Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2024

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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2024

16.06.2024

über Offenbarung 21,10-23; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand (anlässlich des 37. Freiberger Bergstadtfestes unter Anwesenheit der Teilnehmenden der Bergparade)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

ein bizarres Gebilde aus gold-silbrig-glänzenden Stäbchen in alle möglichen Richtungen. Es sieht aus wie ein großer Silber-Gold-Igel – eine der größten Antimonitstufen der Welt, erfahre ich.
Eine polierte Fläche mit zahlreichen grauen und anthrazit-farbenen Verästelungen: Meteoritengestein.
Mineralien und Gesteine in allen Größen, Formen und Farbenpracht… aus aller Welt zusammengetragen in unserer Freiberger Terra Mineralia. Wie hat es mir diese Sammlung angetan. Wie beeindruckend.
Gestaunt habe ich auch über die Mineralien und Gesteine unserer Region: Ich konnte mich Minuten lang über die Schönheit des apfel-grünen Pyromorphit aus Zschopau freuen. So kleine eckige Zylinder auf dunklem Baryt-Gestein. Einfach herrlich.
Gestaunt habe ich auch über die Mineralien aus Freiberg. Z.B. die Silberlocke aus der Himmelfürst Fundgrube. Das ist so ein verschnörkeltes Silberfädchen auf einem weißen Calcit.
Oder da gab es dunkelblaue Kristalle aus der Grube Beihilfe bei Halsbrücke. Wohl aus der „Blauen Druse“, einer gigantischen Kristallhöhle die 1964 kurz vor der Schließung des Bergwerks entdeckt wurde.
Ja, Mineralien oder verarbeitete Edelsteine faszinieren mich. Und ich gestehe: ich schaue sie weniger aus wissenschaftlichem Interesse an, sondern aus reinem Vergnügen. Und ich staune dann immer wieder, wenn ich laienhaft ein paar Neuigkeiten dazulerne. Mir war z.B. aufgefallen: Mineralien können ganz unterschiedliche Farben haben – obwohl sie den gleichen Namen tragen. Oder besonders beeindruckend: ein simpler grauer Stein kann bei einer veränderten Beleuchtung, auf einmal ganz bunt werden.
Und was mir auch aufgefallen ist: diese besonderen Mineralien oder Edelsteine, wie man lapidar sagt, sind ja eigentlich eher Nebenprodukte des eigentlichen Bergbaus. Da wird was abgebaut – z.B. Silbererz oder Uranmineralien. Und dann stößt man auf so großartige Gesteinsgebilde, die dann erst durch ihre Schönheit zu Edelsteinen erklärt werden.
Wir wechseln den Ort. Rom im Jahr 95 nach Christus. Ich stelle mir vor: Drückende Hitze der mediterranen Sonne, ein griechischer Gesandter tritt in eine schattige Säulenhalle. In der Mitte eines großen Platzes innerhalb des Portikus eine übermannshohe Statue des Kaisers Nero. Ein Diener kommt ihm entgegen. Er führt ihn an einem großen See entlang durch eine grüne Parkanlage. Rechts der große Palasthügel Roms mit dem Augustus-Palast. Prätorianer-Wachen am Eingang eines großen tempelartigen Hauses mit korinthischen Säulen davor. Der Diener gebietet dem Gesandten, ihm durch einen prächtigen Eingang zu folgen. Sie betreten einen langen Gang. Schließlich gelangen sie in eine gigantische Prachthalle: die Wände mit Gold überzogen, farbige Marmorböden. Die Zierleisten über und über mit kostbaren bunten Edelsteinen bestückt: roter Jaspis, bläulich-durchsichtige Saphire und Topase, bläulich-weiße Chalzedone und Zirkone, grünlich-durchsichtige Smaragde, Chrysolithe und Berylle, Chrysoprase, braune Sardonyxe und Sarder, violette Amethyste. Dazu Muschel-Perlen. So etwas war einmalig im römischen Reich. Ein goldenes Haus, paradiesgleich, die Domus Aurea von Kaiser Nero gebaut. Der Gesandte kam aus dem Staunen nicht heraus… zugleich war da aber auch das Gefühl von Neid, ja Hass auf diesen Überfluss, diesen Luxus. Wusste er doch sehr genau, unter welch harten Bedingungen, die Edelmetalle und Mineralien an den Rändern des Römischen Reichs, in Hispanien oder im vorderen Orient, in Nordafrika oder der Germania abgebaut wurden. All die Provinzen, die hart-arbeitenden Bergleute waren es, die ja überhaupt erst diesen Reichtum sichtbar machten. Und feiern ließen sich die römischen Kaiser: Nero, später Titus und jetzt Domitian.
Ich stelle mir weiter vor: Wie frustrierend muss es für Christen dieser Zeit gewesen sein. Sie wurden von den Kaisern zu Sonderabgaben verpflichtet. Die Verbrennungen und Hinrichtungen aus der Zeit des Neros hatten sich tief ins Gedächtnis gebrannt. Und gleichzeitig ließen sich die Kaiser in Rom die eigenen Hallen vergolden und ausschmücken.
Johannes der Prophet und Autor des letzten biblischen Buchs präsentiert uns in seiner Vision einen Tempel Gottes. Dieser Tempel wird von ihm ganz symmetrisch beschrieben. Der Schmuck war wie die römische goldene Halle. Er war genauso herrlich geschmückt, mit Gold und Edelsteinen. Eine gedankliche Verbindung von Tempel und Domus aurea? Und eine Erinnerung an die zwölf Apostel der ersten Generation um Jesus in Jerusalem sowie die zwölf Stämme Israels. In jedem Fall konnten die Christinnen und Christen an dieses herrliche Bild anknüpfen. Das Leben war von Ungerechtigkeit geprägt:
- Da gab es eine herrschende Schicht in Rom. Sie lebte in Freiheit, Luxus, Vermögen. Auf der anderen Seite Christen, die ihren Glauben nicht frei leben konnten. Christen, die dem Staat wegen ihres anderen Glaubens Tributzahlungen zu leisten hatten.
- Dann war da die Großmacht Rom, welche Jerusalem und darin den Tempel zerstört hatte – noch bis in die erste Generation der Christen hinein, ein wichtiger spiritueller Bezugspunkt, das Haus Gottes.
- Zuletzt waren da noch die Römischen Kaiser, die Christen wegen ihres Glaubens verfolgten, verbrannten und zu Märtyrern machten.
Und hier nun ein Gegenbild: ein neues Jerusalem… Jerusalem und der Tempel gleich. Jerusalem, der Tempel und das Goldene Haus des Nero gleich. Gegen den Frust, die Angst, die Trauer, die Demütigung ein neues Gebäude. Ganz neu angefangen. Alles neu. Keine Kränkungen, kein Tod, Außerhalb unserer Zeit. Außerhalb des Raums. Bei Gott. Diese Mineralien, die Edelsteine, all die Freude, das Staunen das wir bei ihrem Anblick empfinden, nur eine Ahnung dessen, was uns bei Gott in dieser neuen Welt in diesem neuen Jerusalem erwartet. Prächtige irdische Bilder für etwas Unsagbares, etwas das noch größer ist als alles auf dieser Welt.
Ich bin fasziniert von Mineralien und Edelsteinen – so wie sie in der Terra Mineralia gezeigt werden. Und doch frage ich mich, ob mich dieses Bild von Johannes, das Bild einer neuen besseren Welt mit Edelsteinen überzeugt. Denn es bleibt ja irdisch. Es bleiben ja irdische Materialien – bei aller Schönheit. Es bleibt auch irgendwie der Nachgeschmack des Reichtums. Es bleibt der Nachgeschmack der ihnen wohlvertrauten, knallharten Arbeit in den Bergwerken, mit den Steinen… all der Schmutz, die Mühen, ja Todesängste, die der Bergbau ja auch mit sich bringt. Es bleibt der Nachgeschmack des abgehobenen Luxus, der Nachgeschmack der historischen Ungerechtigkeit aus dem Goldenen Haus in Rom. Der Nachgeschmack der Christenverfolgung durch die Kaiser, die Macht in Rom. Es bleibt der Nachgeschmack des zerstörten und unwiderruflich vergangenen Tempels zu Jerusalem.
Und daher ist mir ein Bild – neben den vielen Glänzenden – ganz besonders wichtig geworden: das Licht. Das Licht von dem das Gold, die Mineralien, die Edelsteine überhaupt erst ihren Glanz erhalten. So wie bestimmte graue Steine in der Terra Mineralia ihren Glanz ja erst über die richtigen Lichtverhältnisse bekommen. Es sind keine Fensteröffnungen, wie in Rom, nicht die Sonne, wie der ehemalige Tempel beschienen wurde. Hier sieht Johannes Licht von Gott selbst ausgehen: „Und die Stadt bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“
In der Mitte der Stadt ist Gott selbst – ohne Bild, als Gleichnis: Licht, ein Lamm. Für mich heißt das:
- Erst einmal die Welt im Licht des Glaubens an Gott sehen und dann
- Jesus Christus: die Richtschnur unseres Glaubens, die Richtschnur unseres Handelns
- Jesus Christus: ein Lamm und damit schwach, schutzbedürftig. Gott ist bei den Schwachen dieser Welt, bei den Schutzbedürftigen. Diese sind erhöht, wie dieses Lamm.
- Jesus Christus gestorben für die Menschen, wie ein Opferlamm.
* Damit verweist Johannes auf unsere Geschichte des Gottesvolkes, die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Wir sind durch Christus befreit.
* „Christe, Du Lamm Gottes“ – singen wir beim Abendmahl. Im Abendmahl schenkt uns Jesus Christus schon jetzt einen Blick in den Himmel. In Brot und Wein ist Jesus Christus schon jetzt bei uns.
Was heißt das für uns heute hier in Freiberg? Was heißt das jetzt für uns hier im Berggottesdienst? Viele hundert Jahre wird in Freiberg und im ganzen erzgebirgischen Raum Bergbau betrieben. Viele tausende von Männern und Familien haben zum Reichtum dieser Region mit schwerster Arbeit beigetragen. Silbererz war das Jahrhunderte lang, Uran v.a. bis in die 90er Jahre. Edelsteine werden heute oft industriell hergestellt: Metalle aus seltenen Erden, Silizium aus Quarzen für die Solarproduktion; Lithium, Nickel und Kobalt für die Batterieherstellung. Sie sind vielleicht die echten heutigen Bergbaureichtümer.
Johannes erinnert daran: all dieser Reichtum, all der Glanz ist nur durch das Licht zu sehen – egal ob er uns durch Schönheit anspricht oder uns ganz praktisch in der Technik hilft.
- Das Licht des Glaubens an Jesus Christus aber, das Lamm Gottes, macht uns frei von Neid, vom Luxusstreben. Es stellt uns auf Distanz zum Reichtum. Ich bin überzeugt, dass das die Bergleute vieler Generationen ganz genau wussten. Der Reichtum kommt von Gott. Bevor sie die Bergwerke zur Arbeit aufsuchten, gingen sie ins Gebet… und ich bin überzeugt: nicht nur zur Bitte um Schutz vor Gefahr. Wie ist das heute bei Ihnen – in Ihrer Arbeit in ihren Vollzügen? Wo treten Sie in Distanz zu dem was Sie tun? … zu den Verdiensten, die Sie erwerben?
- Das Licht von Jesus Christus, dem Lamm Gottes, wirft unseren Blick auch auf den Nächsten und Schwächsten, er macht uns frei von unseren Bosheiten, dem was uns als Menschen entzweit und er erlöst uns von allem, an dem wir schuldig geworden sind. Welche Schuld tragen Sie mit sich?
Gott lädt uns ein in sein neues Jerusalem: Er hat die Schönheit dieser Welt erschaffen und sie noch schöner am Ende dieser Zeit für uns bereitet.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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