Predigt zum 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 20. März 2022

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Predigt zum 3. Sonntag in der Passionszeit (Okuli), 20. März 2022

20.03.2022

zu 1. Könige 19, 1 - 8; gehalten von Dompfarrer Urs Ebennauer im Verabschiedungsgottesdienst

Liebe Gemeinde,
vielleicht kennen Sie die Vorgeschichte dieser Erzählung: Elia ist ein Prophet Gottes. Gefördert durch die ausländische Königin Isebel hat vor allem die Anbetung fremder Götter im Land weite Verbreitung gefunden. Das ist natürlich ein eklatanter Verstoß gegen das Erste Gebot. Elia wendet sich vehement gegen diese Abgötterei und gegen die Priester des „Gottes“ Baal. Dabei kommt es zu einer spektakulären Auseinandersetzung zwischen ihnen und dem Propheten. Es geht darum, den jeweils eigenen Gott zu bitten, ein Brandopfer zu entzünden. Damit auch nicht der Hauch eines Verdachts entstehen kann, dass Elia selbst das Feuer entzündet, lässt er mehrfach Wasser auf den Altar und das darauf aufgeschichtete Brandopfer schütten. Dennoch wird das Opfer durch einen Blitz vom Himmel völlig verbrannt. Die Opfer der Baalspriester dagegen werden nicht verzehrt, so sehr diese auch zu ihrem Gott beten. Damit wird klar: Sie dienen keinem wirklichen Gott, sondern einem Götzen. Elia dagegen hat für den wahren Gott gestritten.
Nun geschieht allerdings etwas, was uns sehr befremdet: Elia kostet diese Niederlage aus und missbraucht die Macht, die sie ihm beim Volk gibt: Mit eigener Hand tötet er die Baalspropheten. – So weit die Vorgeschichte zum Predigttext dieses Sonntags.
Elia bekommt im Folgenden die Quittung für sein radikales Vorgehen. Königin Isebel plant nun, Elia seinerseits ums Leben zu bringen; allerdings teilt sie dem verhassten Propheten ihre Mordpläne vorher mit. Was soll der Prophet tun? Rückhalt beim Volk hat er zwar; Rückhalt beim König allerdings nicht. Diesen Kampf kann Elia also nicht bestehen. So lässt er alles stehen und liegen – und geht fort. Das ist in diesem Fall die bessere Lösung, als einen solchen Konflikt auszutragen.
Nun aber kommt das Entscheidende an der Geschichte von der Flucht des Elia: Nach alldem, was er getan und erlebt hat, ist er müde und erschöpft. Es sieht so aus, als erleide er etwas, was wir heute ein „Burn-out-Syndrom“ nennen würden. Gerade, wenn man sich mit viel Engagement in eine Sache hineinbegeben hat, kann sich ein solcher Erschöpfungszustand leicht ergeben. Bei Elia geht diese Erschöpfung so weit, dass er sich den Tod wünscht. Dann aber erscheint ein Bote Gottes. Mit ganz einfachen Mitteln hilft der Engel dem Elia wieder auf. Er stärkt ihn an Leib und Seele. Wasser und Brot sind in der Wüste ganz elementare Mittel zum Leben. Aber Wasser und Brot stärken nicht nur die körperlichen Kräfte des Propheten. Die Zuwendung Gottes durch diese einfachen Dinge schenkt ihm auch seelisch wieder die Kraft, seinen Weg zu gehen und weiterzuwandern.
Liebe Gemeinde, diese Erzählung weckt heute eine Reihe von Assoziationen in mir. Nicht, dass ich mich mit dem Propheten vergleichen wollte. Aber als ich vor sieben Jahren zum Dom kam, gab es auch einige Dinge, bei denen ich Änderungen für sinnvoll und zum Teil für notwendig hielt. Insgesamt habe ich versucht, einigen Dingen dort mehr Struktur und Ordnung zu geben, wo sie mir zu fehlen schienen. Etliche haben das so gesehen, dass die Gemeinde damit vorangebracht worden ist. Manche allerdings sind mit meinem Vorgehen, meinen Einstellungen und meiner Art – zuletzt auch in Bezug auf die Schutzmaßnahmen in der Pandemie – nicht zurechtgekommen. Ein Blutbad, wie Elia es unter den Baalspropheten angerichtet hat, gab es natürlich nicht. Aber Verletzungen gab es offenbar schon. Ich nutze die Gelegenheit zu sagen: Es tut mir leid, wenn ich die Sache – oder auch nur meine Sicht der Dinge – zu sehr im Vordergrund gesehen habe und zu wenig die Menschen, die betroffen waren, und dass ich sicherlich in manchen Fällen zu wenig mit ihnen im Gespräch war.
Angesprochen hat mich auch die Erschöpfung des Elia. Bevor Corona uns zwang, einfach deutlich kürzer zu treten, war die Arbeitsdichte nicht nur wegen der vielen Gottesdienste und Veranstaltungen hier im Dom manchmal so hoch, dass ich mich um den einen oder anderen meiner Mitarbeiter gesorgt und mich auch selber gefragt habe, ob ich das noch bis zum Ruhestand durchhalten könne. Die notwendige Aufgabenkritik haben wir uns leider wegen der Pandemie erspart; diese Baustelle bleibt meiner Nachfolgerin. Mit einer vakanten Pfarrstelle wird das Problem vermutlich nicht geringer. Während einer Vakanz sind ja alle gefordert, mit ihren Möglichkeiten die nun fehlende Arbeitskraft zu ersetzen. Hoffen und beten wir, dass die Zeit nicht zu lang wird, bis ein Nachfolger gefunden sein wird, und alle gut durchhalten.
Elia hilft in der Situation der Überbeanspruchung die Zuwendung Gottes in Form von Wasser und Brot. Sie schenkt dem Elia auch seelisch wieder die Kraft, seinen Weg zu gehen und weiterzuwandern. In ähnlicher Weise ist uns immer wieder die Kraft zugewachsen, die Herausforderungen bewältigen zu können, mit denen wir konfrontiert waren – von Strukturreformen über öffentlichkeitswirksame Gottesdienste und Veranstaltungen bis hin zu all den Dingen, die die Epidemie uns beschert hat. Gott sei Dank machen wir ja immer wieder solche Erfahrungen im Glauben: In den schwierigen Situationen kommt ein Engel mit Brot und Wasser: verschlossene Türen öffnen sich; Dinge klären sich; Lösungen werden gefunden. So hat es ein Mitarbeiter des Theaters mit viel Engagement organisiert, dass der Termin für das Benefizkonzert für Bad Neuenahr seitens des Theaters doch noch möglich wurde. Solche Erfahrungen stärken uns nicht nur auf dem Weg, den Sie und ich künftig getrennt gehen werden. Sie bestärken uns auch in unserem Glauben an Gott. Er sieht eben nicht fern im Himmel auf uns herab, sondern er ist lebendig an unserer Seite. Er begleitet unseren Weg und manchmal schickt er uns einen Engel, damit wir die Herausforderungen des Lebens bestehen:
So sind in meinen Augen die Kirchgemeinde am Dom und der Kirchgemeindebund für den Weg durch die nächsten Monate der Vakanz und darüber hinaus gut gerüstet worden. Wir haben in mit dem Kirchgemeindebund eine gut arbeitsfähige Struktur auch für die Kirchgemeinde am Dom entwickeln können. Dass das so reibungslos lief, kann man wirklich nur als ein Geschenk des Himmels ansehen. Dass ich die Pfarramtsleitung, die Verwaltung und dieses Gotteshaus weiterhin in guten Händen wissen darf, ist für mich ebenfalls ein solches Geschenk. Wir haben zudem eine ganze Reihe von engagierten Ehrenamtlichen, die das Leben der Gemeinde tragen. Sie alle sind sichtbare Zeichen der Gnade Gottes und eine Stärkung für den Weg der Kirchgemeinde in die Zukunft, so wie Brot und Wasser für Elia eine Stärkung auf seinem Weg waren. Auch ich durfte eine solche Stärkung für meinen eigenen weiteren Weg in den letzten Wochen erleben. Mir sind eine Reihe von Engeln begegnet. Sie haben meinen Dienst der letzten sieben Jahre gewürdigt; sie haben mir gute und segensreiche Worte mit auf den Weg gegeben; sie haben mir geholfen, gut innerlich Abschied von sieben gefüllten und erfüllten Jahren am Dom und in Freiberg zu nehmen. Auch das ist so etwas wie Brot und Wasser für den Weg, der nun vor meiner Frau und mir liegt. Sie selbst ist im Übrigen seit 33 Jahren für mich ein Engel, der mich – natürlich nicht nur mit Brot und Wasser – stärkt und meinen Weg begleitet.
Elia macht sich nun auf zum Berg Horeb. Sie, liebe Gemeindeglieder, machen sich auf den Weg in eine neue Zeit – zunächst mit einer Pfarrstellenvakanz und dann mit meinem Nachfolger oder meiner Nachfolgerin. Meine Frau und ich machen uns auf den Weg nach Bad Sachsa und ebenfalls in ein neues Leben. Auf den getrennten Wegen aber dürfen wir jeweils unseren gemeinsamen, lebendigen Herrn an unserer Seite wissen. Er stärkt uns mit Brot und Wasser der unterschiedlichsten Ausführung, je nach dem, was wir nötig haben. Mehr aber noch stärkt er uns mit Brot und Wein. Er verbindet uns dadurch zu einer Gemeinschaft, die Raum und Zeit überbrückt. Auf diese Weise bleiben wir darum verbunden in unserem Herrn Jesus Christus – auch über diesen Abschied hinweg – und erfahren weiterhin gemeinsam, dass der lebendige Gott unsere Kraft und unsere Hilfe ist.
Amen.

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