Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2021

Predigtarchiv

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2021

28.01.2021

Predigt im Gründungsgottesdienst des Kirchgemeindebunds Freiberg zu Rut 1, 1 - 19a; gehalten von Pfarrerin Maria-Theresia Kaiser im Dom St. Marien zu Freiberg

Liebe Gemeinde,                                                                        
unser heutiger Predigttext erzählt die Geschichte der jungen Rut zur Zeit der Richter. Ihr Lebensweg ist durchzogen von leidvollen Erfahrungen, scheinbarer Ausweglosigkeit und einem unsicheren Blick in die Zukunft. Wir hören aus dem Buch Rut die ersten Verse aus dem 1. Kapitel:
Rut 1,1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. 6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9a Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie.
Kurz und knapp werden wir mit der Situation und den Personen bekannt gemacht, von denen die Geschichte ausgeht. Wegen einer Hungersnot verlässt eine Familie ihren Heimatort Bethlehem. Vater, Mutter und zwei Söhne brechen auf, um in der Fremde ihr Auskommen zu finden. Die Vier leben nun als Fremde im Land Moab, auf der anderen Seite des Toten Meeres. Als der Vater stirbt, sind die Söhne bereits im heiratsfähigen Alter, sie nehmen sich Frauen aus der Umgebung. Doch dann sterben beide Söhne, noch ehe ein Enkelkind in Aussicht ist. Die Mutter Noomi bleibt mit ihren zwei Schwiegertöchtern allein zurück. Man kann nur erahnen, welchen Kummer diese Frauen empfunden haben. Den drei Frauen bleibt aber nicht viel Zeit zum Trauern, müssen sie doch sehen, wo sie als Witwen ihr täglich Brot herbekommen.
Eine damals gängige Möglichkeit war die Bruderehe. Wenn eine Frau in jungen Jahren Witwe wurde, wurde sie gegebenenfalls vom Bruder des verstorbenen Mannes geheiratet. Da ist aber niemand, der die beiden jungen Witwen heiraten könnte.
Die andere Möglichkeit für verwitwete Frauen war, in die Herkunftsfamilie zurückzukehren. Das scheint doch die realistische Lösung zu sein. Für Noomi bedeutete das, nach Bethlehem zurückzugehen. Immerhin hatte sich dort die wirtschaftliche Lage gebessert. Für ihre beiden Schwiegertöchter bedeutete es eine Rückkehr ins jeweils elterliche Haus im Land der Moabiter. Die ohnehin schon untröstlichen Frauen müssen sich nun auch voneinander trennen.
Die ehemaligen 15 Kirchgemeinden mussten sich in den letzten Jahren ebenfalls Gedanken darüber machen, wie es in der Zukunft weitergehen sollte. Der Ausschlag kam, wie bei den Frauen, nicht aus ihnen selbst heraus, es wurde von äußeren Umständen an sie herangetragen. Da treffen 15 Gemeinden aufeinander – manche sind neugierig, ganz offen den anderen gegenüber, andere beäugen mit Argwohn, was da kommen mag. Ganz andere heißen die Zusammenkunft nicht gut, zu ungewiss das, was kommen mag. Doch die Gespräche beginnen. Vertreterinnen und Vertreter aus allen Gemeinden sowie die amtierenden Pfarrerinnen und Pfarrer kommen regelmäßig zusammen, um zu beraten und auszuhandeln, wie eine Vereinigung aussehen könnte. Und nicht nur in einer größeren Struktur. Auch einzelne Gemeinden dürfen oder müssen sich kennen lernen und abwägen, ob ein Zusammengehen gelingen könnte und wie. Alles scheint im Umbruch – die Zukunft ungewiss. Reibereien, Meinungsverschiedenheiten bleiben nicht aus – aber immer wieder gibt es auch Fürsprecher, Menschen, die bereit sind für eine Veränderung und  die diese voll und ganz mittragen wollen – Visionäre, die in einer größeren Struktur auch Chancen sehen. Diese unterschiedlichen Menschen – vieles trennt sie: Stadt – Land; weltweit bekannte Orgelkonzerte – beschauliche Dorffeste mit der gemeindlichen Mitwirkung; Gemeinden mit sechs Kirchtürmen und acht Dörfern – Gemeinden mit zwei Gottesdienstorten nah beieinander liegend; viel oder wenig Personalverantwortung; Friedhof oder Kindergarten. Die Diskussionen und Verhandlungen sind vielschichtig. Nicht immer einfach. Doch am Ende ist er da: der Beschluss.
Wie bei Noomi.
Rut 1, 9b Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand hat mich getroffen. 14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.
15 Sie (Noomi) aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. 18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Anders als es oft gesagt und erfahren wird, scheint das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schweigertöchtern in diesem Fall ein sehr gutes gewesen zu sein. Orpha ist erst nach mehrmaligem Drängen zu ihrer eigenen Familie zurückgekehrt und Rut bleibt bei ihrer Schwiegermutter, sie hat sich durchgesetzt. Rut wird bei ihrer Schwiegerfamilie aufgenommen, trotzdem sie eine Moabiterin ist und eigentlich nicht in die Gemeinde des Herrn kommen sollte wie es ausdrücklich im 5. Buch Mose heißt. Das Vertrauen in Gott hat Rut mutig und entschlossen gemacht. Sie gründet eine eigene Familie und findet sogar Aufnahme im Stammbaum Jesu. Sie, die Frau aus Moab, gehört zur Gemeinde des Herrn. Und das alles, weil sie schlicht und einfach ihrem Herzen gefolgt ist. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.
Viele Paare nehmen diesen Text zu ihrem Trauspruch. Sie sind passend für einen gemeinsamen Lebensweg: Zwei Menschen versprechen sich, beieinander zu bleiben, einen gemeinsamen Weg zu gehen, einander zu vertrauen und alles miteinander zu teilen: Glück und Leid, Schönes und Schweres, auch ihre Hoffnungen und ihre Zweifel.
Die nun nur noch sechs Kirchgemeinden gehen im Kirchgemeindebund ebenfalls eine gemeinsame Weg-Beziehung ein. Die Gespräche waren geschwisterlich, in der Zeit, seit ich dabei bin. Es gab Reibereien, Diskussionen und Beharrlichkeiten – wir fanden aber immer wieder zueinander. Manchmal mussten Kompromisse eingegangen werden, doch oft waren wir uns einig und gestalteten gemeinsam, wo die Landeskirche noch keine Vorgaben gemacht hatte. Wir sahen langsam immer mehr die Tugend, die aus der Not entstanden ist. Und so stehen wir alle heute in den einzelnen Gemeinden und begründen in einem symbolischen Akt den Kirchgemeindebund. Unser gemeinsamer Weg, er beginnt jetzt. Alles was wir uns vorher überlegt haben, muss in der Praxis nun erprobt werden. Manches wird nicht so einfach sein und werden, wie wir es uns vielleicht vorgestellt, ja erhofft haben. Wir werden noch lange lernen, einander besser zu verstehen und sensibel zu sein, für Bedenken und Zweifel. Wir dürfen uns aber nun auch gemeinsam nach vorne wagen. Gemeinsam gestalten, ausprobieren und Fehler machen. Dabei war die Maxime in der Gestaltungsrunde immer: in allem, was wir planen, sagen und voranbringen, in den Diskussionen und Auseinandersetzungen, die kommen werden, wollen wir uns leiten lassen von dem, durch den wir sind. Von Gott. Denn er ist es, der uns eint, der unser größter gemeinsamer Nenner ist. Aus diesem gemeinsamen Glauben konnte nur die Vision der gemeinsamen Zukunft entstehen. Diese wollen wir nun angehen. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 
Es wird nicht immer ein leichter Weg sein. Das ist keine Partnerschaft. Es ist ein lebenslanges aufeinander Achtsam sein, reden, zuhören und verstehen. Ein auf-den-andere-zugehen und nicht überfahren. Doch Ruts Geschichte macht Mut, weil sie davon erzählt, wie gerade da neue Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten entstehen, wo ein Mensch vertraut und sich auf das Unbekannte einlässt.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben