Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2024

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Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juni 2024

30.06.2024

über 2. Korinther 12, 5 - 10; gehalten im Freiberger Dom von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Stille…

Liebe Gemeinde,

Haben Sie schon mal einen Social-Media-Kanal eines Influencers, einer Influencerin verfolgt? Ich war nie so ein richtiger Fan von jemandem. Ich habe nie einen Kanal abonniert. Aber ich habe doch hin und wieder das ein oder andere Video angeschaut. Oft turnen mich diese Videos ab. Ich schaue sie dann trotzdem mit so einer gewissen Faszination an, nach dem Motto: „wie kann man nur seine Zeit, seine Energie für so einen Unsinn hergeben“ – irgendwelche Optimierungsratschläge oder Meinungen zu irgendwas. Manchmal ist gar nicht klar: ist das jetzt Werbung? Ist das eine echte eigene Meinung? Steht da jemand für die Inhalte im Hintergrund – eine Person eine Organisation?

Dann aber gib es durchaus auch Videos oder Reels, die ich ziemlich gut finde: mal eine gute Reflexion auf etwas – was mir aber höchst selten untergekommen ist. Beeindruckend finde ich z.B. oft die Videos der Vereinten Nationen… oder die Reels der Migrationsstelle unserer Landeskirche: sie weisen deutlich auf soziale Missstände hin. Oder da stößt man vielleicht mal auf eine tolle Musik, die man noch nicht kannte. Oder eine gute Meditation, eine gute Bastelanleitung…

Auffällig ist aber doch: Influencer kommen sympathisch rüber, Influencer sehen meist gut aus, Influencer verbreiten gute Stimmung… es geht positiv zu. Dieses Positive steckt an. Man will dabei sein, man findet es richtig gut, lebenspraktisch, einfach schön… Die Kehrseiten die bleiben schön verborgen oder werden so verdreht, dass am Ende trotzdem eine positive Message herauskommt.

Zur Zeit des Paulus gab es noch keine Social-Media-Plattformen. Und doch waren auch damals schon Leute unterwegs, die wie so Influencer gute Stimmung gemacht haben. Sie verbreiteten gute Laune, sahen gut aus, zogen die Jugend an, zogen die Menschen an. Diesen Leuten wurde sofort alles abgenommen. Sie hatten einfach Charisma und waren beliebt.  

Ich stelle mir vor: Ein herrlicher Abend in Korinth. Die Abendsonne scheint noch immer warm. Häuser an den Hängen bis hinunter zum Hafen. Das Meer brandet sacht in der Ferne. Leute strömen in ein Haus. Alle in einem Kreis versammelt: das Abendgebet der Gemeinde steht an. Und da kommt so ein Star daher. Im weißen Gewand. Er tritt als Apostel auf, einer der Autorität mit bringt. Er soll das Gebet anleiten. Die Leute folgen ihm. Sie folgen dem, was er sagte…

Paulus weilt zur selben Zeit in Makedonien. Er hatte einst maßgeblich die Gemeinde in Korinth mitbegründet. Paulus erfährt von diesem Superapostel in Korinth. Bei Paulus löst er panische Gefühle aus: Neid, Wut – alles sehr menschlich. Er ist ein Konkurrent. Und er reagiert prompt. Er will sich das Ruder nicht aus der Hand nehmen lassen. Er will sich seine Arbeit in Korinth nicht kaputt machen lassen. Er will Einfluss behalten. Er schreibt seinen zweiten Korintherbrief – eine Art Verteidigungsschrift seiner Arbeit und seines Auftretens. Hören wir, wie er im heutigen Ausschnitt argumentiert:

Lesung 2. Korinther 12, 5 - 10 (Lut)

Liebe Gemeinde,

Wie geht es Ihnen damit? Stellen Sie sich einen großartigen charismatischen Superapostel, einen religiösen Influencer-Typen vor! Überzeugt sie das, was Paulus schreibt?

Mein erster Gedanke: wie holprig ist das denn formuliert. Kann diese ungelenke Rhetorik besser überzeugen also ein Führer-Typ vor Ort?... Jedenfalls macht Paulus in seinen Argumenten aus einer Not eine Tugend. Die Leute in Korinth nahmen ihn nicht mehr ernst: weil er unansehnlich war, offenbar auch weniger charismatisch. Er war schwach und kränklich. Deutlich spricht er das aus: „mir ist gegeben ein Pfahl ins Fleisch“ – wie es Luther ins Deutsche übersetzt. Ein Hinweis auf eine Krankheit, die ihn plagt. Und so dreht er den Spieß einfach um:

- Seine Stärke ist die Schwachheit. Kraft vollendet sich in Schwachheit.

- Die Krankheit, die ihn plagt ist das beste Beispiel, dass er kein Blender ist, sondern Gott auf seiner Seite hat – „Pfahl im Fleisch“ deutet diese Krankheit an. Sie plagt ihn wie Satan mit einer Rute. Sie hütet ihn aber gerade deswegen vor Überheblichkeit.

- Dadurch hat er die Kraft Jesu Christi, der ja selbst schwach war, misshandelt und verfolgt wurde.

- All das ist eine Gnade Gottes.

Stellen Sie sich einen großartigen charismatischen Superapostel, einen religiösen Influencer-Typen vor! Überzeugt sie das, was Paulus schreibt?

Mich erinnert das ein klein wenig an die Konkurrenz zwischen Trump und Biden. Da ist auf der einen Seite ein sehr selbstherrlicher Trump… als Präsident abgewählt, von verschiedenen Gerichten verurteilt, abgehobener Multimillionär, mit schlichten, haarsträubenden Botschaften… aber einfach von sich überzeugt. Und so macht er selbst aus seinen Niederlagen eine Show und gute Stimmung… und es zieht bei guten Teilen der amerikanischen Bevölkerung… warum auch immer. Und auf der anderen Seite: Joe Biden. Einer der schlichtweg sein Ding macht. International für Ausgleich sorgt. Durch sein hohes Alter aber medial wenig charismatisch rüberkommt – man konnte es im TV-Duell sehen. Zur Zeit geht ein Shitstorm durch die Welt, weil er sich so schlecht verkauft habe. Ist das Verkaufen in einem TV-Duell so wichtig?… für viele Menschen offenbar schon.

Paulus will die Menschen in Korinth wachrütteln. Er bringt hier in seiner Verteidigungsschrift doch ganz andere Perspektiven mit ein: 

- Er hält uns schonungslos vor Augen, wie wir uns als Menschen blenden lassen. Wir verfallen Charisma, Schönheit, der überzeugenden Fassade. Glauben diesen Überzeugungen mehr als dem eigentlichen Kern der Wahrheit: Jesus Christus.

- Und Jesus Christus ist genau das Gegenteil eines charismatischen Führers, eines Blenders: „Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen.“ Christus ist in dieser Welt gescheitert und am Kreuz gestorben. Er war ganz unten. Viel, viel weiter unten als der schlechteste Schauspieler in einem Politik-TV-Duell.

- Dadurch öffnet er den Menschen die Augen: misstraut den Charismatikern und Superaposteln. Dort, wo Menschen schwach sind, ist eigentliche Stärke, dort ist Gott mit seiner Gnade.

Ob diese Argumentation des Paulus die Korinther überzeugt hat, wissen wir nicht. Ich vermute: der Brief, die ungelenke Rhetorik hat nicht viel bewirkt. Charisma, Schönheit und tolles Auftreten beeindrucken einfach. Da helfen viele Worte eher wenig. Wir wissen nicht wie es mit dem Superapostel weiterging. Und vielleicht war er in seinem Wirken gar nicht so ungut, wie es Paulus den Brieflesern darlegt. Aber immerhin: Paulus hat sich am Ende durchgesetzt. Die Korintherbriefe stehen heute in der Bibel.

Ich überlege, was das für meine eigene Social-Media-Nutzung bedeutet. Ich überlege immer wieder, verschiedene Accounts abzuschalten. Und dann aber denke ich: es gibt doch auch die guten Contents. Ich bleibe in der Onlinewelt verhaftet. Charisma, gekonnte Darstellung hat ja auch seine gute Seite. Aber Paulus zeigt mir: „Schärfe Deine Urteilskraft“. Schau noch viel genauer hin. Bedenke immer die Kehrseite des schönen Videos. Bedenke auch immer das Gegenargument. Und vor allem: Wichtig ist Jesus Christus. Zeigen die Bilder und Reels etwas von dieser Wirklichkeit Jesu oder lenken Sie Dich eher ab, lenken Sie Dich eher weg? „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne.“ – schreibt Paulus.

Und zuletzt ist es für mich auch eine Mahnung: halte Dich nicht beim Schein auf. Bleib nicht auf dem Bildschirm verhaftet. Nimm Deine Welt um Dich herum wahr, Deinen Nächsten, der Dir begegnet. Hinterfrage die Fassade eines Menschen. Und bleibe an ihn dran – gerade auch dort, wo er ganz schwach ist.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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