Predigt zum Karfreitag, 2. April 2021

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Predigt zum Karfreitag, 2. April 2021

02.04.2021

zu Psalm 22, 2 - 20; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
eine Bekannte von mir kämpft seit vielen Monaten mit einer schweren Krankheit. Beruflich hat sie ihrerseits mit kranken Menschen in einem Krankenhaus zu tun. Sie findet sich zurzeit also in der Rolle derer wieder, mit denen sie sonst zu tun hat und deren Weg zur Genesung sie sonst begleitet. „Dann wirst Du ja, wenn Du wieder so weit gesund bist, Deine Patienten viel besser verstehen“, sagte ich zu ihr bei unserem letzten Telefonat. „Ja“, sagte sie, „ich weiß jetzt viel besser, wie hilflos man als Patient ist, und wie viel Kraft es kostet, im Krankenhaus manches zu erkämpfen.“
Nahe bei kranken Menschen kann man sicherlich auch sein, wenn man nicht selbst krank ist. Aber manche Dinge versteht man erst dann wirklich, wenn man sie selbst schon einmal erlebt hat. Als ich im Vikariat war, machte ich mal einen Besuch nach einer Taufe. Der Vater sagte einen Satz zu mir, der mir immer wieder in den Sinn gekommen ist: „Man ist ein Sklave seiner Kinder.“ Er meinte das nicht böse. Er wollte nur zum Ausdruck bringen, wie sehr sich das Leben mit kleinen Kindern um diese dreht und drehen muss. Erst als wir selbst kleine Kinder hatten, verstand ich wirklich, was er meinte.
Das ist vermutlich auch das Geheimnis der sog. Selbsthilfegruppen. Da finden sich ja in der Regel Menschen zusammen, die ein Problem oder ein Schicksalsschlag verbindet. Hier in Freiberg gibt es ja beispielsweise die Selbsthilfegruppe trauernder Eltern. In dieser Gruppe sind Eltern zusammen, die ein kleines oder auch erwachsenes Kind verloren haben. Sie vereint, dass sie das Bedürfnis haben, über sich, ihre Gefühle, ihre Trauer zu sprechen. Sie vereint vor allem, dass sie in derselben Lage sind. Sie wissen: Die anderen verstehen mich. Die haben dasselbe durchgemacht oder machen es gerade durch. Ihnen kann ich mich anvertrauen. Sie sind mir innerlich nahe, auch wenn sie Fremde sind. Sie werden nicht zu mir sagen: „Kopf hoch; das wird schon wieder; reiß Dich einfach mal ein wenig zusammen.“
Am Karfreitag stehen wir unter dem Kreuz Jesu. Wir schauen herauf zu dem Kreuz. Gerade hier im Dom können wir das ja ganz buchstäblich, weil im Bogen zur Grablege die romanische Kreuzigungsgruppe hängt. Eigentlich hätten wir in diesem Jahr Worte des Propheten Jesaja bedenken sollen. Er spricht von einem Knecht Gottes, der „um unserer Sünde willen zerschlagen“ ist. Das ist ja ein Geheimnis des Kreuzes, dass unsere Schuld uns nicht mehr von Gott trennen kann, weil Jesus sie auf sich genommen hat. Man kann das Kreuz aber auch aus einer ganz anderen Perspektive ansehen. Diese finden wir, wenn wir den Psalm 22 bedenken, den Jesus am Kreuz gebetet hat. Wir haben eingangs gebetet und jetzt noch einmal gehört. Im Markusevangelium und im Matthäusevangelium lesen wir, dass Jesus mit den Anfangsworten des Psalms auf den Lippen gestorben ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“
Das Geheimnis unseres Glaubens ist, dass der unsichtbare Gott in unsere Welt kommt. Zu Weihnachten haben wir uns darüber gefreut, wenn auch am Heiligen Abend deutlich verhaltener als sonst. Gott wird in dem Menschen Jesus einer wie wir. Er teilt unser Leben. Jesus war ein Kind, wie wir alle am Anfang unseres Lebens ein Kind sind. Jesus wuchs auf, wurde erwachsen und fand seinen Weg ins Leben – wie wir auch. Der Weg, den er gegangen ist, war etwas anders, als seine Eltern es von ihm erwartet hätten. Aber es war ein Leben, wie manche es lebten. Johannes der Täufer predigte in ähnlicher Weise von dem nahen Himmelreich; auch er hatte Anhänger, die bei ihm waren; er lebte sogar in einer größeren Armut als Jesus. Denn der war auch immer mal bei Leuten eingeladen und feierte mit ihnen. In dem Menschen aus Nazareth mit Namen Jesus hat Gott unser menschliches Schicksal geteilt. Er musste Anfeindungen erleben. Das Schicksal der Kranken, die ihm begegneten, hat sein Herz angerührt. Jesus hat unser Leben in allen Facetten mit uns geteilt. Das ging so weit, dass er auf dem Weg ans Kreuz die Schmerzen und Qualen nicht mehr aushalten konnte und unter der Last des Querbalkens zusammenbrach. Die Nägel, mit denen man ihn ans Kreuz nagelte, müssen ihm furchtbare Schmerzen zugefügt haben. Die Atemnot, die er da am Kreuz hängend erlebt hat, war nicht viel anders, als das was beatmete Patienten auf der Intensivstation erleben. In dem Menschen Jesus war Gott ganz bei uns – selbst in unseren Schmerzen und in dem, was Sterbende erleben und erleiden.
Viel schlimmer als alles aber mag die bohrende Frage gewesen sein, warum Gott ihn nicht rettete. Jesus hat ja in der Gewissheit gelebt, von Gott gesandt zu sein, um die Menschen mit dem Himmelreich Gottes bekannt zu machen und in das Himmelreich einzuladen. Am Kreuz hat er sich offenbar gefragt, ob er sich geirrt hatte. Vielleicht war sogar das schmerzliche Gefühl in ihm, von Gott fallen gelassen worden zu sein. „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne“ betet der Psalmist nach den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Jesus hat sich dieselben Fragen gestellt, die vielleicht auch uns bewegen. Wenn uns Schicksalsschläge treffen, ist das immer eine Frage: Warum? Warum hat Gott das zugelassen? Warum ich? Warum ist ausgerechnet mein Kind gestorben und die Kinder anderer Eltern leben? Warum haben sich meine Großeltern mit Corona infiziert und sind gestorben? Warum? Gott! In dem Menschen Jesus war Gott bei uns – sogar in unserem Gefühl der Gottesferne und in unserem Fragen nach Gott.
Das, liebe Gemeinde, ist meine Antwort, wenn Menschen mir solche Fragen stellen. Es ist mein eigener Trost, wenn ich selbst nicht weiterweiß: Gott war in Christus und nahm bis hin zur letzten Konsequenz – bis zu unseren Zweifeln an Gott und unserer Klage Gott gegenüber – an unserem Leben teil. Er hat sich nicht nur hineingefühlt in das menschliche Leben, er hat es durchlebt und durchlitten.
Christus dürfen wir darum nahe bei uns wissen, wenn wir selbst nicht weiterwissen, wenn wir leiden, Schmerzen haben, keine Luft bekommen oder gar im Sterben liegen. Er ist da, er hält unsere Hand und lässt sie nicht los. Er stützt uns und stärkt uns, weil er selbst weiß, was es bedeutet zu leiden und zu sterben. Es ist Christus, der Gekreuzigte, der uns nahe ist. Nur der Gekreuzigte kann uns nahe sein.
Wir leben in einer Zeit, in der wir alle leiden – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Manche erkranken und sterben. Manche kümmern sich aufopferungsvoll um die Kranken und Sterbenden und wissen nicht, wie sie das noch länger durchstehen sollen. Manche sind gesund, aber dennoch völlig verzweifelt: Was wird aus ihrem Geschäft, ihrer Gaststätte, ihrem Unternehmen im Kulturbereich, ihrem Arbeitsplatz, wenn die Kurzarbeit vorbei ist? Wir alle leiden unter der Isolation von unseren Freunden und Verwandten. Wir vermissen das unbeschwerte Leben. Wir sind es leid, all die Vorsichtsmaßnahmen treffen zu müssen – machen es aber hoffentlich trotzdem. Wir vermissen auch die Gemeinschaft in unserer Kirchgemeinde. Abendmahl nur unter Vorsichtsmaßnahmen, keine Gruppen und Kreise außerhalb des Internets, all diese Dinge. Viele von uns fühlen sich belastet – und das zu Recht. Psychologen und Psychiater haben viel zu tun in diesen Monaten.
Vielleicht werden wir am Ende der Pandemie erkennen, dass wir gar keinen anderen Weg gehen konnten. Jesus konnte ja auch nur den Weg ans Kreuz gehen. Vielleicht hat Christus uns zur Umkehr gerufen, weil unsere Erde unseren bisherigen Lebensstil nicht mehr aushalten kann? Wie auch immer es ist, wir folgen einem guten Hirten, wenn wir Christus nachfolgen. Einem Hirten, der am Kreuz sein Leben für uns gelassen hat.
Dieser Hirte lässt uns nicht allein! Der Gekreuzigte ist an unserer Seite. Christus weiß, wie wir uns fühlen und wie es sich anfühlt, was wir durchmachen. Die Kraft, die wir finden, immer wieder weiter zu machen, schenkt er uns. Dass wir nicht völlig verzweifeln angesichts der Schreckensnachrichten, sondern immer noch die Hoffnung behalten, ist eine Frucht unseres Vertrauens auf seine Nähe. Christus ist nahe bei uns, vielleicht näher, als wir selbst uns sind in dieser Zeit. Er begleitet uns auf diesem Weg, den wir nicht gehen wollen. Er ist bei uns – heute, morgen und alle Zeit.
Amen.

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