Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 4. Februar 2024

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Predigt zum 2. Sonntag vor der Passionszeit (Sexagesimae), 4. Februar 2024

07.02.2024

zu Markus 4, 26 - 29; gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

diese Woche noch drei leuchtende Schwibbögen in den Fenstern. Trotzdem tastet die Hand an der Wand. Der Lichtschalter. Ja, es muss heller werden mit LED-Lichtern. Der Geruch von neuem Linoleum. Rechts ein paar Tische, links ein Stuhlkreis. Das E-Piano muss noch aufgestellt werden. Kurz noch mal hinsetzen, die Lieder durchgehen. Da, schon das erste Tappen von Füßen auf den Holzstiegen, Kinder begrüßen sich fröhlich. Immer mehr kommen dazu, machen Quatsch oder setzen sich erwartungsvoll in den Stuhlkreis. Jetzt Ruhe. Es geht los. Fr. Möbius teilt die Notenblätter aus. Das erste Lied wird gesungen. Es ist Vorkurrende. Wie herrlich!

Ja und heute sind die Kinder hier in der Annenkapelle, bzw. einige auch draußen im Kindergottesdienst. Sie, die Eltern sind dabei. Es ist heue ein besonderes Ereignis: einige sind nun reif für die große Kurrende. Dieser Wechsel ist das Ende der Zeit in der Vorkurrende. Dieser Wechsel ist wie die ertragreiche Ernte nach einigen Jahren oder wenigstens einiger Zeit mit intensivem Üben, erlernen von Tonhöhen, Stillsitzen (meistens jedenfalls). Und es ist Zeit, dass ab jetzt schwierigere Musik dran ist: für die Gottesdienste in der Liturgie, aber auch für Konzerte, das Weihnachtsoratorium oder sogar mal leihweise für die Oper. Ja, jetzt wird’s ernst. Aber sicher auch voll toller Erfahrungen… Stolz und Freude… und die Eltern ebenso oder mit einem „na mal sehen, was das wird“… ich weiß wovon ich rede, ich bin selber Papa eines Wechselkindes. Ja, heute ist ein Wechsel: und das heißt Abschied von der alten Gruppe, Abschied von Fr. Möbius… Und das heißt neben der Freude auch Trauer. Beziehungen brechen ab. Neue entstehen. Neue Kinder rücken in die Vorkurrende nach.

In dieses, unser heutiges Gemeindeereignis, spricht nun ein Gleichnis von Jesus zum Reich Gottes aus dem Markus-Evangelium im 4. Kapitel:

Markus 4, 26 - 29

Der Herr segne sein Wort an uns. Amen.

Liebe Gemeinde,

was für ein glattes, klares Gleichnis. Das geht runter wie Öl – freilich etwas aus der Jahreszeit gefallen. Aber man kann sich das gut vorstellen. So ein Getreidefeld. Sonnenschein, goldenes Leuchten soweit das Auge reicht, der Duft von Weizen, der Wind streicht durch die Ähren und Blätter. Ein Bauer, der sich von der Saat bis zur Ernte darum kümmert. So, als ob seit Jesus bis heute keine Zeit vergangen ist… im ersten Moment.

Denn denke ich an Felder und Bauern erinnere ich mich auch gleich an die letzten Wochen: Bauern auf Landstraßen und Autobahnen. Ihre Hauptkritikpunkte: die Regierung will Subventionen für den Agrardiesel streichen und zu viel Bürokratie. Da ist Frust, Wut, ja und vermutlich schlicht auch die Angst um das Überleben in der internationalen Konkurrenz. Um zum Gleichnis Jesu zurückzukommen: ja, natürlich hat der Bauer ein ganz inniges Verhältnis zu seiner Saat, aber gleichzeitig kommt er mir in der Wirklichkeit bei weitem nicht so selbstlos, liebevoll daher, wie in der Geschichte des Evangeliums. Landwirtschaft ist eben auch gnadenlose Wirtschaft. Wer die größeren Maschinen hat, die geeignetere Saat, die besseren Düngemittel, die geringeren Kosten, kann gut über die Runden kommen. Andere werden knallhart von der Konkurrenz geschluckt und müssen ihre Höfe dicht machen.

Das Leben zur Zeit Jesu, war genauso hart oder noch härter als heute. Da war eine große Sehnsucht nach einer besseren Welt. Die Menschen am See Genezareth folgten Jesus. Sie setzten Hoffnung in ihn als den Menschensohn. Sie glaubten: Jesus bringt Erlösung von all der Wut. Jesus würde alles verändern oder besser machen. Sie wollten, dass es schnell aufhört mit den Beschwernissen. Aber die Welt veränderte sich eben nicht schnell – auch nicht mit Jesus.

Und da erzählt Jesus dieses Gleichnis: „Gottes Reich kann man vergleichen mit einem Bauern und der Saat, die er auf sein Feld gesät hat… und es pflegt.“ Er knüpft zwar bei der Alltagserfahrung der Bauern an. Aber er zeichnet keine naturgetreue Wirklichkeit nach. Jesus beschreibt das Reich Gottes. Für mich sind das vor allem drei Aussagen:

-         „Habt Geduld. Ihr müsste in langsamen Schritten gehen. Die Veränderung fällt nicht einfach so vom Himmel. Sie wächst ganz langsam. Man kann sie nicht unmittelbar sehen. Sondern nur mit Geduld.“ Und am Ende steht eine reiche Ernte. Als ich jetzt hier so mit meinen Aufgaben in Freiberg angefangen hatte, da habe ich einer Kollegin von vielen Ideen erzählt… was man alles so in der Gemeinde oder im Kirchgemeindebund machen könnte. Und sie hat mich genau auf diese Geduld hingewiesen. „Mach nicht zu viel, gib Dir und der Gemeinde Zeit. Das Reich Gottes wächst langsam“ Ich bin ihr unheimlich dankbar dafür… meine Ideen bleiben mir ja erhalten und Jesus unserer Gemeinde.

-         Jesus geht es hier natürlich nicht um den knallharten Konkurrenzkampf der Bauern. Und damit wird deutlich: das Reich Gottes ist ganz anders als diese mühsame, beschwerliche Wirklichkeit. „Ihr braucht euch nicht abmühen im Reich Gottes. Euch wird auch etwas geschenkt. Das Getreide wächst ohne euer Zutun. Ihr könnt euch zurücklehnen.“ 

-         Ja, Jesus fokussiert sein Gleichnis: Wachstum der Saat passiert ohne menschliches Zutun. Das Gleichnis macht deutlich: das Reich Gottes können wir Menschen gar nicht selber bauen. Und damit ist es auch eine Mahnung: „glaubt nicht, dass durch menschliche Ideologien, allein durch unsere Vernunft diese Welt einen besseren Zustand erreichen wird“. Die Geschichte zeigt es: Rassismus, Bodenideologie, Menschenverachtung, Fremdenfeindlichkeit, Fakeinformationen, Alternative Medien, Pseudosoziale Netzwerke haben diese Welt vergiftet und werden sie auch weiterhin vergiften. Sie verführen. Und sie stehen dem Reich Gottes, Jesu Botschaft entgegen. Ist es nicht einfach ein unheimlich schönes Bild: dieser liebevolle Bauer, der sein Feld ohne Druck, ohne Verzweckung und Eigennutz pflegt… und dafür von Gott mit reicher Ernte beschenkt wird?

Zurück in unserer Annenkapelle zur Kurrendearbeit: der Wachstum von Kindern, die Erziehung, die musikalische Früherziehung, die musikalische Erziehung ist ja auch harte Arbeit. Fr. Möbius macht das mit viel Liebe, aber auch mit Disziplin. Sie muss sich Kniffe überlegen, wie sie die Kinder motiviert, die Kinder in die richtigen Stimmhöhen bringt und immer wieder zur Disziplin anhält. Und dann immer wieder der Abschied und der Neubeginn. Ja, für einige Kinder beginnt heute ein neuer verantwortungsvoller Lebensabschnitt in der Kurrende. Da sind von nun an die Proben bei unserem Domkantor, Hr. Koch. An sein Dirigieren müssen sich die Kinder noch gewöhnen. Dann aber ist da auch die neue Gruppe. Da werden neue Verhältnisse geklärt: wer wird Stimmführer, Stimmführerin, wer übernimmt Verantwortung?

Das Gleichnis von der Wachsenden Saat nimmt nicht die Kraft und Dynamik aus der Kurrendearbeit. Aber es zeigt:

- Wir können nur den Rahmen setzen. Gott tut das übrige dazu.

- Die Liebe für die Kinder und Jugendlichen sowie unsere herrliche Kirchenmusik und Liturgie ist doch ganz wichtig. So wie der Bauer sich liebevoll um sein Feld kümmert.

- Und es braucht Geduld in der Arbeit unserer Gemeinde. Die Ernte kommt wenn Gott es will.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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