Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juni 2024

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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juni 2024

23.06.2024

über 1. Samuel 24, 1 - 20; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Da ist Wut auf den Konkurrenten. Ja, Eifersucht, Rache. Antreibende Wut… „ich muss meinen Willen durchsetzen“ – denkt er. Angst… „immerhin hat dieser Knabe einst einen starken Philisterkrieger, Goliath, erschlagen“. Aber die Wut ist da. Stärker als die Angst. Saul hat ein Heer von 3000 Mann hinter sich. Dazu brütende Hitze der Wüste. Erschöpft vom Reiten. Durst. Trotz Sandalen brennen die Fußsohlen vom glühenden Boden. Da eine Höhle. Kurz einkehren, das Kühl genießen. Eine kurze Rast. Saul ist erschöpft.

Noch vom Licht geblendet tritt er ein. Dunkelheit. Er erschrickt. Noch ehe er eine Chance hat, die Flucht zu ergreifen: er sitzt in der Falle. Die feindlichen Männer. Und in der Mitte sogar sein Todfeind. David. Verzweiflung. Ohnmacht. Aber immer wieder Wut. Er weiß… er ist David nun ausgeliefert… bereit für den Tod. Zur Wut und Ohnmacht gesellt sich das Gefühl der Todesangst…. Und dann kein Tod – nur der Gewandzipfel (eine Erinnerung an die Szene mit dem Propheten Samuel… das Zeichen: „Der Herr hat das Königtum heute von dir gerissen…“ 1. Sam 15.28). Demütigung durch David… vielleicht schlimmer als der Tod. Demütigung durch die Geste: „ich bin von Gott als König verworfen“.  Demütigung…

Doch David will ihn gar nicht töten. Er ist besonnen. Er hat Barmherzigkeit. Davids Besonnenheit, so ganz anders als seine Wuthandlung. David redet ständig auf ihn ein. Ja, fast freundlich… David respektiert das Königsamt. David respektiert, dass er vor im gesalbt worden war.

Saul hingegen sinnt auf Rache. Permanent. Er ist getrieben von Gefühlen und Emotionen Feindseligkeit spornt ihn an.

Und da auf einmal. Die Gefühlswallung kurz durchbrochen: „Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul erhob seine Stimme und weinte…“ Auf einen Schlag wieder die Erinnerung an die einstige Freundschaft. David hatte ihm gut getan. Er hatte ihm Lieder vorgetragen, Musik gemacht… seine Stimme hat ihn wieder Gott näher gebracht in seiner ganzen Gottverworfenheit. Die Feindschaft zwar nicht vorbei, aber kurz durch Barmherzigkeit, der Großmütigkeit Davids durchbrochen. Saul kann seiner Wege gehen.

Liebe Gemeinde,

Im ersten Moment konnte ich mit dieser Geschichte wenig anfangen… Macht, politische Macht über ein ganzes Volk… ist mir fremd. Und es ist mir auch fremd, diese Macht so einzufordern… um die Herrschaft im Land zu ringen, zu kämpfen. Auf Seiten des Saul, so auf der Macht beharren, auf seinen Herrscherposten beharren… Für mich sind auch Bestrebungen von Machthabern völlig fremd. Das was Putin für Russland durch einen Krieg einfordert finde ich völlig absurd – gewaltvolles Machtstreben. Das brauche ich nicht. Das bin ich nicht, das ist nicht meine Welt… ja, ich verabscheue dieses Streben in der Welt. Ich bin nicht Politiker sondern Pfarrer. Im ersten Moment… aber dann komme ich ins Grübeln.

Machtverhältnisse gibt es ja nicht nur in der Politik… Machtverhältnisse haben wir eigentlich fast in allen Lebensbereichen… da wo wir uns als Menschen begegnen. Und oft werden dort Machtverhältnisse auch sehr erbittert ausgetragen, bzw. eingefordert.

- Da gibt es vielleicht mehrere Firmeninhaber. Einer hat sich die Chefrolle angeeignet. Nun ist aber der andere inhaltlich besser organisiert, hat mehr Fachwissen, ist besser strukturiert. Der Chef spürt das und setzt alles daran, den anderen nicht zu viel Entscheidungsgewalt zukommen zu lassen…. Konterkariert vielleicht sogar konstruktive Arbeit.

- In einer Ehe stehen die täglichen Aufgaben in der Familie an. Wer legt das fest? Wer hat die Oberhand? Wer schafft sich am Ende die größeren Freiräume? Wer setzt sich durch? „Ich kümmere mich immer und die Kinder… Du gehst Deiner Freizeitbeschäftigung nach… Ich muss immer kochen und den Haushalt erledigen… und Du?“

- Ich habe eine besondere politische Ansicht zu einem konkreten Sachverhalt… nun gewinnt der Kampf um diese Ansicht eine gewisse Eigendynamik. Es geht dann irgendwann gar nicht mehr um die Sache. Es wird schnell zu einer prinzipiellen politischen Haltung. Aus Sachkritik, wird Generalkritik… (und auch das höre ich immer wieder) aus Generalkritik schließlich eine Systemkritik… der Staat, die Politiker, die Demokratie, die Politik im Allgemeinen. Es geht gar nicht mehr wirklich um Inhalte. Ich versteife mich auf mein Gefühl, mein Ego, ja eigentlich geht es mir um Macht… Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, warum ich mich so in eine bestimmte Position verrenne: „Wem jagst du nach?“ – fragt David Saul. „Warum machst Du das? Wach auf aus Deinem Schlummer!“

Konflikte schaukeln sich hoch… verlassen den Boden rationaler Argumente…. Unterstellungen… es regiert nur noch das Gefühl, das eigene Ego… irgendwann geht es gar nicht mehr um konstruktive Lösung, gegenseitige Unterstützung. Es geht nur noch um die Macht. Kann ich mich durchsetzen gegen den Anderen, gegen die Andere… Wut auf meinen Nächsten, eine starke Triebkraft. Sie zerstört das Betriebsklima, Sie macht eine Ehe kaputt, Sie vergiftet unser gesellschaftliches Miteinander, zerstört Demokratie, das Miteinander auf Augenhöhe.

Den Anspruch auf Macht hatten Saul und David. Beide waren Gottgesalbte – auch wenn Saul von Gott verworfen war. Er hatte im Vorfeld Gott nicht radikal genug politisch agiert. Jedenfalls war nun David designierter König, Gesalbter. Sauls Macht bereits gezählt, obwohl er immerhin noch ein Heer um sich sammeln konnte. David hätte Saul ermorden können. Er hat ihn in der Höhle verschont. Er hat ihm Respekt gezollt. Er hat seinem Amt Respekt gezollt. Saul bleibt für ihn der gesalbte König über Israel.  

Saul hingegen war von Hass, Egoismus und Wut erfüllt. Davids Erbarmen, Davids Worte, Davids Stimme, Davids Besonnenheit haben ihn innerlich zum Einlenken gebracht: „Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David?“ – sprach Saul. „Und Saul erhob seine Stimme und weinte und sprach zu David: Du bist gerechter als ich, du hast mir Gutes erwiesen; ich aber habe dir Böses erwiesen.“

Respekt vor der Rolle, der Stellung des anderen, die Stimme des anderen Wahrnehmen… das hat diese Szene zu einem halbwegs guten Ende geführt.

Achtung füreinander. Gegenseitigen Respekt. Die Stimme des anderen hören. Nicht gleich die Position des anderen in der eigenen Wut untergehen lassen. Mitmenschlichkeit. Respekt vor der Rolle, vor dem Amt des anderen – das wünsche ich mir oftmals viel mehr in unserer Gesellschaft. Wir sind gerade in der Zeit Fußball-EM. Mich fasziniert es, wie dort um den Sieg gerungen wird… aber immer im Rahmen der Regeln. Was für ein großartiges Beispiel, wie respektvoller Umgang bei aller Härte der Spiele gelingen kann.

Und es geht bei Respekt vor den Regeln nicht um Obrigkeitshörigkeit – das wäre ein anderes Extrem. Kritik ist wichtig für unsere Gesellschaft. Aber immer unter Wahrung der Regeln eines guten Miteinanders. Es geht um den einfachen Respekt vor dem anderen Menschen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.  

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