Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2024

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Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2024

14.01.2024

zu Hebräer 12, 12 - 18 und 22 - 25a; gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Sie kennen das: ein Gebäude ist alt, abgewohnt, sanierungsbedürftig. Es stellt sich die Frage: was tun? Die eine Möglichkeit: Erhalten, sanieren, wieder nutzbar machen. Dann können Sie sich freuen. Alles wird neu. Aber Sie haben auch immense Sanierungskosten, viel Absprachen und Bürokratie mit dem Denkmalschutz. Die andere Möglichkeit: Sie reißen ab, schaffen Freiraum, bauen neu. Dann ist da die Trauer über den Verlust. Vielleicht ist es ein schönes denkmalgeschütztes Gebäude, oder einfach sehr zweckmäßig, oder es hängen einfach Erinnerungen dran: Familienereignisse… Oder sie freuen sich, dass Sie den alten Kasten, diese Geldschleuder einfach loswerden.

Ich habe viele Beispiele und Möglichkeiten im Städtebau wahrgenommen. Irgendwie faszinieren mich Gebäude sehr – meine Frau sagte sogar mal, ich hätte Städteplaner oder Architekt werden sollen. Meistens ist es so, dass ich so ganz alte Gebäude total schön finde. Ich gehöre zu denen, die alte Gebäude meistens einfach gerne erhalten möchten. Wie ist denn das bei Ihnen?

Doch es gibt ein Beispiel, wo es mir einmal genau umgekehrt gegangen ist: in einem Dorf gab es eine alte Schule. Dieses Gebäude hatte einfach keine Verwendung mehr. Die Schule war in sich über Erweiterungen sehr verbaut. Sie konnte nicht kostengünstig in Wohnungen umgebaut werden. Für gewerbliche Zwecke war das Gebäude auch nicht zu gebrauchen. Die Kommune hatte keine Verwendung mehr. Also es war schwierig. Und dann wurde entschieden: das Gebäude sollte wirklich abgerissen werden. Sie können sich vorstellen. Das hat lange gedauert. Es gab auch viele Bedenken, Einwände, Trauer. Aber am Ende war es die Entscheidung.

Einige Jahre später kam ich wieder in das Dorf. Die Schule gab es schon länger nicht mehr. Aber dafür habe ich gestaunt: ein wunderschöner Dorfgemeinschaftsplatz. Ein Spielplatz, ein Brotbackofen. Einfach eine neue Dorfmitte mit einem schönen neuen Feuerwehrhaus daneben. Ich war total beeindruckt. Hier war aus einem Abriss eines Gebäudes Freiraum entstanden. Ein Ort, der Gemeinschaft fördert. Ja, ich trauere immer noch etwas über das fehlende Gebäude. Aber die Sicht dort ist jetzt auch großartig. Und vor allem es ist für das Dorf ein großartiger Treffpunkt geworden. Ein Ort der Gemeinschaft.

So wie es dieser Dorfgemeinschaft erging, war es noch viel heftiger vor sehr langer Zeit auch für Christinnen und Christen. In Jerusalem stand ja ein grandioser Tempel. Das Haus Gottes. Ein uraltes Gebäude. Ein Ort der Wallfahrt und des Gottesdienstes. Dann kam es zu einem Aufstand. Die Römer waren so erbost, dass Sie kurzer Hand dieses wichtige Gebäude abrissen. Und sie zerstörten gleich weite Teile der Stadt Jerusalem mit. Das irdische Jerusalem weg: somit auch die erste Gemeinde um Petrus. Gottes Wohnung weg. Sie können sich vorstellen, was das für eine Erschütterung ausgelöst hat. Der wichtigste Ort des Gottesvolks einfach weg, die erste Gemeinde nicht mehr da. Trauer, Wut, Ohnmacht. Die Menschen waren verunsichert: wie soll es mit der Religion, dem Christentum weitergehen, wo es doch dieses zentrale Bauwerk, die Urgemeinde nicht mehr gab? Angst, Unsicherheit. Wie geht es weiter?

Und genau in diese Unsicherheit hinein richten sich nun die tröstenden und zuversichtlichen Worte des Hebräerbriefs: „Ihr seid vielmehr zum Berg Zion gekommen und zur Stadt des lebendigen Gottes: zum himmlischen Jerusalem. Ihr seid zu Zehntausenden von Engeln gekommen – zu einer Festversammlung und zur Gemeinde derer, die als Erste geboren wurden und im Himmel aufgeschrieben sind. Ihr seid zu Gott gekommen.“

Dieser unbekannte Verfasser zeigt den Christinnen und Christen: ihr braucht doch gar nicht dieses irdische Bauwerk, diesen Tempel im alten Jerusalem. Ihr habt euch doch gegenseitig. Ihr seid eine Gemeinschaft, eine Festversammlung, beflügelt wie Engel. Und Gott ist genau hier bei euch.

Doch wie geht es Ihnen jetzt mit dieser Aussicht? Jerusalem im Himmel, eine phantastische Stadt in den Wolken bei den Engeln. Tröstet Sie das Bild in ihrer ganz persönlichen Trauer? – um einen Angehörigen, in dieser dunkeln nachfestlichen Winterzeit, in diesen Zeiten ewiger globaler Krisen, in den Zeiten, wo das Geld knapper wird und die Bauern nur ein Bereich der großen Geldkürzungen sind?

Im ersten Moment erinnere ich mich dann immer an das heutige Jerusalem. Ein Blick vom Ölberg hinüber zum Zion, dem Tempelberg. Einfach herrlich. Aber darum geht es ja hier gar nicht. Der Briefschreiber möchte ja den Blick gerade auf das zunächst Unsichtbare lenken. Ein Widerspruch? Unsichtbares sehen? Ich denke nicht ganz: „Sie sind schon zur Vollendung gelangt und ihr Geist ist schon bei Gott“ – schreibt der Verfasser des Hebräerbriefs – „Ihr seid zu Jesus gekommen, dem Vermittler des neuen Bundes – und zu dem Blut, mit dem ihr besprengt seid.“

Dieses Himmlische Jerusalem gibt es schon jetzt… wenigstens ab und zu, im Kleinen: nämlich dort, wo wir bei Gott zusammenkommen. Hier im Gottesdienst, hier in der Versammlung der Gläubigen. Hier in der Versammlung bei Jesu Altarsakrament. Das meint der Briefschreiber, wenn er von dem Blut des neuen Bundes spricht. Also hier in dieser herrlichen Kirche von Kleinwaltersdorf/ in diesem herrlichen Dom zu Freiberg.

Dieses Haus ist natürlich unvollkommen, wir müssen es sanieren, aber es ist schön. Es gibt uns schon heute in seiner Pracht einen faden Vorgeschmack auf das, was da im Himmel sein wird. [Nicht umsonst hat man die goldene Pforte so herrlich gestaltet: ein Eintrittsportal zu den Engeln, in den Himmel in diese Kirche.]

Ich finde der Schreiber des Hebräerbriefs war unheimlich klug. (Auch wenn sein Sprachstil, rhetorisch extrem ausgefeilt ist: ganz lange Sätze, für die meisten heute eher fremd und schwierig ist.) Er will ja die Leute motivieren. „Schöpft Mut in der Angst, Schöpft Kraft – auch wenn das alte Jerusalem, die Urgemeinde nicht mehr ist“. „Es gibt eine neue Gemeinschaft. Es gibt einen Neuen Bund um Jesu Altarsakrament. Da seid doch schon voll bedient“. Und offenbar ahnt er auch: dieses Bild motiviert vielleicht nicht alle gleich. Dieses Bild ist noch recht unscharf, muss noch etwas konkreter ausgestaltet werden. In anderen Worten. Er gibt Hinweise: so soll diese Gemeinschaft der Kirche aussehen, ja, so soll unsere Kirche auch heute noch aussehen:

-          „Bemüht euch um Frieden mit allen Menschen.“ Was für eine elementare Forderung. Gerade in unserer Zeit. Nutzen Sie eine Einkehr beim Friedenslicht, das in diesem Jahr durch unseren Kirchgemeindebund wandert. Jetzt ist es gerade in Großschirma. Im Mai wird es hier im Dom sein.

-          „Bemüht euch um Heiligkeit. Ohne sie wird niemand den Herrn sehen.“ Für mich heißt das ganz simpel: glaube an Gott. Der Rest folgt dann.  

-          „Achtet darauf, dass niemand zurückbleibt und so die Gnade Gottes verliert“… diese Forderung ist mir am wichtigsten. Rücksichtnahme auf die Schwächsten in unserer Gemeinde, in unserer Gesellschaft. Wie ich so eine Ellenbogengesellschaft hasse. Wie ich es hasse, wenn Menschen immer nur an sich denken. Was für ein Balsam dieser alte Brief!

-          „Niemand soll unmoralisch oder ohne Gott leben.“ – selbstredend.

Ein ganz schöner Rucksack, wie ich finde. Den gibt es uns mit, dieser Unbekannte. Aber auf der anderen Seite ist es doch gerade herrlich, zu einer Wanderung aufzubrechen. Wir lassen das Alte zurück und gehen so in dieses noch junge Jahr in der Gemeinschaft unserer Kirche. Zurecht sagt er gleich am Anfang: „Macht deshalb die müden Hände und die erlahmten Knie wieder stark! Und schafft für eure Füße gerade Pfade.“

Ich sitze an einem lauen Sommerabend auf einem Dorfplatz in Mittelsachsen. Die Sonne erleuchtet mit ihren letzten Strahlen den Bauernhof gegenüber. Leute sind da und quatschen, Kinder spielen ausgelassen auf dem Spielplatz. Duft von frischem Brot. Die alte Schule in den Tiefen meines Gedächtnis und auf dem Dorfplatz als Umriss nachgezeichnet. Ich vermisse nichts. Mir geht es gut, die Angst ist verschwunden. Wie schön ist das Leben hier.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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