Predigt zum 5. Sonntag nach Ostern (Rogate), 5. Mai 2024

Predigtarchiv

Predigt zum 5. Sonntag nach Ostern (Rogate), 5. Mai 2024

05.05.2024

über 2. Mose 32, 7 - 14 (Basisbibel) gehalten in der St.-Nicolai-Kirche Langhennersdorf anlässlich eines Konfirmanden-Vorstellungsgottesdienstes von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Predigttext 2. Mose 32, 7 - 14 (Basisbibel)

Liebe Fast-Konfis, liebe Gemeinde,

der Lehrer, Hr. Müller, musste mal ganz kurz zur Direktorin – etwas ganz schnell abklären. Alle in Klasse 8b sitzen da. Nichts zu tun, die Schülerinnen und Schüler fangen an, sich zu unterhalten. Bei der Direktorin dauert es etwas. Der erste steht auf. Da ist die Tafel vorne: so verlockend leer… bunte Kreide davor. Und dann geht es los. Jeder weiß: eigentlich darf die Tafel nicht vollgekritzelt werden. Aber es macht doch so viel Spaß – gerade, weil es verboten ist. Und dann auch noch, weil der Lehrer ja jeder Zeit wieder reinkommen könnte… Ein Meter hohe Buchstaben, die Tafel bunt vollgeschmiert: „Der Müller ist doof!“ Und innen rein dann noch ein Stinkefinger gezeichnet…

Hr. Müller ist bei der Direktorin eingetroffen. Es gab Beschwerden. Die Klasse 8b ist wirklich die Schlimmste. Ständig schmieren sie die Tafel voll, machen Unfug. Was tun? Soll die Klasse bestraft werden? Soll die Klassenfahrt gestrichen werden? Müssen die Eltern informiert werden?...

In so einem Beziehungsgeflecht von Schülern, Lehrer, Direktorin gibt es ganz schön viele Gefühle und Sichtweisen:

- Da ist die Klasse. Langeweile, dann Freude, dass der Lehrer weg ist, vielleicht ein wenig Angst… weil dann immer die lauten Chaoten Quatsch machen. Freude über den Schabernack an der Tafel. Und natürlich bei einigen die Angst vor den Konsequenzen

- Dann ist da aber auch der Lehrer. Er ist gestresst, weil er die Klasse ohne Aufsicht lässt. Geschmeichelt: die Direktorin hat ihn in das Lehrerzimmer bestellt, aber auch Angst… hat er was falsch gemacht?

- Zuletzt die Direktorin. Sorge um die Schülerinnen und Schüler, den Ruf Schule. Angst vor den Eltern. Vielleicht auch Ratlosigkeit: wie kann es mit einer schwierigen Klasse wieder besser werden. Da gibt es zwar Tipps und Tricks… aber die funktionieren manchmal so gar nicht

In der Geschichte von Mose und seinem Volk ist es auch ein wenig, wie in so wie bei einer schwierigen Klasse – mit allen Gefühlen. Da sind die Leute. Sie müssen für einige Zeit auf Moses verzichten. Und prompt geht es rund im Lager am Fuß des Berges. Freilich: Es gibt Regeln. Weil wir aber Menschen sind, brechen wir die Regeln. Hier: Du sollst Dir kein Bild von anderen Göttern machen. Manchmal passiert das unabsichtlich, manchmal aus Unwissenheit, oft aber schon auch aus vollem Bewusstsein. Da ist so dieses kleine Teufelchen in uns. Es will provozieren. Es will die Regeln durchbrechen.

Ich finde, diese Geschichte zeigt auch, warum das passiert. Moses ist lange Zeit weg. Er steht da oben einsam auf einem Berg. Er verhandelt lange Zeit mit Gott. In anderen Worten: Mose ist da völlig abgehoben, in anderen Sphären. Er verhandelt mit Gott über die Köpfe der Leute hinweg. Dem Volk wird langweilig. Das Ergebnis ist katastrophal: das Volk bastelt sich einen anderen Gott. Das Volk provoziert. Die Leute sind nicht eingebunden in die Verhandlungen auf dem Berg – auch wenn sich Moses aus tiefer Liebe für sie ausspricht.

Und Gott ist erst einmal wie ein strenger Chef, eine strenge Direktorin. Er berichtet Mose nicht nur von den Verfehlungen seiner Leute. Er kündigt gleich noch die Vernichtung an. Was mag Moses empfunden haben? Scham? Ärger auf die Leute? Ärger auf sich selber, dass er nicht überzeugender von Gott geredet hatte? Angst vor der Drohung?

Er versucht zu retten, was zu retten ist: er setzt sich mit seinen ganzen Gefühlen für das Gottesvolk ein, mit dem Appell an die vielen Generationen vor ihnen: Abraham, Isaak und Jakob. Und er appelliert an Gottes eigenes Versprechen bei der Übergabe der 10 Gebote: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe“.    

Ich bin auch etwas ratlos, warum Gott Moses da oben auf dem Berg so lange gebunden hat. Warum hat er sich nicht im Tal allen Leuten gezeigt? Wir wissen es nicht. Gott ist eine eigene Macht. Gott zeigt sich hier sehr distanziert und unnahbar. Aber so ist es ja auch in unserem Alltag: die Direktorin ist eben oft weit weg und hat doch so viel Macht. Sie hat die Verantwortung für den gesamten Schulbetrieb. Da kann man nicht immer bei jedem auf Augenhöhe da sein. Das ist wichtig für einen Chef/eine Chefin, aber gleichzeitig auch ein Problem, weil er oder sie Situationen nur aus der Distanz einschätzen kann.

Das heißt: ja, wir müssen uns arrangieren miteinander. Wir müssen aufeinander zugehen. Wir müssen die Gemeinschaft suchen, wir müssen verstehen, warum der andere etwas so macht. Moses ist für mich hier ein gutes Beispiel…. Auch wenn die Leute nicht miteinbezogen sind. Er lässt bei Gott nicht locker. Er setzt sich ein für die Menschen – obwohl sie ihn auflaufen lassen, obwohl sie gegen seine Gebote gehandelt haben, obwohl er vor Gott sein Gesicht als Führer des Gottesvolkes verliert.

Und dann noch etwas, was so im Bibeltext gar nicht drin steht, was ich persönlich aber ganz wichtig finde. Dieses persönliche Miteinander von Gott und den Menschen. Das fehlt ja hier. Warum Gott da nicht auf die Leute zugeht, bleibt offen. Aber warum nicht den Spieß umdrehen? Warum nicht das Volk auf Gott zu gehen? Heute ist ja Sonntag Rogate. Das Beten ist das Thema. Im Gebet kann ich ganz persönlich zu Gott sprechen. Die Konfis haben mir wunderbare Fürbitten zukommen lassen. Wir werden sie nachher gemeinsam beten. Klar: in einem Gebet gibt es nicht die unmittelbare Antwort, so wie bei einem gemeinsamen Plausch. Aber im Gebet kann ich meine Gedanken auf Gott richten und in einen inneren Dialog treten. Ich glaube, wenn das Volk Israel damals die Kraft zu so einem Gebet gehabt hätte, es hätte kein Goldenes Kalb gebaut.

Zurück in die Schule: Die Direktorin will den Rat von Hrn Müller: Nein, eine Kollektivstrafe hat die Klasse nicht verdient – das ist meistens unsinnig weil dann immer auch die bestraft werden, die gar nichts dafür können. Hr. Müller überzeugt die Direktorin. Die Klassenfahrt wird also nicht gestrichen… Aber es ist doch wichtig, dass der Lehrer und auch die anderen Lehrer/Lehrerinnen, die Schulsozialarbeit mit den einzelnen Schülerinnen und Schülern im Kontakt bleiben. Immer wieder miteinander reden, persönliche Begegnungen schaffen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne. Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben