Predigt zum 2. Advent, 6. Dezember 2020

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Predigt zum 2. Advent, 6. Dezember 2020

06.12.2020

zu Jakobus 5, 7.8 ; gehalten von Superintendentin Hiltrud Anacker

Liebe Gemeinde!
Vor ca. 50 Jahren führte Walter Mischel ein Experiment unter dem Thema „Geduld“ durch. Er war 1930 in Wien geboren, musste mit seiner Familie in die USA fliehen und studierte dort Psychologie. Das Experiment sah folgendermaßen aus: Der Versuchsleiter teilte dem jeweiligen Kind (im Vorschulalter) mit, dass er für einige Zeit den Raum verlassen würde. Das Kinde würde eine Weile allein im Raum bleiben. Es konnte den Versuchsleiter durch Betätigen einer Glocke zurückrufen und dann einen Marshmallow erhalten. Würde es aber warten, bis der Versuchsleiter von selbst zurückkehrte, erhielte es zwei Marshmallows. Hatte das Kind die Glocke nicht betätigt, kehrte der Versuchsleiter gewöhnlich nach 15 Minuten zurück. Durchschnittlich warten die Kinder ca. 6-10 Minuten. Dann läuteten die Kinder und erhielten ihr Marshmallow. Etliche Jahre später gab es Nachbeobachtungsstudien. Je länger die Kinder im ursprünglichen Experiment gewartet hatten, desto kompetenter wurden sie als Heranwachsende in schulischen und sozialen Bereichen beschrieben, desto besser konnten sie mit Frustration und Stress um-gehen, desto besser konnten sie Versuchungen widerstehen. Sie zeigten auch eine tendenziell höhere schulische Leistungsfähigkeit. Geduld – so fand die Studie heraus – kann als Erfolgsrezept gelten.
Geduld ist eine mehr oder weniger gut ausgeprägte menschliche Eigenschaft. In der Bibel wird die Geduld als eine der christlichen Haupttugenden benannt. Seit zwei Jahrtausenden predigen wir nicht nur im Advent: „Jesus Christus kommt wieder.“ Wird es nicht endlich Zeit? Vor 2000 Jahren warteten die Christen sehnsüchtig. Advent wurde nicht gefeiert. Weihnachten kannten die Gemeinden nicht. Einer schreibt: „Habt Geduld, das Kommen des Herrn ist nahe.“

Jakobus 5, 7.8

7 Geduldet euch nun, meine Schwestern und Brüder, bis Jesus kommt! Auch diejenigen, die vom Acker leben, erwarten die kostbare Frucht der Erde so, dass sie sich gedulden, bis die frühen oder die späten Früchte reif sind. 8 Geduldet auch ihr euch, stärkt das Denken, Fühlen und Wollen eurer Herzen, denn Jesus kommt bald!

Wer waren die Menschen, denen der Jakobusbrief Mut machen möchte? Viel wissen wir nicht. Vermutlich handelte es sich um Flüchtlinge aus Jerusalem, das im Jahr 70 nach Christus zerstört worden war. Arm waren sie. Sie fühlten sich ungerecht behandelt, ausgenutzt. Vielleicht wurden Gerüchte gestreut, was sie alles Schreckliches taten. So wurden Christen in dieser Zeit im römischen Reich behandelt. Wenn etwas nicht läuft, wie es laufen soll, muss doch irgendwer daran schuld sein. Und die Juden und Christen waren die Fremden. Hoffnung auf bessere Zeiten? Das wird schwer, wenn man schon so lange wartet. Geduld – Warten – Hoffen: Für „Jako-bus“ ist dies nichts Inaktives. Wir haben Zeit, die es zu nutzen gilt.
Der christliche Glaube hat sich verändert. Christen sprechen von der Wiederkunft Christi als vom „Ende der Geschichte“, dem Ende von Unrecht, Gewalt, Leid, Tod. Was hat sich getan, seit der Brief geschrieben wurde? Die Menschheit ist nicht besser geworden. Wenn etwas nicht funktioniert heißt es gleich: „Irgendwer muss doch Schuld haben.“ Die Welt ist nicht friedlicher oder gerechter. Wir kennen den Seufzer gerade in unseren Tagen: „Das muss doch einmal auf-hören!“ Und wir denken an die Corona-Pandemie mit ihren Beschränkungen und den Streit um einen Impfstoff, der noch gar nicht auf dem Markt ist. Hoffnung auf eine bessere Welt!? Zu resignieren wäre der falsche Weg. Geduld ist nichts Inaktives. Nein, wir können die Welt als Ganzes nicht verbessern. Aber wir können unseren Nachbarn, unsere Nachbarin trösten. Und: Uns ist das Gebet geschenkt. Wir können das Unsere tun im fairen Umgang miteinander. Wir haben Zeit geschenkt für die „Nachfolge“ im mitmenschlichen Miteinander so wie Jesus es vorgemacht hat. Irgendwann (es dauert womöglich länger als 15‘) wird Gott seine Welt vollenden.
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Amen.

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