Predigt zum 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 10. März 2024

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Predigt zum 4. Sonntag in der Passionszeit (Lätare), 10. März 2024

10.03.2024

zu Lukas 22, 54 - 62; gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Lesung: Lukas 22,54-62

Liebe Gemeinde,

neulich habe ich eine sehr betagte Frau im Seniorenheim zum Geburtstag besucht. Wir saßen vor ihrem Gabentisch mit Blumen und Geschenken und unterhielten uns über ihr Leben. Da nahm sie plötzlich meinen Arm, schaute mir groß in die Augen und sagte: „Wissen Sie, ich kann ihnen in die Augen schauen… ich bin im Reinen mit mir.“ Ich habe das noch nie so deutlich gehört: ganz mit sich im Reinen. Ich weiß nicht, ob das so wirklich für ihr Leben zutrifft, dazu kenne ich sie zu wenig. Aber so hat sie es mir gesagt. Im Reinen mit sich sein, heißt wohl: ich kann den anderen ganz offen und deutlich in die Augen schauen. Da ist keine Scham, kein Schuldgefühl.

Einem offen in die Augen schauen, ohne Scham und ohne Schuldgefühl. Das ist wohl ganz selten. Mein Eindruck ist: die Realität ist doch meistens anders. Wir blicken dem anderen nur kurz in die Augen, wir sehen ihn erst gar nicht an, senken den Blick auf den Boden oder schauen an die Wand vorbei. Wir scheuen den Blickkontakt.  

Ich erinnere mich: meine eigene Scham. Eine schlechte Note in der Schule, die ich meinen Eltern nicht gebeichtet habe. Dieser Druck der schlechten Note, des Lehrers… dann aber auch die Angst vor den Eltern, der Vergleich mit den anderen Schülern und Schülerinnen, die besser waren. Oder in meiner Jugendzeit: Ich war im Internat. Die ganze Jahrgangsgruppe hat Unsinn gemacht, den Erzieher geärgert. Und er hat uns erwischt – auch mich. Ich spüre noch jetzt meine Reue dem Mann gegenüber. Das Hoffegen fast eine Genugtuung.

Auch Petrus steht am Ende da. Er ist von Scham und Schuldgefühl geplagt. Er weint. Er hat seinen Meister, seinen Freund verleumdet. Er hat Jesus im Stich gelassen. Er hat seine Herkunft aus Galiläa verleumdet. Er hat gelogen, gegen das achte Gebot verstoßen. Er hat Schuld auf sich geladen… und damit ist er genauso wie die meisten von uns. Er kann seinen Freunden nicht mehr mit klarem und offenem Blick in die Augen schauen…

In der biblischen Erzählung des Lukas tritt Petrus an dieser Stelle erst einmal von der Bühne. Jesus ist allein gelassen. Petrus in der Versenkung… ebenfalls allein.

Da drängt sich doch die Frage auf: wie geht es weiter? Das kann doch nicht das Ende sein. Und wir wissen: das ist doch nicht das Ende. Mit Petrus geht es weiter. Lukas wird noch ganz viel über diesen Mann schreiben. In der Apostelgeschichte wird er der Leiter der Jerusalemer Gemeinde. Wie geht es weiter mit der Scham, dem Schuldgefühl?

In meinem Ohr erklingt da ein wunderbarer Choral aus der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach (nach einer Melodie von Melchior Vulpius und einem Text von Paul Stockmann).

Petrus, der nicht denkt zurück,
Seinen Gott verneinet,
Der doch auf den ernsten Blick
Bittre Tränen weinet:
Jesu, blicke mich auch an,
Wenn ich nicht will büßen,
Wenn ich böses hab getan
Rühre mein Gewissen.

Ja, Petrus bleibt allein zurück. Er weint. Aber hier bekommen wir Einblick in die Wahrnehmung des Petrus – sein äußeres Auge wird zum inneren Auge. Petrus sieht im Moment der Trauer Jesus. Jesus, den er gerade dreimal verleumdet hat. Jesus, der ihm das schlechte Gewissen, die Tränen bereitet. Jesus sieht ihn an. Der letzte Blick von Jesus. Und in diesem Moment bereut er es. Petrus weiß, er hat falsch gehandelt. Vielleicht konnte er nur falsch handeln. Aber Jesus hat ihm in seiner Reue, durch seine Tränen bereits vergeben.

Mein Eindruck ist: es gibt ganz viele Menschen, zu viele Menschen, die sich verrannt haben in ihrer Schuld. Es gibt so viele Menschen, die so in ihrer Gedankenblase leben. Sie haben keinen Sinn dafür, dass sie Schuld tragen. Ihnen fehlt Schuldbewusstsein, ihnen fehlt die Scham. Sie sind gefangen in ihrem Ego. Und sie sind auch gar nicht in der Lage, zu erkennen, dass sie Schuld tragen. Ich denke, das ist Schwäche und Angst. Denn durch das Beharren auf seinem Ego, muss ich mir nicht selber eingestehen, dass ich mich verrannt habe. Es ist die Angst als Schwächling dazustehen. Es ist eine riesige Angst vor dem Anderen, die Angst, dem anderen in die Augen zu schauen.

Die Geschichte von Petrus zeigt: ja, Menschen verrennen sich, versagen gegenüber dem Druck der Gesellschaft um sie her, selbst der auserwählte Jünger von Jesus. Und der Choralvers sagt: „ja, so ist es. Aber wenn Du schon nicht selbst die Kraft hast, aus Deinen Gedanken und Ideologie-Blasen herauszukommen, dann lass dich wenigstens von Jesu Blick erweichen. Lass Dich vom Blick eines anderen Menschen anrühren. Sieh dem anderen in die Augen. Sieh dem in die Augen, auf den Du Hass verspürst. Sieh den anderen Menschen.“

Siehe, der Mensch. Ecce homo. Siehe den anderen Menschen. So das Fastentuch bei uns im Dom. (Hier vorne am Altar das Kreuz.) In der Mitte mit einer gekrümmten Gestalt… Jesus, ein Mensch, das Bild unserer Schuldverstrickung, ein Aufruf: sieh den anderen Menschen an, sieh ihn, wie er ist, sieh ihn in seinem Leiden. Gedenke Jesu Leid und Tod durch eine Meditation am Fastentuch, in unseren Passionsandachten, in der Johannes-Passion von Bach. Und dann aber mach etwas daraus… Rühre das Gewissen – sagt es der Choral. Und verändere dich, Deine Gewaltphantasien, Deine Schadenfreude, wenn unsere Demokratie mit Füßen getreten wird, Deine Schadenfreude, wenn anderen Missgeschick passiert, Deine Schadenfreude, wenn dem Schwächeren noch eins draufgegeben wird, Hass und Wut Dein Leben bestimmen… nur um ja nicht die eigene charakterliche Erbärmlichkeit zu offenbaren.

Ich finde die Geschichte der Verleugnung des Petrus erstaunlich. Denn es gibt selten im Neuen Testament Geschichten, in denen so detailliert auf die Gefühle der Jünger eingegangen wird. Bibelwissenschaftler sagen, dass das wohl ein Indiz dafür sei, dass diese Geschichte auch einen wahren historischen Kern habe. Und diese Geschichte muss schon für die frühen Christen und Christinnen eine Herausforderung gewesen sein: der erstberufene Jünger, Petrus, der Mann, der die Urgemeinde in Jerusalem leitete, hat sich in der größten Not, Jesus im Stich gelassen. Er ist seiner Schwäche erlegen… immerhin mit Tränen der Reue in den Augen. Für mich heißt das:

- Jeder Mensch ist schwach – bläht sich zur Stärke auf. Jeder Mensch verrennt sich in seinen Gedanken, unterliegt dem Druck von außen. Jeder braucht Schutz.

- Aber es braucht auch die Tränen, das Innehalten, die Umkehr.

- Der Blick in Jesu Angesicht, der Blick auf Jesu Leiden zeigt uns: die Schwäche ist auch Dein Teil. Kehre um. Gesteh sie ein.

- Gerade Führungspersonen, Menschen in Verantwortung brauchen diese Einsicht. Sonst wird es sehr schnell unmenschlich und böse. So wie die Menschen den Mensch Jesu, in seiner ganzen Schwäche in den Tod am Kreuz getrieben haben… und am Ende Gott selber.

Die Seniorin hat mich am Arm angefasst und mir gesagt: „Wissen Sie, ich kann ihnen in die Augen schauen… ich bin im Reinen mit mir.“ Sie hat ein hohes Alter, sie hat viel erlebt. Ich kennen ihre Schuldverstrickungen nicht. Aber sie kommt damit klar. Ich glaube ihre große Stärke war, dass sie auch ihre Schwäche eingestehen konnte. Denn sie sagte auch: „Sehen sie hier sitze ich, ich bin schwach, das Gehör lässt nach, die Sehkraft lässt nach und die Beweglichkeit… aber ich kann ihnen in die Augen schauen.“

Schauen auch Sie, in all ihrer Schwäche, den anderen in die Augen.

Der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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