Predigt zum 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 16. Mai 2021

Predigtarchiv

Predigt zum 6. Sonntag nach Ostern (Exaudi), 16. Mai 2021

16.05.2021

zu Johannes 7, 37 - 39; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in den Kirchen in Reichenbach und Linda

Liebe Gemeinde,
wie wichtig Wasser für alles Leben ist, haben wir in den letzten drei trockenen Jahren gelernt. Man braucht nur einmal durch die Wälder zu gehen, um die Folgen der Dürren sehen zu können. Vom Kirchenwald in Kleinwaltersdorf beispielsweise ist nichts mehr übrig. Neben Sturm und Schneebruch war es vor allem die Trockenheit in Verbindung mit den Borkenkäfern, die dem Fichtenbestand den Garaus gemacht haben. Ohne Wasser ist Leben nicht möglich. Wie kostbar Wasser ist, haben auch die ganz besonders erfahren müssen, deren Häuser über eigene Brunnen versorgt werden. Die gaben ja teilweise kein Wasser mehr und mussten über provisorische Leitungen oder Kanister versorgt werden. Auf Wasser können wir eben einfach nicht verzichten. Ohne Wasser ist kein Leben möglich.
Den Menschen im Israel zur Zeit Jesu war das mehr als bewusst. Sie feierten im Frühjahr das Laubhüttenfest. Das war ursprünglich ein Erntedankfest. Dazu hatte auch gehört, dass man Gott für den Regen dankte, den es gegeben hatte. Denn ohne Regen hätte es keine Ernte geben können. Im Orient war und ist das schon immer ein Problem. Darum gab es bei dem Laubhüttenfest sogar ein Ritual in Verbindung mit Wasser. Am siebenten Tag des Festes gingen die Priester aus dem Tempel hinaus zum Siloahteich und schöpften dort Wasser. In Schalen brachten sie es zum Tempel und umrundeten sieben Mal den Altar. Damit wurde deutlich, dass Gott das Leben gibt, indem er Wasser fließen lässt. Er wurde zugleich um das Leben gebeten, das durch Wasser erst möglich gemacht wird.
Es gab und gibt allerdings auch noch einen anderen Durst. Nicht nur im Leben haben wir Durst, auch nach dem Leben verspüren wir einen Durst in uns – jetzt in der Pandemie merken wir das vielleicht ganz besonders. Wir haben Durst und Sehnsucht nach einem Leben, das mehr ist als zu Hause zu bleiben. Wir sehnen uns nach Kontakten, nach Gesprächen, nach einem fröhlichen Besuch im Biergarten, vielleicht auch nach einem unbeschwerten Einkaufsbummel. Leben ist eben mehr als nur zu essen und zu trinken.
Die Pandemie macht uns aber auch darauf aufmerksam, aus welchen Quellen sich der Lebensdurst wirklich stillen lässt und aus welchen eher nicht. Wer sein Leben allein auf Party machen oder Shoppen gehen aufgebaut hat, der oder die hat es momentan wirklich schwer. Dem ist jetzt vieles weggebrochen. Die muss auch feststellen, dass Party machen und Shoppen gehen den Lebensdurst nicht nachhaltig stillen kann. Nach so vielen Monaten des Stillstands sitzen viele in übertragenem Sinn auf dem Trockenen.
Schwer haben es allerdings auch die, die allein leben. Wer nicht in einer Familie leben kann, dem fehlen die Gespräche, die Kontakte zu anderen Menschen sehr. Am schlimmsten ist es für die Menschen in den Altenheimen, die von ihren Familienangehörigen isoliert worden sind. Die Begegnungen mit Menschen, mit denen wir uns innerlich verbunden wissen, sind so überaus wichtig für unser Leben. Wenn das wegfällt, verdursten wir innerlich. Das ist viel schlimmer als die Schließung von Einkaufscentern oder Clubs. Wer dagegen in einer Familie leben darf, hat es gut in dieser Zeit. Austausch, Begegnung, Gespräch sind weiterhin möglich, wenn auch im kleineren Kreis. Das trägt einen durch solche Zeiten hindurch. Das jedenfalls ist meine ganz persönliche Erfahrung.
Eine Quelle für unseren Lebensdurst allerdings kann nicht einmal während schärfster Kontaktbeschränkungen versiegen – egal in welcher Lebenslage man sich befindet. Jesus Christus sprichtt: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.“ Die Begegnung mit ihm stillt unseren Lebensdurst: Das ist zwar zunächst einmal nur ein schöner Satz. Aber er ist mit Leben gefüllt. Viele von uns wissen das.
Da bringt eine im stillen Gebet alles vor Gott, was sie bewegt – und erlebt, wie sich in all den Sorgen ein ganz tiefer Friede in ihr ausbreitet. Da gerät einer bei einem Kirchenbesuch fast aus Versehen in einen Gottesdienst hinein, bleibt und fühlt sich von dem Wort der Predigt in einer zu Herzen gehenden Weise angesprochen. Da blickt eine nach einem langen Leben auf ihr Leben zurück und kann – trotz vieler schwerer Erfahrungen – eine ganz große Dankbarkeit empfinden. Da lebt einer ganz bewusst aus dem Glauben und erfährt, wie sich viele Dinge fügen – auch durch Schweres hindurch. Da sitzt eine an einem Sterbebett und erlebt, wie die Hoffnung auf das Leben in einer anderen Welt einem Sterbenden hilft loszulassen. Das sind Dinge, die dem Leben eine Tiefe geben; Erfahrungen, die das Leben reich und erfüllt werden lassen. Da wird dieser Satz „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke,“ zu einer lebendigen Erfahrung. Ein solcher Glaube trägt einen auch durch diese dürren und ja auch gefährlichen Zeiten der Pandemie hindurch. Wer in einer Verbindung mit der Quelle dieses lebendigen Wassers steht, der kann auch in diesen Zeiten innerlich nicht verdursten.
Nun geht das Wort Jesu aber noch weiter: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Es geht also nicht allein darum, dass wir unseren eigenen Lebensdurst stillen. Es geht auch darum, dass dieses Wasser des Lebens von uns her weiterfließt. Wer aus der Quelle im überfließendem Maße geschöpft hat, kann das Wasser des Lebens nicht für sich behalten. In anderen Worten: Unser Glaube will ansteckend wirken; unsere Erfahrungen mit Jesus Christus wollen sich mitteilen.
Es ist ein großes Problem unserer heutigen Zeit, dass dieser Strom des Lebenswassers immer mehr zu versiegen scheint. Eltern lassen ihre Kinder taufen, leben aber dann ihren Glauben nicht mit ihnen. Wenn dann ein zwölfjähriges Mädchen oder ein gleichaltriger Junge zum Konfirmandenunterricht eingeladen wird, dann entscheiden die sich oft gegen ihre Taufe. Denn es ist ja einfacher, sich nicht einmal in der Woche auf den Weg ins Pfarrhaus zu machen – womöglich noch einen Weg dahin zurückzulegen. Es ist einfacher, das zu machen, was die meisten anderen in der Klasse machen. Da versiegen dann die Ströme lebendigen Wassers. Denn die Eltern haben sie nicht fließen lassen.
Umgekehrt kann man erleben, wie es ist, wenn die Eltern ein eigenes Glaubensleben haben. Ich habe eine Konfirmandin, die stellt mir im Unterricht bemerkenswerte Fragen. Da merkt man, dass sie sich mit den Fragen des Glaubens innerlich ganz eingehend auseinandersetzt. Reicht es eigentlich, wenn ich an Gott glaube und auf seine Gnade vertraue oder ist es eine Voraussetzung für eine Beziehung zu Gott, ein christliches Leben führen? Wie kann ich mir Gott vorstellen? Wenn wir Vaterunser beten, ist Gott dann ein Mann? Da geht ein junges Mädchen den Dingen wirklich auf den Grund. Sie tut es, weil offenbar Gottes Geist sie berührt hat. Er konnte es auch deswegen, weil ihre Familie im Glauben verwurzelt ist und den Glauben lebt. Da fließen dann die Ströme lebendigen Wassers von Jesus Christus her zu den Eltern und durch sie hindurch zu den Kindern. So können sie ihren Lebensdurst stillen. So stehen sie in Verbindung zu der Quelle allen Lebens.
In der Vorbereitung auf diese Predigt erzählte eine Kollegin von einem Spiel, das gern auf Gemeindefesten gespielt wird. Vielleicht kennen sie es auch: alle bekommen einen Becher in die Hand. Zwei Gruppen spielen gegeneinander und bilden jeweils eine Becherkette. Eine oder einer schöpft aus einem Gefäß und das Wasser wird von Becher zu Becher weitergegeben und schließlich in ein anderes Gefäß geschüttet. Am Ende hat dann die Gruppe gewonnen, die das meiste Wasser hat fließen lassen. Das ist ein schönes Bild für unser Glaubensleben: Von Jesus Christus schöpfen wir das Wasser des Lebens. Es stillt unseren Durst – in dieser Welt und über diese Welt hinaus. Wir lassen es fließen, indem wir unseren Glauben anderen mitteilen, ihn mit ihnen teilen. So wird der Durst nach dem Leben am Ende bei allen gestillt.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben