Predigt zum 3. Advent, 13. Dezember 2020

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Predigt zum 3. Advent, 13. Dezember 2020

13.12.2020

zu Lukas 1, 67 - 79; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
auf dem Christmarkt steht jetzt eine Weihnachtspyramide ohne Krippe – nur noch mit bergmännischen Figuren. Damit ist es eigentlich keine Weihnachtspyramide mehr, eher eine Bergmannspyramide. Schade. Immerhin ist die Krippenszene noch zu sehen. Sonst hätte man den „Christmarkt“ in „Silbermarkt“ umbenennen müssen.
Zum Ausgleich will ich mit Ihnen heute mal eine neue weihnachtliche Pyramide konstruieren und bauen. Die Bauanleitung dazu liefert uns der Evangelist Lukas. Genau genommen liefert sie uns der Priester Zacharias, der Vater Johannes des Täufers. Als ihm sein Sohn geboren worden und seine Sprechblockade aufgehoben ist, singt er ein Loblied auf Gott. Dieses Lied möchte ich als Bauplan für eine wirklich weihnachtliche Pyramide nehmen.
Auf der untersten Pyramide sieht man eine Herde Schafe. Es sind aber nicht die Schafe der Hirten vor Bethlehem. Die sind erst weiter oben zu sehen. Sie gehören einem älteren Mann, neben dem ein deutlich jüngerer Sohn steht. Es ist Abraham, der Ahnvater des Glaubens. Voller Vertrauen hat er sich auf das Wagnis eingelassen alles aufzugeben. Er ist dem Ruf Gottes gefolgt, in ein neues Land aufzubrechen. Ihm hat Gott zugesagt, ihn zu segnen und aus seinen Nachkommen ein großes Volk zu machen. Vor allem aber hat Gott dem Abraham zugesagt, dass alle Völker durch ihn gesegnet sein sollen. Die Figur des Abraham steht mit geöffneten Händen da. Es wird deutlich: Abraham empfängt den Ruf Gottes; er empfängt die Verheißung, Gottes Versprechen; er empfängt den Segen.
Auf der nächstoberen Ebene sieht man Menschen entweder mit gesenkten Köpfen oder mit bedrückten Mienen. Zum Glück sind die Figuren auf so einer Christmarktpyramide ausreichend groß. Man kann in die Gesichter der Figuren sehen. Einer hält verzweifelt ein totes Kind auf seinem Arm. Eine andere kniet an einem Krankenbett. Einer erleidet gerade Gewalt, wird von zwei anderen geschlagen und ausgeraubt. Ein Kind schaut sehnsuchtsvoll nach einem Brot, das ein Mann in der Hand hält. Eine Figur scheint zu weinen. Sie alle sind in deutlich dunkleren Farben gefasst als die Figuren auf den anderen Ebenen der Pyramide. Mitten unter ihnen steht allerdings ein Mann, der sich – auch von den Farben der Figur her – deutlich hervorhebt. Er sieht zum Himmel. Sein Gesicht strahlt Zuversicht aus. Er zeigt mit der einen Hand nach unten zu Abraham. „Gottes Versprechen an ihn bleibt bestehen“, scheint er zu sagen. „Gott ist treu.“ Die andere Hand zeigt zum Himmel – als sei von Gott etwas zu erwarten. Vielleicht ist auch jemand zu erwarten, mag sich der Christmarktbesucher fragen. Eine der Figuren scheint im Hören auf diese Verheißung des Propheten den Kopf zu heben, Mut zu fassen.
Gehen wir noch eine Ebene höher. Hier sehen wir eine Figur an einem Fluss. Sie sieht ganz anders aus als alle anderen. Sie hat keine Kleidung aus Stoff an, sondern eine Art Fell. Dass es Kamelhaar sein soll, wissen nur eingeweihte Betrachter unserer Weihnachtspyramide. Neben dem Mann kniet ein anderer in dem Fluss und wird offenbar von ihm getauft. Zugleich zeigt der Mann mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben, als meine er die Ebene über ihm in der Pyramide. Zum Bauplan der Pyramide gehört es, dass auf dieser Ebene auch ein Weg zu sehen ist. Denn dieser Mann, Johannes, Sohn des Zacharias, hat von Gott den Auftrag erhalten zu taufen. Vor allem aber soll er dem einem den Weg bereiten, der nach ihm kommen wird.
Folgen wir dem Zeigefinger des Johannes, gelangt unser Blick auf die nächsthöhere Ebene. Hier haben wir die Krippe, die auf dem Obermarkt jetzt entfernt worden ist. Wir sehen die bekannte Szene: Den Stall, die Hirten, Maria und Josef neben der Krippe im Stall und in der Krippe das Jesuskind. Interessant ist die Darstellung dieser Krippe. Alles ist sehr dunkel gehalten. Es erinnert ein wenig an die zweiunterste Ebene. Nur die Hirten stehen in einem Licht, als wäre ein Scheinwerfer auf sie gerichtet. Dieser Scheinwerfer scheint aber nicht vom Himmel zu kommen. Weder der Stern über dem Stall noch die Engel, die von der nächstoberen Ebene herabhängen, sind der Ausgangspunkt dieses Lichts. Der Schattenwurf ließe die Lichtquelle mitten im Stall vermuten – als wäre das Kind der Scheinwerfer. Es ist als brächte es Licht in die Dunkelheiten eines solchen Lebens, wie die armen und verachteten Hirten es führen müssen.
Ganz oben in der Spitze hängt ein Stern und leuchtet. Die eher uninformierte Betrachterin wird ihn für den Stern von Bethlehem halten. Aber der hängt ja schon eine Ebene darunter. Wenn sie genau hinhört, sind aus einem Lautsprecher neben der Krippe Melodien adventlicher Lieder zu hören. „O komm, du Morgenstern“ hört man und „Die Nacht ist vorgedrungen“, „Das Volk, das noch im Finstern wandelt, bald sieht es Licht“. Wer die Melodien erkennt, weiß: Es geht um Jesus Christus. Er ist der Morgenstern, das Zeichen des anbrechenden Tages. Er löst die Dunkelheit der Nacht ab. Christus ist das aufgehende Licht aus der Höhe. Es erscheint denen, die in Finsternis leben oder im Schatten des Todes.
Nun sind wir ganz oben angekommen und unser Blick wendet sich wieder zurück nach unten. Das Licht, für das der Stern ganz oben steht, ist in der Krippe mit Jesus in diese Welt gekommen. Darum sind die Hirten mit ihrem elenden Leben so hell erleuchtet. Denn Gott kommt in diesem Menschenkind Jesus gerade zu denen, die in der Finsternis leben.
Auf ihn, auf Christus zeigt Johannes – der Mann am Fluss. Er, ist der letzte der Propheten gewesen. Er hat den gesehen, den die Propheten vor ihm angekündigt haben. Nun werden alle Zusagen Gottes erfüllt; was die Propheten angekündigt haben, geschieht.
Die Menschen in der Ebene darunter sind aber immer noch traurig, bedrückt, gequält. Aber da ist ja auch der Prophet mitten unter ihnen, der zu ihnen spricht. Eine Hand von ihm zeigt ja nach unten, zu Abraham. „Gott ist treu denen, die auf ihn vertrauen“, scheint er zu sagen. Die andere Hand zeigt zum Himmel – als sei von Gott etwas zu erwarten. Ja, da ist noch etwas zu erwarten. Das aufgehende Licht ist schon erschienen. Noch aber werden Tränen geweint. Aber das Licht aus der Höhe wird einmal unsere ganze Welt erfüllen. Kein Mensch soll mehr erleben, was die Menschen auf dieser Ebene der Pyramide erleiden. In Gottes neuer Welt sind alle Tränen abgewischt.
Unwillkürlich geht der Blick auf die unterste Ebene. Abraham scheint in sich zu ruhen. Er ist auf einem Weg des Friedens. Voller Vertrauen hat er sich damals darauf eingelassen, sein Leben in Gottes Hand zu legen. Alles, was ihm Sicherheit gab, hat er aufgegeben, um bei Gott die Erfüllung seines Lebens zu finden. Abraham zeigt uns, wie ein Leben zwischen der Krippe und dem endgültigen Anbruch des Tages aussehen kann: Vertrauen auf Gott wagen, voller Hoffnung seinen Weg gehen – auch in schweren Zeiten – und immer auf das Licht sehen. Denn es verheißt den Anbruch des Tages, den Anfang einer neuen Welt.
„Das Volk, das noch im Finstern wandelt, bald sieht es Licht, ein großes Licht. Heb in den Himmel dein Gesicht und schau und lausche, weil Gott handelt.“
Amen.

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