtig entschieden wurde und auch nicht, was jetzt am besten zu tun ist. Dankbarkeit Gott gegenüber macht deutlich, dass wir uns in allen Krisen und bei allen Fragen nicht uns allein überlassen sind, sondern uns gemeinsam hoffnungsvollmehr an Gott orientieren.

Gemeinsam hoffnungsvoll leben heißt – drittens:
Vertraut auf Gottes Treue – jeden Tag neu.
Mit genau diesem Satz endet Paulus: Treu ist er, der euch ruft; er wird’s auch tun. Was für eine Zusage. Unerwartete Situationen, Fragen ohne Antworten und dann die Aussage: Auf Gottes Treue ist Verlass. Darauf, so sagt es Paulus, dass er Leib, Seele und Geist bewahren wird. Uns als ganze Menschen sozusagen. Das heißt doch: Beides - Fröhliche Gelassenheit und hoffnungsvolles Orientieren an Gott sind am Ende nicht das Maß der Dinge. Das Maß der Dinge ist am Ende Gott. Das heißt dann: Lasst die Dinge, die auf Gottes Schreibtisch liegen, dort liegen. Ihr müsst nicht versuchen, Gottes Job zu machen. Das, was Paulus den Thessalonichern rät und auch uns, soll uns helfen, als Gemeinde und als Christen hoffnungsvoll leben zu können, auch dann, wenn es Fragen gibt, die noch keine Antworten haben. Das, was am Ende trägt, ist keine Strategie und keine Idee. Der, der am Ende trägt, ist Gott selbst. Der, der uns zum Ziel bringt, ist Jesus Christus, der den Paulus als den Menschen als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn verkündigt hat.

Vielleicht ist es deshalb besser, vom Ende her zu denken:
Weil es Jesus Christus ist, auf den wir heute und morgen unsere Hoffnung setzen dürfen, können wir dankbar mehr von unserem Gott erwarten als wir sehen und weil das so ist, lasst uns in fröhlicher Gelassenheit unerwarteten Situationen und offenen Fragen begegnen.
Lasst uns auch hier in Freiberg als Hoffnungsgemeinschaft mit Gott unterwegs sein.
Amen.

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