Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2026

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Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 6. September 2026

06.09.2026

über Lukas 19,1-10 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Verlesung des Predigttextes Lukas 19,1-10 (Lut)

Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Zachäus gehört zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments. Viele von uns kennen sie seit Kindertagen: Der kleine Mann, der auf einen Baum klettert, weil er Jesus sehen will. Es ist eine anschauliche, fast humorvolle Szene. Man sieht ihn förmlich vor sich: den reichen Oberzöllner im Geäst einer Maulbeerfeige, neugierig, etwas unbeholfen, vielleicht sogar lächerlich wirkend.

Doch wenn wir bei diesem Bild stehen bleiben, übersehen wir die eigentliche Pointe… Oft wird die Geschichte als moralische Erzählung verstanden: Zachäus hat auf fragwürdige Weise Reichtum erworben, dann begegnet er Jesus, bessert sich und wird ein ehrlicher Mensch. Die Lehre lautet dann: Betrüge nicht und teile mit anderen.

Sicherlich gehört das dazu. Aber Lukas will eigentlich mehr sagen. Er erzählt diese Geschichte als Höhepunkt dessen, was Jesus selbst am Ende ausspricht: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Weder der Reichtum des Zachäus steht im Zentrum, noch seine Schuld. Im Zentrum steht Jesus. Seine Mission. Sein rettendes Handeln… Dabei ist bemerkenswert, wen Jesus rettet.

Kurz zuvor begegnet Jesus vor Jericho einem blinden Bettler – wir haben es in der Evangelienlesung gehört. Ein Mensch am Rand der Gesellschaft. Arm, hilfsbedürftig, abhängig von anderen. Viele empfinden Mitleid mit ihm. Kaum einer wird daran zweifeln, dass er Jesu Hilfe braucht.

Nun begegnet Jesus Zachäus. Auch er steht am Rand. Aber ganz anders.

Er ist reich. Er hat Einfluss. Er ist Oberzöllner. Von den meisten wird er nicht bemitleidet, sondern verachtet. Er gilt als Kollaborateur der Römer, als jemand, der auf Kosten seiner Landsleute lebt. Wenn die Menge über ihn urteilt, dann ist das Urteil längst gefällt: ein Sünder.

Und doch verbindet beide Menschen etwas… Beide werden von der Menge an den Rand gedrängt… Dem Blinden wird befohlen zu schweigen. Zachäus kommt wegen der Menge nicht durch. Die Menschen um sie herum meinen zu wissen, wer wichtig ist und wer nicht. Wer Aufmerksamkeit verdient und wer nicht. Wer würdig ist und wer nicht.

Aber Jesus sieht anders… Er bleibt beim Blinden stehen… Und er bleibt auch unter dem Baum des Zachäus stehen… Jesus lässt sich die Menschen nicht von der Menge erklären. Er schaut selbst hin.

Vielleicht liegt hierin eine der dringendsten Botschaften für uns heute… Wir leben in einer Gesellschaft, die schnell urteilt. Menschen werden auf eine Eigenschaft festgelegt, auf eine politische Meinung, auf einen Fehler, auf ihre Herkunft, ihren Beruf oder ihre Vergangenheit. Oft genügt ein Etikett, und das Urteil steht fest.

So geschieht es auch mit Zachäus. Für die Menge ist er nur noch „der sündige Mann“… Jesus aber sieht mehr… Er sieht einen Menschen… Deshalb ruft er ihn beim Namen: „Zachäus, steig eilend herab; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“

Jesus fordert keine Vorleistung. Er verlangt keine Besserung. Er stellt keine Bedingungen. Zuerst kommt die Zuwendung, die Gemeinschaft… ja die Gnade… Gerade das empört die Menge… Denn Jesus geht nicht zum Blinden, dem alle Hilfe gönnen würden. Er geht zu dem, von dem viele sagen: Der hat sie eigentlich gar nicht verdient.

Da sind wir in der Mitte des Evangeliums. Rettung gilt auch denen, die schuldig geworden sind. Sie gilt nicht nur den Armen, sondern auch den Reichen. Nicht nur den Ohnmächtigen, sondern auch den Mächtigen. Nicht nur denen, mit denen wir Mitleid haben, sondern auch denen, über die wir uns ärgern.

Denn verloren sein kann man auf sehr verschiedene Weise… Der Blinde ist gefangen in seiner Krankheit… Zachäus ist gefangen in einem Leben aus Reichtum, Macht und sozialer Isolation… Und beide brauchen Rettung.

Erstaunlich ist dabei die Reaktion des Zachäus. Noch bevor Jesus lange mit ihm gesprochen hat, verändert sich etwas. Er sagt: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Eine wirklich krasse Veränderung… ein Neubeginn… in seiner Haltung…

Wenn ein Blinder plötzlich wieder sehen kann, ist das schon erstaunlich… Aber Lukas macht deutlich: Es ist ebenso ein Wunder, wenn ein Mensch bereit wird, Macht loszulassen, Privilegien aufzugeben und sein Leben völlig neu auszurichten.

Und dann stellt sich noch die Frage: Woher kommt diese Veränderung?

Vielleicht hilft hier ein Gedanke, den der Soziologe Hartmut Rosa das „hörende Herz“ nennt. Ein hörendes Herz ist offen für einen Anruf von außen. Es ist nicht eingeschlossen in fertige Urteile und unumstößliche Selbstbilder. Es bleibt ansprechbar…

Genau das geschieht bei Zachäus… Er steigt auf den Baum. Er macht sich lächerlich. Für einen Moment verlässt er seine gewohnte Rolle. Für einen Moment hört er auf. Im doppelten Sinn: Er hält an und beginnt aufzuhorchen… Vielleicht liegt darin das Geheimnis seiner Rettung.

Jesus findet keinen Menschen vor, der perfekt ist. Aber er findet einen Menschen, der noch hören kann… Und sein Wort trifft auf ein offenes Herz.

Liebe Gemeinde,

am Anfang eines neuen Schuljahres, nach den Sommerferien, tragen viele von uns Erwartungen, Sorgen und Pläne mit sich. Wir schauen auf das, was vor uns liegt. Oft sind wir beschäftigt mit dem, was wir erreichen, sichern oder kontrollieren möchten.

Die Geschichte von Zachäus lädt uns ein, einen Moment anzuhalten… immer wieder einen anderen Blickwinkel einnehmen… Mut, aus der eigenen gewohnte Rolle auszubrechen… ja es braucht immer wieder „hörendes Herz“.

Mich lehren diese beiden Jericho-Geschichten: Gottes Rettung geschieht dort, wo wir sie nicht erwarten. Am Rand. Bei den Übersehenen. Bei den Ausgeschlossenen. Manchmal sogar bei denen, die wir längst abgeschrieben haben… Und vielleicht auch bei uns selbst.

Denn Christus kommt noch immer, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist… Heute… Hier… Und für jeden von uns.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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