Predigt zum 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 10. April 2022

Predigtarchiv

Predigt zum 6. Sonntag in der Passionszeit (Palmarum), 10. April 2022

10.04.2022

zu Johannes 17, 1 - 8; gehalten von Prädikant Michael Steeger

Liebe Gemeinde,
als Predigttext ist uns heute ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium gegeben, aus dem 17. Kapitel:

Solches redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.
Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.
Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

Dieser Text hat etwas Geheimnisvolles an sich, etwas, was sich uns nicht sofort erschließt. Vielleicht würden wir deshalb normalerweise weiterblättern. Dieser Sonntag lädt uns ein, gerade das nicht zu tun. Vielleicht sortieren wir deshalb erst einmal.
Der Weg Jesu und der der Jünger – das spüren alle – scheinen sich zu trennen. Das wird in vielen Gesprächen zwischen ihnen deutlich. Jesus verabschiedet sich und macht in dem, was er seinen Begleitern mit auf den Weg gibt, keinen Hehl daraus, dass schwierige Zeiten auf sie zukommen werden. Am Ende dieser Abschiedsredensteht der Satz: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Die nächste Szene, in der Jesus und seine Jünger für uns gemeinsam sichtbar werden, zeigt die die Widersacher Jesu – Pharisäer, die Knechte des Hohepriesters, allen voran Judas, wie sie sich in der Dunkelheit mit Fackeln und bewaffnet ihm in den Weg stellen.
Unser Bibeltext steht genau zwischen diesen beiden Szenen, zwischen dem emotionalen Abschied und der sichtbaren Realität von Gefangennahme, vom Ende eines Weges.
Gerade noch haben wir das „Ich habe die Welt überwunden!“ im Ohr und dann das: Fackeln und Waffen.
Diese beiden Szenen halten uns ganz fest im Hier und Jetzt. Das ist die Realität unseres Lebens. Wir haben Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor einer nicht enden wollenden Pandemie, Angst vor dem so nah gekommenen Krieg und seinen spürbaren Auswirkungen. Angst vor Menschen, die bewaffnet im Licht von Fackeln ins Leben anderer eingreifen. Das ist kein Bild mehr, das ist auch mehr als eine Krise. Und genau zwischen diesen beiden Bildern, mitten in lebensbedrohender Realität entwickelt unser Bibeltext etwas ganz neues, eine unerwartete, eine ungeahnte Dimension, eine neue Realität. Mitten in der Realität unseres Lebens zeigt Jesus im Gespräch mit seinem Vater eine neue Spur. Nein, es geht gerade nicht um Gedanken für eine unbestimmte Zukunft. Wir spüren im Hier und Jetzt öffnet uns unser sicher immer noch geheimnisvoller Bibeltext eine andere, eine neue Welt. Da kommt ganz langsam Licht ins Dunkel, da löst sich der Nebel des Geheimnisvollen, weil spürbar wird, dass es bei dem, was Jesus Christus sagt, um mehr geht, als darum, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist. Es geht um mehr als gute Ratschläge fürs Leben. Da wird spürbar und irgendwie greifbar, dass es auf einmal einen Punkt gibt, in dem sich Himmel und Erde begegnen, dass der ferne, der heilige Gott, greifbar wird. Den Punkt, in dem sich alle Linien schneiden. Dieser Punkt ist kein mystischer Ort, wie die Steine von Stonehenge in England aber auch kein lichterfüllter Dom. Dieser Punkt ist eine Person, ist Jesus Christus. Der Evangelist Johannes macht das in seinem Evangelium immer wieder sichtbar, zum Beispiel dort, wo Jesus den Menschen sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit, der gute Hirte, das Tor…
Wir spüren auf einmal, dass der Satz: „Ich habe die Welt überwunden!“ keine Verteidigungsstrategie ist, sondern ein Blickwechsel, der Leben anders sortiert. Eine neue Dimension. Wenn wir mit diesem Blick von Leben reden, dann geht es um mehr als um das hier und jetzt, um mehr als das gestern und das morgen. Es geht um eine Perspektive, die über das, was uns täglich begegnet, was uns Kraft kostet und Angst macht, hinausgeht. Die Bibel nennt das ewiges Leben. Und Jesus macht für mich in drei Aspekten deutlich, was er damit meint.

Ewiges Leben heißt Gott neu erkennen
Was für ein Bild habe ich im Kopf, wenn ich von Gott rede? Ist er der, der mein Leben beobachtet und hofft, dass ich etwas falsch mache, damit er mir ein schlechtes Gewissen machen kann? Oder ist er der gute alte Mann, den ich, wenn ich das für sinnvoll halte, aus einer verstaubten Ecke hole? Oder ist er der, der, wenn es ihn gibt, seinen Job nicht wirklich gut macht – weil - wo ist Gott eigentlich in einer Welt, die uns lähmt, in der wir mehr Gräben wahrnehmen als je zuvor, in einer Welt, die sich scheinbar selbst zerlegt.
Alle diese Bilder haben nie gestimmt. Der wahre Gott – so nennt ihn Jesus Christus – ist der, der Leben schenkt und bewahrt, der Menschen begegnen will. Das aber setzt voraus, dass Menschen ihm auch begegnen wollen. Will ich das? Gott neu erkennen, kann und wird auch heißen, zu schauen, ob mein Bild von Gott noch stimmt.
Wenn ich Gottes Handeln vielleicht gerade vermisse, muss ich mich dann nicht fragen, woher meine Sicherheit kam, bevor ich gefragt habe, wo denn Gott gerade ist? War es nicht auch der Gedanke, dass wir das Leben im Griff haben, dass wir die Welt neu und gut sortiert haben.
Gott neu erkennen, das macht sich für mich in dem Bild des Vaters fest, der auf seinen Sohn wartet und der ihm entgegenläuft. Dieses Bild stimmt auch dann noch, wenn das Bild des Vaters, den ich erlebt habe, ein ganz anderes ist. Dieses Bild beschreibt das, was die Bibel mit dem Wort Gnade beschreibt. Du bekommst nicht das, was du eigentlich verdient hast. Wer Gott neu erkennt, spürt etwas davon, wie Gnade ein Leben verändert. Und dann wird aus dem Gott neu erkennen, Begegnung, Ankommen, ein Zuhause. Wer Gnade erlebt hat, der gibt dem Schöpfer ein Zuhause, eine Basis zum Leben, zum ewigen Leben.

Ewiges Leben heißt Worte wirklich bewahren
Passt das noch in unsere Zeit? Uns bewegen Bilder, uns bewegen Videos, aber Worte? Schon an dieser Stelle wird etwas von dem deutlich, warum Jesus ewiges Leben mit dem Bewahren von Worten verbindet und eben nicht mit Bildern. Bilder bewegen uns, rütteln uns auf und das ist nötig. Darum aber geht es Jesus nicht, ums Aufrütteln, darum dass endlich etwas passiert. Worte wirklich zu bewahren, hat mit Stille zu tun, mit Frieden und mit Tiefe. Das braucht Zeit und eben keine Geschwindigkeit, Worte lassen mir die Chance mitzukommen, nicht überfordert zu sein. Unser Leben, das immer mehr von Geschwindigkeit geprägt ist, erzeugt Oberflächlichkeit statt Tiefe. Weil wir immer mehr in weniger Zeit in uns aufnehmen müssten, das aber nicht können, lernen wir oberflächlicher zu lesen, zu schauen und irgendwann zu leben. Worte wieder bewahren zu lernen, lässt Leben wieder tiefer werden statt schneller.
Deshalb ist es gut, Worte neu bewahren zu können, damit sie mein Leben prägen können und vielleicht sortieren. Und wenn wir genau hinschauen, macht Jesus das, was er meint, auch sehr konkret: die Worte, die du mir gegeben hast. Jesus hat Gottes Wort nie relativiert, als er mit seinen Jüngern unterwegs war, er hat es konkret gemacht, in Erinnerung gerufen. Und macht jetzt deutlich, dass es diese Worte sind, die Menschen zum Leben brauchen. Es waren nie Worte der Verurteilung, es waren immer Worte, die ermutigt haben, aber die auch niemanden im Unklaren gelassen haben. Ich denke an die Ehebrecherin, die Jesus nicht verurteilt hat, wegen dem, was sie getan hat, der gegenüber er aber auch keinen Zweifel daran gelassen hat, was für die Zukunft der richtige Weg ist.
Worte des Lebens ermutigen aber sie drücken sich auch nicht um die Wahrheit. Für nicht wenige Menschen sind das auch Worte aus alten Chorälen. Wer solche Worte bewahrt, hat auf dem Weg seines Lebens Anker dabei, an denen man sich festmachen kann, Ankerpunkte fürs Leben, für ewiges Leben.

Ewiges Leben heißt auch die Zukunft jetzt beginnen
Ewiges Leben – ist das am Ende nicht ein Begriff, der ein wenig verunsichert, weil man ihn nicht so recht fassen kann, weil er etwas hat von einer fernen Zeit? Von unbestimmter Zukunft?
Vielleicht hilft uns das Bild von dem Geheimnis Gottes, das sich mitten in unserer Gegenwart für uns öffnet. Dann wird Leben, wird ewiges Leben einfach eine neue Spur, eine andere Dimension und keine Weltflucht oder ein Vertrösten auf irgendwann. Der Prediger im Alten Testament sagt: Auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Und das heißt doch, diese neue Dimension von Leben, die die Bibel ewiges Leben nennt, ist nicht etwas worüber wir am Ende aller Zeiten nachdenken müssten, sondern etwas, das in uns beginnt, das mit dem Erkennen Gottes schon begonnen hat, mit dem wir mit dem Bewahren der ermutigenden Worte Jesu unterwegs sind in eine Zukunft an deren Ziel derselbe steht, der auch am Beginn stand: Gott. Meine Zukunft beginnt bei Gott, bei dem, der mein Leben allein aus Gnade verändert. Und sie endet bei ihm. Ich habe das nicht entschieden. Gott hat sich entschieden. Und er hat in mir Glaube erweckt, weil Glaube, die Art ist, mit Gott zu leben, mit ihm unterwegs zu sein, um bei ihm anzukommen. Gerade dann, wenn in der Welt um uns herum vieles zerbricht und unsere Angst uns zu lähmen scheint, brauchen wir die Perspektive Gottes.
Kirche ist nicht das Überbleibsel einer alten Welt, nicht ein Relikt aus der guten alten Zeit und Christen sind nicht die Menschen, die noch an einen Gott glauben, die noch beten. Christen sind Vorboten aus Gottes neuer Welt, die hier schon begonnen hat, Kirche ist nicht noch da, sondern Kirche ist schon da.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben