Predigt zum Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt, 14. Mai 2026

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Predigt zum Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt, 14. Mai 2026

15.05.2026

über Johannes 17,20-26 (Lut17); gehalten in der Kirche zu Rothenfurth von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Verlesung des Predigttextes Johannes 17,20-26 (Lut17)

Liebe Gemeinde,

heute ist Christi Himmelfahrt… wir erinnern daran, dass Jesus 40 Tage nach Ostern in den Himmel aufgefahren ist… dafür kommen wir heute in Rothenfurt zusammen… für die, von außerhalb ist das wie so eine Bewegung an einen anderen Ort… auf’s Land… hier auf diese Anhöhe mit der kleinen wunderbaren Kirche…

Dieser Redeausschnitt Jesu an seine Jünger überrascht und freut mich gleichermaßen.

Sie überrascht mich, weil Jesus hier zu Gottvater betet… eine Art Abschiedsgebet, bevor Jesus seinen Weg ans Kreuz geht… und dadurch eine Art Vermächtnis, wie sich Jesus von seinen Anhängern das Zusammenleben vorstellt, wenn er nicht mehr leiblich unter ihnen ist. Über das Gebet erfahren wir also, was er sich für seine Jünger und die Christen wünscht: Einigkeit in der Liebe und um der Liebe willen… es überrascht mich, weil ich mir denke: Jesus könnte das doch auch einfach als Gebot, als Befehl in den Raum stellen… aber nein, er bittet Gott darum… ganz dezent, abhängig und zurückhaltend… damit zeigt er: Einigkeit geht, wenn man sich gegenseitig respektiert, ja dezent bittet… Liebe passiert im gegenseitigen Einvernehmen und nur, wenn sich alle darauf einlassen… Einigkeit ist nicht zu verordnen…. Einigkeit ist nicht das Ergebnis eines autoritären, gleichgeschalteten „von oben nach unten“…. Einigkeit muss immer wieder erbeten, eingefordert, ja sogar miteinander ausgehandelt werden…

Und das ist es, was mich freut… weil Einigkeit für Jesus nur auf diese Weise ein Zeugnis der Liebe sein kann… und damit nicht Gewalt… Propaganda… Gleichschaltung… Hassvideos… Hassposts… Hate Speech… Manipulation…

Ich erinnere mich da an die wunderbaren Momente in der Familie… z.B. bei einem runden Geburtstag… da sind alle lieben Menschen zusammen… Familienangehörige… Freunde… kommen von weit her, um eine gute Zeit miteinander zu verbringen… in geselliger Runde… ich sehe vor mir eine leckere Torte… ich rieche den duftenden Kaffee auf einer mit Blumen geschmückten Tafel… Einigkeit… und Differenzen bleiben einfach mal außen vor…

Ich erinnere mich an meine Zeit als Eishockeyspieler… überhaupt nicht die beste Mannschaft in der Liga… das Eis unter den Kufen… der Schweiß an allen Gliedmaßen… die Muskeln angespannt… die Zuschauer an der Bande… der Trainer mit Argusaugen und Zurufen an der Spielerbank… klar im Rückstand… und auf einmal wendet sich das Spiel… aus Einzelkämpfern wird ein echtes Team, eine Einheit… das Spiel wendet sich… und am Ende Ausgleich… schließlich Sieg.

In die Freude mischt sich aber auch das Gefühl der Trauer… denn die Einigkeit ist eben kein Selbstläufer… wir machen ja auch die gegenteiligen Erfahrungen… es gibt die Differenzen, Streitigkeiten oder Zerwürfnisse in Familien… Eishockey- oder Fußballteams sind zerstritten….

Und in der Kirche ist es doch auch nicht anders… da sind die Momente der Einigkeit… vielleicht bei einer guten KV-Abstimmung oder bei einer gelungenen ökumenischen Veranstaltungen…

Wie spüre ich z.B. noch immer das Band der geschwisterlichen Verbundenheit als ich zu Gast in einem Benediktiner-Kloser war… noch heute habe ich die Gesänge vor Ohren, in die ich früh um 5:00 beim Morgengebet zusammen mit den Mönchen angestimmt habe… noch immer höre ich die Löffel in den Terrinen und Suppenteller scharren, die das schweigende Mittagessen im Refektorium geprägt haben… und am Ende der Abschied mit herzlichen Umarmungen… mein Eintrag ins Gästebuch mit einem Zitat aus dem heutigen Predigttext „Ut unum sint“ – die Enzyklika Papst Johannes Pauls II. vom Himmelfahrtsfest 1995… es ist ein grundlegendes ökumenische Lehrschreiben der katholischen Kirche: ein Aufruf zur Einheit, zur Überwindung historischer Spaltungen und zur gemeinsamen Suche nach Wegen, wie Christen glaubwürdig zusammen Zeugnis geben können.

Oder meine herzlichen Begegnungen, unsere leidenschaftlichen Diskussionen an der Waldenserfakultät in Rom… im Hintergrund brodelte die Macchinetta, um uns mit frischem Espresso zu stärken und auf dem Sofa ging es um die Fragen der Leuenberger Konkordie… was hat sie uns gebracht… was hat sie an Abendmahlsverständnis verwischt… waren die Lutheraner oder die Reformierten als durchsetzungsstärker? … oder ist es eine unierte Mischform… und dann immer wieder die heftigen Einwände eines zur Baptistischen Kirche konvertierten Orthodoxen Priesters… ganz unterschiedliche Leute, ganz unterschiedliche Konfessionen…

Auf der anderen Seite auch die Diskussionen über politische Fragen, die unsere Gesellschaft oft unversöhnlich und bis in die Substanz der Demokratie hinein spalten… wo bleibt das aufeinander hören, die Toleranz? Oder bei den Strukturveränderungen hier in unserer Kirche… wofür engagieren wir uns? … wofür wird Geld ausgegeben?... wie leben wir die Einheit in unserer Kirchgemeinde am Dom – bei all den Spannungen, die sich zwischen Stadt und Land eben so auftun?... oder wie steht es denn mit dem Bekenntnis zu den Schriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche oder dem Bekenntnis zu Nizäa 1700 danach? … oder wie gehen wir mit den drängenden Fragen unserer Zeit in der Kirche um…. Abkehr von fossilen Rohstoffen hin zu Nachhaltigkeit… bekennen wir uns zu Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung auch mit konkreten Maßnahmen, oder lassen wir es als Papier in der Schublade verschwinden? Gehen wir wirklich immer in Liebe miteinander um… oder sind es nicht manchmal eher negative Emotionen, wie Neid, Wut oder Provokation, die das Handeln leiten?   

Ich will noch einmal zum Evangelium zurückkehren… ich glaube, wenn die Einigkeit unter den Christinnen und Christen ein Selbstläufer wäre, hätte Christus uns diese immer wieder zu erneuernde Suche nach der Einheit nicht ins Gedächtnis geschrieben… in anderen Worten: Gelungene Einheit können wir nicht erzwingen.., sie ist ein Geschenk oder eine Gnade… aber Jesus wünscht sich diese Einheit… sie ist nicht mit Gleichmacherei zu verwechseln… aber die Suche nach der Einheit braucht die Anstrengung eines jeden… und die Bitte im Gebet, dass sie immer wieder geschenkt wird… über das Handeln in Liebe…

Im Glaubensbekenntnis setzt diese Einheit in Christus den Heiligen Geist voraus, den wir ja in der nächsten Woche an Pfingsten in besonderer Weise verehren… Dieses Wort von Jesus steht heute am Himmelfahrtstag im Zentrum… ein Vermächtnis von Jesus… es verweist auf das, was die Kirche tragen soll: die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist… Jesus Christus als die Mitte… immer wieder die Einigkeit suchen, am Ende dieses Geschenk annehmen und in die Gesellschaft weitertragen… hat Christi Wort der Einheit die Kraft auch unsere Gesellschaft zusammenzubringen?

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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