Predigt zum Altjahresabend 2023

Predigtarchiv

Predigt zum Altjahresabend 2023

31.12.2023

zu Kohelet 3, 1 - 15, gehalten von Dompfarrer Dr. Gunnar Wiegand

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

heute ist ja ein ganz besonderer Gottesdienst… zu einer besonderen Uhrzeit, nachmittags. Er ist der letzte Gottesdienst in diesem Jahr. Sie sind hier. Ihnen ist dieser Gottesdienst wichtig… Mir ist dieser heutige Gottesdienst – so wie jedes Jahr – auch wichtig, weil er dazu einlädt, das Jahr in der Gemeinde und der Kommune noch einmal Revue passieren zu lassen, aber auch die persönliche Jahresgeschichte noch einmal zu überdenken. Auch wenn Vieles weiterwirken wird, so ist das wie ein Abschluss.

-          Wenn ich an meinen Weg in diesem Jahr mit der Gemeinde am Dom, Ihnen, nachdenke, liegt da natürlich erst einmal meine Bewerbung und mein Ankommen in Freiberg oben auf. Viele herzliche Begegnungen und Begrüßungen, neue Menschen, neue Zusammenhänge. Und dann natürlich die Abschiede aus meiner alten Stelle in Pirna, von meinen Schülerinnen und Schülern, den Kolleginnen und Kollegen in den Schulen und dem Kirchenbezirk, persönliche Abschiede von Freunden, im Hauskreis, aus der Gemeinde: Also Freude und Trauer mischen sich da.

Dann aber sind da die wunderbaren Ereignisse, die ich hier erfahren habe: die Gottesdienste und Gemeindekreise, die Musik… es klingt bei mir z. B. immer noch die Praetorius-Mette vom Freitag vor einer Woche nach. Die Jugendlichen mit ihrem tollen Krippenspiel am dritten Advent. Dann aber auch der Christmarkt mit der Bergparade und Mettenschicht. Die verschiedenen Feste im Jahreskreis, das Fastentuch. In Großschirma ist mir der lebendige Adventskalender oder das Gemeindefest im Sommer vor Augen. Erschüttert hat mich der Tod des Bürgermeisters Volkmar Schreiter und es beunruhigt mich schon sehr, was da kommen könnte.

Was liegt bei Ihnen oben auf, wenn Sie sich an dieses Jahr in der Gemeinde und Kommune Großschirma/Freiberg erinnern?

-          Neben dem Rückblick in unserer Gemeinde kann ich unmöglich auf globale Ereignisse des Jahres verzichten, denn sie drängen sich so penetrant auf, wir können uns dem nicht entziehen: natürlich ist da immer noch dieser unsägliche Krieg in der Ukraine, in den letzten Tagen sogar wieder verschärft mit Drohnenangriffen, dann dieser Krieg in Israel und im Gaza-Streifen, afrikanische Rebellen, die von Russland unterstützt zur Destabilisierung des Kontinents beitragen und jetzt auch noch Kriegsvorbereitungen in Nordkorea… die Folgen bekommen wir jetzt schon zu spüren: Flüchtlinge, hohe Energiepreise, Teuerung, eine schrumpfende Wirtschaft… Es gibt einfach die Menschen, die Frieden nicht ertragen, die Krieg wollen, die provozieren, denen es nur um sich und ihre Macht geht. Es widert mich an, es macht mich ohnmächtig, es macht mir Angst, die Aussichten machen mich traurig… weil ich mich nach Frieden sehne. Und keiner von uns kommt aus all dem heraus… das ist ja die eigentliche Tragik. Wie geht es Ihnen mit diesen täglichen Nachrichten? Ertragen Sie es noch? Oder haben Sie ihren Kopf schon in den Sand gesteckt?

-          Dieses öffentliche Nachdenken ist ja das Eine, das Andere aber doch das Persönliche und eigentlich wichtige: gehen Sie mal in Ihr Inneres, was hat Ihnen dieses zurückliegende Jahr gebracht? Wo mussten Sie etwas zurücklassen? Wo mussten Sie vielleicht jemanden zurücklassen? Wo haben Sie im Stillen geweint? Wo haben Sie sich besonders geärgert? Wo haben Sie sich richtig ausgelassen gefreut? Worüber sind Sie heute dankbar?

Der heutige Predigttext denkt genau über diese Gegensätze von Gutem und Schlechtem nach. Er steht im Buch Kohelet im 3. Kapitel. 

Der Herr segne sein Wort an uns.

Liebe Gemeinde,

dieser biblische Text begeistert mich immer wieder, wenn ich ihn lese. Denn er greift unsere Gefühle auf. Da waren Ohnmacht, Trauer, Wut, Freude über das Vergangene. Kohelet sagt: „ja all das ist da. All das ist manchmal bittere Realität.“ Krass finde ich ja sein Wort über das Töten: sogar töten hat seine Zeit. Dann aber fügt er gedanklich hinzu: „bei diesem Schlimmen, den negativen Gefühlen musst Du nicht stehen bleiben. Es hat seine Zeit. Aber es endet auch. Und dann gibt es auch genau das Gegenteil: heilen hat seine Zeit.“ In anderen Worten so wie das Jahr beginnt und aufhört, haben alle Ereignisse einen Anfang und ein Ende.

Dieser biblische Text begeistert mich immer wieder, wenn ich ihn lese. Er ist eine spannende Herausforderung. Denn er lässt mich über Zeit nachdenken. Ein ganz anderes Zeitverständnis, als wir es heute haben. Die Zeiten, von denen hier die Rede ist, sind verschieden: alles hat seine Zeit. Das ist ganz anders, als wir es heute kennen: heute gibt es eine Zeit, der alles zugeordnet wird. Die heutige Zeit läuft. Sie ist vermeintlich objektiv, eine physikalische Konstante (t), eine Form, die sich aus der Bewegung von Gegenständen im Raum ergibt… wir kennen das von den Uhrzeigern. In anderen Worten: sie ist abstrakt und allgemein gültig. Bei Kohelet haftet sie aber ganz konkret an einem Ereignis, an einer Tätigkeit. Und diese Tätigkeit ist eingebettet in Gottes große Schöpfung. So wie Ereignisse Anfang und Ende haben, so hat auch Gottes Schöpfung einen Anfang und ein Ende. Alles, was sich außerhalb dieser erschaffenen Welt befindet, nennt Kohelet Ewigkeit. Diese Ewigkeit können wir nicht greifen, nicht begreifen. Wir können nur erschließen, dass es sie gibt. Und damit haben wir auch die Einsicht, dass unser Tun endlich ist. Alles was passiert wird relativ… es hängt an Gottes Schöpfung, an Gottes Gabe.

Dieser biblische Text begeistert mich immer wieder, weil er so gute Antworten auf die Spannungen unseres Lebens gibt. Zugegebenermaßen sind diese guten Antworten jedoch aus heutiger Sicht auch eine Herausforderung für unsere häufig stark ausgeprägte ich-Bezogenheit.

Hier Kohelets Gedankengang: Da sind Freude und Trauer, Ohnmacht und Wille zur Tätigkeit, Wut und Heiterkeit so nah beieinander. Wie bringen wir das Ganze zusammen? Und vor allem, wie lassen sich die Lasten des Lebens ertragen? Kohelet liefert eine doppelte Antwort.

1.       Er beginnt immer mit dem Negativen: Schau es an, schau dem Übel in die Augen… und dann zeigt er, dass dem Übel immer auch ein Gutes folgt. Ob das in Ihrem persönlichen Leben tatsächlich immer so schematisch läuft, weiß ich nicht. Aber zumindest schenkt Kohelet den Ausblick auf das Gute, eine Hoffnung, dass das Übel ein Ende hat und von einem guten Gegensatz flankiert ist.

2.       Und dieses Gegensatzpaar (Gut und Böse) ist für Kohelet nun wie ein Spiegel, den uns Gott vorhält. Das Gute und Schöne, aber eben gerade auch die Plagen, der Unfriede, das Böse sind Teil von Gottes Schöpfung: „Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun.“  Und diese Einsicht soll uns helfen, immer wieder an Gott erinnert zu werden. Diese Welt mit Höhen und Tiefen ist aus Gottes Hand. Meine Gefühle – Ohnmacht, meine Angst, meine Wut, meine Freude, meine Trauer, mein Lachen – kommen von Gott. Und gerade, wenn sie mich plagen, sollen sie mich an ihn erinnern: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen.“ Und später: „Das alles tut Gott, dass man sich vor ihm fürchten soll.“

Ich weiß jetzt nicht, ob Ihnen dieser Gedankengang Kohelets weiterhilft… aber ich glaube, selbst wenn Gott auch eine sehr große Rolle in Ihrem Leben spielt, so ist das, was Kohelet sagt, doch immer eine Herausforderung. Vergiss nicht bei aller Ohnmacht, bei allem Leid… Gott ist da. Es hat einen Sinn.

Vielleicht können Sie jetzt nicht so viel mit seiner Antwort anfangen. Aber völlig unerwartet und von tiefster Bodenständigkeit, ploppt da ein Gedanke mittendrin auf, der mich jedes Mal schmunzeln lässt. Ich verstehe ihn wie eine Art Schlussfolgerung aus der Einsicht, dass wir ja eigentlich eh nichts ändern können aus diesem von Gott geschenkten Leben: 

„Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

Fröhlichkeit, Essen und Trinken sowie guten Mut haben. Wie sinnlich ist das denn! Da stecken wir mitten im Krisenmodus (um noch einmal das Wort des Jahres 2023) aufzugreifen und Kohelet gibt uns diese Schlussfolgerung mit auf den Weg. Für mich klingt das wie: „genieße das Leben, so wie es kommt.“ Oder vielleicht im übertragenen Sinn: „halte dich nicht auf beim Negativen, suche das, was Dir gut tut – denn auch das kommt von Gott.“

Damit können wir vielleicht die Kriege und die Bösartigkeit von Menschen nicht stoppen, aber immerhin ist das doch ein Fingerzeig, wie wir unser neues Jahr hier konkret in Großvoigtsberg, Großschirma, Kleinwaltersdorf und in Freiberg am Dom angehen können: viele Begegnungen, Feste feiern, den Kopf gerade nicht in den Sand stecken und guten Mutes das Leben nehmen, wie es kommt.

Jetzt aber kommt erst einmal der Silvesterabend. Und den mögen Sie fröhlich und ausgelassen feiern. Ein segenreiches Jahr 2024!

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben