Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 8. November 2020

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Predigt zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 8. November 2020

08.11.2020

zu 1. Thessalonicher 5, 1 - 6; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
hätte uns im November des letzten Jahres jemand die Lage geschildert, in der wir uns heute befinden, hätten wir es ihm oder ihr geglaubt? Dass eine weltweite Epidemie mit einem neuartigen Coronavirus das öffentliche Leben lahmlegt und unsere Gottesdienste unmöglich macht oder zumindest einschränkt? Dass eine Viruserkrankung die Intensivstationen füllt und leider eine nicht geringe Zahl von Toten fordert? Dass Feiern, Eröffnungen, Jubiläen und vieles mehr nicht möglich sind? Dass Begriffe wie „Lockdown“ und „FFP2- Maske“ in unseren Sprachgebrauch eingehen werden? Vielleicht wird man eines Tages die Geschichte des 21. Jahrhunderts in die Zeit vor und nach Corona einteilen. Vorher hatte niemand damit gerechnet und hinterher war alles anders. „Wenn sie sagen „Frieden und Sicherheit“, überfällt sie schnell das Verderben.“ Dieser Satz des Apostels könnte auch auf die Covid19-Pandemie Anwendung finden.
Wir konnten es uns nicht vorstellen und offenbar hat es auch unter den für unser Gesundheitssystem Verantwortlichen niemand für möglich gehalten. Denn es gab keine Vorbereitungen. Es gab nicht genügend Schutzkleidung, nicht genügend Masken und auch heute ist es noch immer schwierig, solches Material zu beschaffen. Meine Frau, die als Zahnärztin keine 1,5m Abstand zu ihren Patienten halten kann, hat mehrere Anläufe gebraucht, bis sie sich eine ausreichende Zahl von FFP-Schutzmasken bestellen konnte. Wir sind aber auch innerlich nicht vorbereitet gewesen und sind es heute immer noch nicht. Wie viele von uns sind denn wirklich bereit, Abstand zu halten – auch zu Freunden und Verwandten? Wie viele tragen dagegen die Schutzmaske immer noch unter der Nase und ignorieren, dass das vollkommen wirkungslos ist? Wie viele sind also innerlich immer noch nicht darauf eingestellt, dass wir in einer weltweiten Epidemie leben!
Das Coronavirus zeigt uns eines: Auch wenn wir es nicht erwarten und uns nicht darauf vorbereitet haben, passieren schon in dieser Welt Dinge, die das Leben und die Welt von Grund auf verändern. Das mag uns ein Bild sein für das, was Gott an Veränderungen mit unserer Welt vorhat. „Ihr wisst selbst genau“, schreibt der Apostel Paulus, „dass der Tag des Herrn kommt, wie ein Dieb in der Nacht.“ Das ist auch etwas, dass wir uns nur schwer vorstellen können. Wie soll sich unsere Welt von einem Augenblick zum anderen so grundlegend verändern, wie der Apostel es erwartet? Der „Tag des Herrn“ ist ja eine Chiffre, ein Kennwort für eine Verwandlung unserer Welt in die Welt Gottes, für eine Verwandlung unserer Zeit in die Ewigkeit. Die Herrschaft des Bösen und der Vergänglichkeit in dieser Welt wird abgelöst durch die Herrschaft der Liebe und des Lebens in Gottes Welt. Es überfordert uns, uns vorzustellen, wie das geschehen soll. Es fällt schwer, diese Erwartung des Apostels zu teilen. Offenbar ist es auch den Gemeinden des Apostels schwergefallen. Darum mahnt er sie, sich innerlich darauf vorzubereiten. Sie sollen das tun, was wir im Hinblick auf eine Pandemie hätten tun sollen: Vorkehrungen treffen für das, was jederzeit kommen kann – so unvorstellbar es auch sein mag. Denn es kann einfach nicht sein, dass Gott in Christus an das Kreuz gegangen ist und ihn von den Toten auferweckt hat, um dann diese Welt so zu lassen, wie sie ist.
Es ist also nicht schlimm, dass wir es uns nicht vorstellen können, wie der „Tag des Herrn“ kommen wird. Das liegt ohnehin allein in Gottes Hand und er hat Vorstellungen davon, wie es sein wird. Es ist allerdings durchaus unsere Aufgabe, uns innerlich darauf einzustellen; es ist an uns, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Welche das sind, das beschreibt der Apostel unmittelbar im Anschluss an unseren Text: Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, … (sind) angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“ Das also sind die Vorkehrungen, die zu treffen sind: ein Leben im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung.
Da wäre also der Glauben. Wir sind heute ja hier, weil wir uns in unserem Glauben bestärken lassen wollen durch Gottes Wort, weil wir in seinem Namen Gemeinschaft suchen und ihn loben und preisen möchten. Wir sind hier, weil wir auf Jesus Christus vertrauen; weil wir eine Art Liebesbeziehung zu ihm haben und diese pflegen wollen. Das ist es, was uns im Leben einen Halt gibt – egal, was geschehen mag. Insofern sind wir innerlich schon mal vorbereitet auf Unerwartetes, weil es uns nicht in unseren Grundfesten erschüttert. Wir sind ja verankert in Jesus Christus. Wir haben es darum auch nicht nötig, die Epidemie nicht wahrhaben zu wollen wie die Demonstranten in Leipzig gestern. Wir vertrauen auf Gott; er ist unser Halt. Insofern sind wir auch bereit, das Alte loszulassen und uns auf Neues einzustellen. Menschen, die in ihrem Glauben verwurzelt sind, wie Maria Müller es war, sind auch bereit, Abschied zu nehmen von diesem Leben und von dieser Welt. Weil sie darauf vertrauen, in Gottes Hand geborgen zu sein. Damit sind wir in der Lage, uns auf Neues einzustellen. Wir können darum auch mit Hoffnung und Zuversicht einer ganz neuen Zeit entgegensehen, die Gott uns schenken wird in seiner so ganz anderen Welt.
Dann schreibt der Apostel von der Liebe. Liebe heißt in diesem Zusammenhang, nicht an sich selbst, sondern an die anderen zu denken; fürsorglich zu sein; die eigenen Interessen zurückzustellen; auf andere zu achten. Wer aus dem Glauben heraus Nächstenliebe praktiziert, der macht das Gegenteil von dem, was die Demonstranten gestern in Leipzig getan haben. Die wollten ihre vermeintlich eigenen Interessen durchsetzen. Die haben dabei das Risiko in Kauf genommen, die Epidemie weiter zu verbreiten, denn sie standen eng zusammen und haben natürlich keine Masken getragen. (Dass so etwas genehmigt worden ist, ist nicht nur mir unbegreiflich.)
Die Liebe im Sinne der Nächstenliebe zu leben, ist die wichtigste Vorbereitung auf die neue Welt Gottes. Denn in Gottes Ewigkeit regiert die Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Nur, was wir an Liebe in dieser Welt gelebt haben, kann in jene andere Welt hinübergenommen werden. Mir wird das im Rückblick auf das Leben Verstorbener in den Trauergesprächen und bei den Vorbereitungen meiner Traueransprachen immer sehr deutlich. Wirklich wichtig an einem Leben sind nicht die beruflichen Erfolge, sind nicht die gebauten Häuser, sind nicht die schönen Urlaube. Wirklich wichtig an einem Leben ist die Liebe, die man verschenkt hat. Eine Frau wie Maria Müller hat in den Augen mancher ein unscheinbares Leben geführt. Dabei hat ihre Liebe, ihre Güte das Leben so vieler Menschen bereichert – und damit ist auch ihr eigenes Leben so erfüllt gewesen. Insofern ist es kein Wunder, dass der Apostel an anderer Stelle schreibt, die Liebe allein sei es, die Bestand habe. Nur auf das, was wir in dieser Welt an Liebe verschenkt haben, wird es in Gottes neuer Welt ankommen.
Schließlich ist dann noch die Hoffnung. Ohne Hoffnung kann man schon in dieser Welt nicht leben. Wenn wir nicht die Hoffnung hätten, dass sich die Epidemie im kommenden Jahr durch einen Impfstoff zumindest eingrenzen lässt, wie schwer wäre es, in die vor uns liegenden Monate zu gehen? Für uns Christen gehen unsere Hoffnungen aber sehr viel weiter – bis über die Grenzen dieser Zeit hinaus. Als Christen hoffen wir, dass die Auferstehung Jesu von den Toten der Beginn einer neuen Welt war. Als Christen hoffen wir auf einen neuen Himmel über einer neuen Erde; auf eine Welt voller Liebe und Frieden; auf eine Welt, in der alle Tränen abgewischt sind. Als Christen vertrauen wir darauf, dass Gott uns und unserer ganzen Welt eine ewige Zukunft schenkt, selbst wenn wir diese Zukunft nur erahnen können. Mit dieser Hoffnung im Herzen sind wir vorbereitet auf den Tag, an dem diese Zukunft durch die Begegnung mit Jesus Christus zu unserer Gegenwart wird. Mit dieser Hoffnung im Herzen ahnen wir zumindest: Dieser Tag kann ganz plötzlich kommen – wie ein Dieb in der Nacht oder wie das Coronavirus Anfang des Jahres.
Um vorbereitet zu sein auf den Zusammenbruch des öffentlichen Lebens horten manche in diesen Tagen Toilettenpapier, Hefe und Nudeln. Um wirklich vorbereitet zu sein auf das Kommende haben wir drei andere Dinge im Vorrat: unseren Glauben, die Liebe zu unseren Nächsten und die Hoffnung, dass Gott einmal alles gut machen wird in seiner neuen Welt.
Amen.

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