Predigt zum Ewigkeitssonntag, 21. November 2021

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Predigt zum Ewigkeitssonntag, 21. November 2021

21.11.2021

zu 5. Mose 34, 1 - 8; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
es ist sein Lebenswerk. 40 Jahre lang hat er darauf hingearbeitet. 40 Jahre lang hat er viele Opfer dafür gebracht. Er hat sich Sorgen gemacht, kleine Triumphe gefeiert. Es gab einen großen Erfolg, aber auch viele kleine Misserfolge. Aber letztlich ist es fast geschafft. Fast. Aber er weiß: Er selbst wird das Ziel nicht mehr erreichen. Andere werden den Weg gehen, den er gebahnt hat. Er selbst hat in dieser Welt nicht mehr genügend Zeit.
Mose steht hier für viele Menschen am Ende ihres Lebens. Manche spüren, dass ihre Zeit zu Ende geht. Wer einen Sterbenden intensiv begleitet, weiß: Sterbende wissen genau, wie es um sie steht. Sie wissen, sie werden das nächste Weihnachtsfest nicht mehr erleben. Das Land der Zukunft werden sie nicht mehr betreten können.
Was mag das für ein Gefühl sein, wenn man sein Ende nahen fühlt? Ich bin natürlich in der Situation noch nicht gewesen, aber es gibt im Leben ja auch Abschiede anderer Art. Als wir nach fast 18 Jahren aus meiner ersten Gemeinde fortgingen, war das ein einschneidender Abschnitt. Dort war eines meiner Kinder geboren und beide aufgewachsen. Wir hatten uns dort verwurzelt. Nicht zuletzt verband sich mit jeder Ecke rund um Pfarrhaus und Kirche eine Erinnerung. Als ich wusste, dass meine Zeit dort ihr Ende finden würde, kam es mir so vor, als stünde ich auf einem Fließband. Ich wusste, an seinem Ende würde das Fließband mich in eine unbekannte Zukunft katapultieren. Ich wusste zugleich, ich würde es nicht aufhalten können. Das war kein schönes Gefühl. Vielleicht geht es Sterbenden so, die ahnen, dass ihre Tage in dieser Welt gezählt sind.
Das 5. Buch Mose erzählt uns nicht, wie Mose damit umgeht, dass Gott zu ihm sagt: „Du hast das gelobte Land nun mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen.“ In unserem Leben aber ist es in einer solche Situation sicherlich hilfreich, wenn der Weg bis an die Schwelle der Zeit ein guter war. Es ist immer leichter Abschied von einem Leben zu nehmen, wenn die Zeit gefüllt war, wenn man mit Dankbarkeit zurückschauen kann, wenn es Liebe gab in einem Leben – und wenn der Abschied nicht zur Unzeit kommt.
Für Mose war die Zeit seines Lebens gefüllt – und das in einem sehr hohen Maße. Er hatte es mit Gottes Hilfe erreicht, dass der Pharao von Ägypten die Israeliten gehen ließ. Er hatte mit Gottes Hilfe sein Volk durch das Schilfmeer geführt. Er hatte sie 40 Jahre lang durch die Wüste geführt und sie durch Irrungen und Wirrungen hindurch bis an die Grenze des Gelobten Landes gebracht. Die Zeit seines Lebens war gefüllt und erfüllt.
Wenn es so ist, lässt es sich leichter Abschied nehmen. Auch für Angehörige. Ich hatte in der vergangenen Woche ein Trauergespräch. Die hochbetagte Mutter war gestorben. Als ich die Tochter fragte, wie es ihr gehe, antwortete sie: „Wir sind sehr dankbar und ganz in Frieden.“ Ihre Mutter war eine liebevolle Mutter, Großmutter und Urgroßmutter gewesen. Sie hatte eine glückliche Ehe geführt, wenn sie auch schon lange verwitwet war. Sie durfte in Frieden sterben. So lässt es sich Abschied nehmen.
Schwer wird es, wenn das Leben nicht gelebt worden ist oder nicht genug Zeit da war, um es zu leben. Noch heute muss ich immer wieder an eine Trauerfeier für einen an Leukämie verstorbenen 18-Jährigen denken. Da war zu wenig Zeit für ein Leben; er hätte es eigentlich noch vor sich haben sollen. Er sah seine Zukunft als erwachsener Mensch vor sich und wusste zugleich: Er würde sie nicht erleben dürfen. Das bedrückt mich noch heute.
Schwer ist es auch, wenn ein Leben seinen Zweck im Grunde verfehlt hat. Wenn Menschen einsam und allein sterben, weil es niemanden gibt, der sich ihnen verbunden weiß. Viele Menschen opfern so vieles für ihre Karriere und erleben dann im Alter, dass der Erfolg im Beruf nicht trägt. Vielleicht haben sie den Kontakt zu ihrer Familie, ihren Freunden verloren, weil sie nie Zeit hatten. Vielleicht haben sie aus Rücksicht auf die nächste Sprosse auf der Karriereleiter nie Familie oder Freunde gehabt. Der Beruf ließ nie Zeit dafür. Dann müssen sie feststellen, dass das, was wirklich wichtig gewesen wäre, an ihnen vorbeigegangen ist.
Damit meine ich im Übrigen nicht, dass nur Familie etwas ist, was zählt im Leben. Manche haben keine Familie und dennoch ein erfülltes Leben, weil sie ihre Zeit anderen widmen. Sie engagieren sich in der Kirchgemeinde, machen mit Flüchtlingskindern Hausaufgaben, unterstützen Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. Auch das – und das vielleicht besonders – macht ein erfülltes Leben aus. Von einem solchen Leben jedenfalls lässt es sich leichter Abschied nehmen – auch als Angehöriger – als von einem Leben, dem so vieles gefehlt hat.
Vielleicht wäre es gut, wir würden uns gedanklich immer mal in die Lage des Mose versetzen. Auch vor uns wird eines Tages die Zukunft liegen, aber wir werden sie nicht mehr erleben. Noch aber haben wir Zukunft vor uns. Was machen wir daraus? Leben wir so, als sei die Zeit vor uns geschenkte Zeit? Leben wir unser Leben bewusst? Achten wir auf das Wichtige oder leben wir einfach so dahin? Sich diese Frage zu stellen, wird uns eines Tages helfen, wenn wir gesagt bekommen: „Du sollst nicht hinübergehen!“
Die Geschichte von Mose endet mit dem Weinen und Klagen über Mose. Das ist ein Abschiedsritual. Abschied nehmen tut weh. Der Schmerz will ertragen werden. Das geht nicht ohne Weinen und Klagen. Wer das von sich schiebt, nimmt Schaden an seiner Seele. „Augen zu und durch“ ist die falsche Strategie im Umgang mit der Trauer. Umgekehrt ist es auch wichtig, sich in der Trauer nicht zu verlieren. Dreißig Tage lang beweinen die Israeliten ihren bisherigen Anführer. Dann aber ist die Zeit vollendet, wie es heißt. Sie haben Abschied genommen. Nun kann das Leben weitergehen und nun muss es weitergehen. Es bleibt die dankbare Erinnerung an Mose und alles, was sein Leben ausgemacht hat.
Wovon wir nicht hören, ist eine Hoffnung für Mose über den Tod hinaus. Von Auferstehung und ewigem Leben wissen weite Teile des Alten Testaments nichts. Diese Hoffnung war noch ziemlich neu in Israel, als Jesus wirkte. Es gibt eine kleine Erzählung in den Evangelien. Da kommen Sadduzäer zu Jesus und versuchen mit einer konstruierten Geschichte die Hoffnung auf Auferstehung lächerlich zu machen. Diese Gruppierung im damaligen Judentum hielt an der alten Auffassung fest, dass es kein Leben nach dem Tode gibt. Jesus aber widerspricht diesen Männern. Gott sei doch ein Gott der Lebenden, sagt er. Er erinnert daran, dass Gott sich im brennenden Dornbusch auf dem Sinai dem Mose als der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ vorgestellt hat. Daraus schlussfolgert Jesus, dass die Väter leben. Jesus war überzeugt davon, dass es eine Zukunft gibt über den Abschied aus diesem Leben hinaus. Die Hoffnung auf ein Leben in Gottes Himmelreich war in ihm so lebendig, dass die Jünger am Ostermorgen deuten konnten, was sie erlebten. Jesus war von den Toten auferstanden.
Die Zeit in dieser Welt ist darum zwar begrenzt. Die, um die wir heute trauern, konnten das „Land“, was wir als Gegenwart erleben, schon nicht mehr betreten. Die Zukunft im Rahmen dieser irdischen Zeit ist ein „Land“, das auch wir irgendwann einmal nicht mehr betreten können. Aber es gibt eine Hoffnung auf eine Zukunft ganz anderer Art. Es gibt eine Hoffnung auf eine neue Zeit. Christus hat sie gepredigt. Es gibt ein Land einer unendlichen Zukunft, das Jesus das Himmelreich Gottes genannt hat. Mit seiner Auferstehung ist er uns in dieses Land schon vorangegangen.
In diesem Land dürfen wir unsere verstorbenen Lieben geborgen wissen. In dieses Land werden auch wir von dem auferstandenen Jesus Christus geleitet werden an dem Tag, an dem es in dieser Welt keine Zukunft mehr für uns selbst geben kann. In diesem Land wird sich ein verfehltes Leben erfüllen, weil Gottes Liebe ihm den Reichtum schenkt, den es in dieser Welt nicht hatte. In diesem Land wird ein zu kurzes Leben seine Zeit finden, denn in Gottes Ewigkeit gibt es unendlich viel Zeit. In diesem Land wird sich ein erfülltes Leben vollenden, denn alle Erfüllung in dieser Zeit ist nur ein Vorgeschmack auf das, was in Gottes Himmelreich auf uns wartet.
Diese Hoffnung mag unser Herz leicht machen, wenn wir heute unserer Verstorbenen gedenken. Sie sind uns vorangegangen in dieses Land, das Jesus das „Himmelreich“ genannt hat. Sie bleiben mit uns verbunden durch Jesus Christus.
Amen.

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