Predigt zum 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 17. März 2024

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Predigt zum 5. Sonntag in der Passionszeit (Judika), 17. März 2024

18.03.2024

zum Thema „Ecce homo“ (Johannes 18, 28 - 19, 5); zugleich Konfirmanden-Vorstellungsgottesdienst; gehalten in der von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Stille…

Liebe Gemeinde,

Ecce Homo – Siehe, der Mensch ist Pilatus Ausspruch nachdem der gegeißelte Jesus der Volksmenge vorgeführt wurde. Wie stellen Sie sich diese Szene vor? Welches Bild von Christus haben Sie vor Augen? Ecce Homo – Siehe, der Mensch wird auch dieser Augenblick, diese Vorstellung genannt.

Viele Künstler haben diesen Moment als Bild festgehalten. All diese Kunstwerke tragen diesen Titel „Ecce Homo“. Eines dieser „Ecce Homo“-Bilder habe ich bei meinen Besuch des Metropolitan Museums in New York kurz nach meinem Abitur gesehen. Da gab es einen Ecce-Homo-Christus aus dem 17. Jahrhundert (den Künstler weiß ich nicht mehr).

Ein einfacher, unscheinbarer, ja schwacher Mann. Schmalbrüstig. Das Bild ist bräunlich-grau. Der Mann blickt leidend. Der Betrachter blickt von oben auf ihn herab. Nichts Besonderes – sieht man von der Dornenkrone ab. Eigentlich ein Bild zum Spotten. Im Museum würde man vermutlich schnell daran vorbeigehen.

Gemeinsam mit einem Freund haben wir uns verschiedene Bilder herausgesucht, sie abgemalt oder Kurzgedichte darauf verfasst. Mein Gedicht hat dieses Bild aufgegriffen: und es klang fast wie eine Art Spott-Gedicht. Ich erinnere mich, dass ich mit dem Bild damals auch wenig anfangen konnte. Im Nachhinein frage ich mich nun: war das Bild sehr gelungen, weil es genau meine Reaktion hervorgerufen hat? Oder hätte es einen respekteinflößenden Christus darstellen sollen? Der Schlüssel für die Erklärung findet sich nach meiner Überzeugung bei Pilatus, dem Urheber des Ausspruchs: Siehe, der Mensch.

„Ecce Homo“ ist der Titel des Fastentuchs von Michael Morgner im Dom drüben. Auch hier eine unscheinbare Gestalt in den Einzelfeldern, hier vorne auf dem Kreuz deutlicher zu erkennen: gekrümmt, „eine gebeugte Figur, die Lasten zu tragen scheint.“ (M. Zwarg) Und auf ihre Weise ebenso unscheinbar auf 60 erdigen, braun- und ockerfarbenen Seidenpapierblättern. Der goldene Altar verdeckt. Dreckig und trotzdem in die Höhe ragend. Eine Sichtbarriere und doch schwebend, leicht im Wind schaukelnd. 

Auch hier – wie ich finde – der Schlüssel für die Erklärung bei Pilatus, dem Urheber des Ausspruchs: Siehe, der Mensch.

Doch schauen wir uns zunächst noch einmal die – für die meisten von Ihnen vermutliche bekannte – Szene aus der Passionsgeschichte nach Johannes an. Da sind die beiden Hauptantagonisten: Jesus auf der einen Seite und die aufgebrachte Volksmenge auf der anderen Seite. Der Mobb will Jesus loszuwerden. Er folgt dabei ganz akribisch religiösen Vorschriften: keiner sollte den Sitz des Stadthalters Pilatus betreten und dabei unrein werden. Keiner sollte sich am Tod Jesu unmittelbar versündigen – daher brachte man Jesus zu Pilatus. Ein Gefangener, Barabas, wurde freigelassen – wie es das Pessachfest, eigentlich ein Freiheitsfest, vorsah. Die Schmähungen Jesu überließ man den römischen Soldaten.

Und dann steht da Jesus, wortkarg. Die wenigen Worte, die er spricht, rätselhaft – Zeugnis einer anderen Welt, ein Reich der Wahrheit,  für Pilatus unverständlich – heute für uns scheinbar verständlich, aber damals?

Zuletzt ist da aber vor allen noch Pilatus, man könnte sagen der Hauptprotagonist in dieser Szene. Ein Mann zwischen den Ansprüchen der römerhassenden Volksmenge, seiner staatlichen Pflicht und Jesus – ein Mensch, der von sich sagt, er sei König und ein Reich außerhalb dieser Welt habe. Er ist der Vertreter der Besatzungsmacht, aber er ist auch eine Person, die bemüht ist um Frieden, Ausgleich, Gerechtigkeit. Er vermutet die Unschuld des Angeklagten. Er hinterfragt, wirkt beinahe sensibel. Was mag er wohl während der Auseinandersetzung mit Jesus und den Juden gedacht und Gefühlt haben? Welch Hoffen und Bangen, welche Enttäuschung musste er mitempfunden haben? All das macht ihn einerseits sympathisch. Andererseits scheitert er mit seinem Agieren. Er schafft es nicht, sich gegen den Volkszorn, die religiösen Gebräuche durchzusetzen. Dabei begeht er das Unrecht, dass er Jesus der Geißelung und am Ende dem Tod überlässt. Hat ihn am Ende Schuldgefühl geplagt? Und seltsamerweise ist er gerade dadurch auch noch ein wichtiges Mosaikstück in Gottes Heilsplan – das Leiden und der Tod Jesu waren notwendig. Bis heute ist dieser Stadthalter Teil unserer beiden Glaubensbekenntnisse: Jesus wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus – wie es da heißt. Ich glaube, dass man dem Pilatus – bei all dem Schrecklichen, was Jesus wiederfährt – eine gewisse Tragik nicht absprechen kann. Er steht in einem Dilemma, er steht als Vertreter des Staates in einer Zwickmühle aus der er nicht heraus kann: entweder Aufruhr – möglicherweise mit weiterem Blutvergießen oder Frieden, aber dafür der Tod Jesu.

Man könnte auch sagen: die Geschichte von Pilatus, Jesus und dem Gottesvolk ist eine Geschichte des grandiosen Scheiterns. Auf der einen Seite die religiöse Elite des Gottesvolkes und zum anderen Pilatus. Er bemühte sich um Neutralität und unterlag darin dem krakeelenden Mobb. Er gab nach, obwohl ihm sein Gewissen und auch seine Rolle eigentlich anderes sagte. Er, der als Richter ja gerade für den Schutz der Minderheit und der Entrechtung einzustehen hat, setzt Jesus der hasserfüllten Mehrheit schutzlos aus.

Pilatus war für das große Unrecht an Jesus mitverantwortlich. Wie muss er sich gefühlt haben? Er, der gerecht sein wollte und nun ungerecht gegenüber Jesus wurde? Nachdem er die Geißelung Jesu durch seine Handlanger mitangesehen hatte, führte er den geschundenen Jesus in Mantel und Dornenkrone bekleidet nach Draußen vor die Volksmenge. Sein Wort: Hinne, Haadam, Idou, ho anthropos, Ecce, Homo. Siehe, der Mensch.

Heute stellen sich zwei Konfirmanden und zwei Konfirmandinnen der Gemeinde vor – vier wunderbare Menschen. Und in der Vorbereitung konnten wir sehen: das ist gar nicht so einfach. Denn wer ist dieser jeweilige Mensch? Das, was wir von Franz, Joseph, Florentine und Monika sehen? Das was sie anziehen, ihre Frisuren, ihre Haltung? Siehe der Mensch – sagt Pilatus. Das ist doch auch viel zu wenig. Der Mensch ist doch nicht nur eine Hülle, die dasteht. Oberflächlichkeit, ein Selfie oder ein Reel auf Instagram. Ein Mensch ist immer mehr. Gott hat ihn zu seinem Bild geschaffen… aber gerade auch zu seinem inneren Bild: seine Gefühle, sein Denken, seine Gaben, seine Einzigartigkeit. Wenn ich mir so die Statements unserer vier Jugendlichen durchlese, da fällt mir gerade auf, was sie so besonders macht: gerade das, was man nicht nur an ihrem Äußeren sieht. Da gibt es musikalische Begabungen, Geigespielen, Singen, Liebe für bestimmte Schulfächer, naturwissenschaftliche Begabungen, Interesse an Geschichte, sportliche Begabungen, Basketball, Reiten, Fußball, Liebe zu den Freuden, zur Familie und die Liebe zu Gott, der Glaube… all das haben sie hier in ihren Steckbriefen zum Ausdruck gebracht.

Siehe, der Mensch – sagt Pilatus und scheitert damit an seiner eigenen Oberflächlichkeit. Er wird diesem Jesus nicht gerecht. Er kann ihm gar nicht gerecht werden. So wie das bloße Bild, keinen dieser Konfis ganz beschreiben wird.

Richten wir den Blick noch einmal auf Jesus selbst: Siehe, welch ein Mensch! – übersetzte Luther. Dieser Mensch, Jesus von Nazareth, ein Jude steht nun vor dem Volk. Ein Mörder, Barabas, wurde Jesus gegenüber vorgezogen. Dieser Mensch, Jesus, mit dem Anspruch des Evangeliums, dem Anspruch Gottes Sohn zu sein, König des Reiches bei Gott zu sein, steht nun gedemütigt, zerschunden vor den anderen. Ein scheußlicher Anblick, kein Jesus, der die Welt entrückt in den Händen hält, einsam, ohne Jüngerschar, kein leuchtender Jesus: sondern grau, braun – so wie bei dem Kunstwerk im Met in New York. Ein Bild, das man nicht sehen will, ein Anblick, der abstößt, ein Bild, das nicht zu den Favoriten gehört, ein Anblick, der zu Spottgedichten herausfordert. So wie das Fastentuch von Michael Morgner. Ein Fastentuch, das abgehängt zu einer scheinbar schmutzigen Plane verkommt… in sich verkrümmt so wie die Gestalt zigfach wiederholt verkrümmt. Ja, wir werden zum pöbelnden Mobb, zum selbstgerechten Volk, das Jesus nicht erträgt – seinen Anspruch genauso wenig wie seine Schändung. Und somit kann auch das anfangs aufgeworfene Dilemma beantwortet werden: Ja, ich glaube der Künstler des 17. Jahrhunderts hat ein gutes Jesus-Bild gemalt, ebenso wie Michael Morgner ein großartiges Fastentuch geschaffen hat – in all seiner Widersprüchlichkeit. Ich bin damals im jugendlichen Überschwang in New York persönlich daran gescheitert (beim Fastentuch bin ich zum Glück offener, ja begeistert).

Und dennoch führen mich beide Kunstwerke nach wie vor zur Frage: Wie oft bin ich an Jesus selbst gescheitert?

Ecce Homo – dann aber auch ein Stück Schuldeingeständnis, Wiedergutmachung des Pilatus – wenn man dieses Wort, angesichts des Schrecklichen, hier überhaupt verwenden will. Ecce Homo, Siehe, der Mensch! – wie es die Einheitsübersetzung ins Deutsche überträgt. Jesus, Mensch, ein Spiegel aller Menschen, die an Ungerechtigkeit leiden. Wir alle, aber zuerst die Menschen ganz unten, erdrückt vom Versagen seiner Gesellschaft um ihn herum.

Ecce Homo – Siehe Jesus an, dann siehst Du Gott! Ecce Homo – siehe, Mensch auf deinen Nächsten! Ecce Homo – Siehe, Mensch, wozu Du fähig bist! Mensch, sieh!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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