Predigt zum MDR-Fernsehgottesdienst am Sonntag Kantate, 10. Mai 2020

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Predigt zum MDR-Fernsehgottesdienst am Sonntag Kantate, 10. Mai 2020

11.05.2020

gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
heute zum Kantatesonntag will ich mit Ihnen einen kleinen Gang machen durch dieses Lied, aus dem wir eben gesungen haben. Den Text hat bekanntlich Paul Gerhardt – im Jahr 1666 – gedichtet.
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“: Wir alle kennen diese Strophe. Es ist Morgen. Die Sonne ist aufgegangen; das Licht des Tages hat uns auf seinem Weg um die Erde nun wieder erreicht; es wird hell nach der Dunkelheit der Nacht.
Die Fröhlichkeit, von der Paul Gerhardt hier schreibt, hat aber nicht nur etwas mit der Morgensonne zu tun. Natürlich sind wir alle fröhlicher gestimmt, wenn die Sonne scheint. Des Dichters Freude ist aber vor allem eine Glaubensfreude.
„Mein Haupt und Glieder“, so dichtet Paul Gerhardt, „sie lagen darnieder“. Die Nacht und den Schlaf haben die Menschen in früheren Zeiten wie ein Vorzeichen des Todes angesehen. Dann aber ist jeder Morgen eine kleine Auferstehung und ein großer Anlass sich zu freuen: „… aber nun steh ich, bin munter und fröhlich“. – Noch größer wird des Dichters Freude, weil er hinauf zum Himmel schaut. Er blickt am Morgen dorthin, wo man noch zu Paul Gerhardts Zeit die Wohnung Gottes vermutete. Er richtet die Augen zum Himmel; er richtet sein Herz auf Gott aus: Im Glauben an Jesus Christus Kraft und Hoffnung für den Tag zu schöpfen, sich nach der Ruhe der Nacht wieder bewusst Gott zuzuwenden, das gibt dem Tag einen guten Anfang.
„Mein Auge schauet, was Gott gebauet“. Wie mit den Augen eines Kindes betrachtet der Dichter staunend die Welt. Gottes Schöpfung, so anders sie auch sein kann, lässt uns immer wieder die wunderbare Macht des Schöpfers und seine Güte erblicken. Staunend wendet sich sein Blick ebenso von der Erde weg hinauf zum Himmel. Der Dichter sieht in ihm mehr als das blaue Himmelszelt, das die Erde überspannt. Der Himmel ist für ihn der Ort des ewigen Friedens. „Wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie in Frieden von hinnen geschieden“. Dieser Bogen ist so charakteristisch für diesen Zeugen des Glaubens. Paul Gerhardt kann die Schöpfung wunderbar besingen und Gott für seine Werke loben, aber zugleich kann er an den Tod denken, an die Erlösung, die Christus uns schenkt, und an die Ewigkeit.
Für uns geht das oft schwer zusammen. Wir singen lieber die fröhlichen Strophen seiner Lieder und lassen die anderen, oft sehr tiefgründigen weg. Paul Gerhardt konnte die Schönheiten der Schöpfung Gottes besingen, ohne die Traurigkeiten des Lebens zu verdrängen. Beides kannte er zur Genüge. Er war Pfarrer in den Schreckenszeiten des Dreißigjährigen Krieges; er verlor alle seine Kinder bis auf eines; er musste um seines Bekenntnisses willen außer Landes gehen. Was ihm aber Kraft gab, Gott in allem zu loben, war nicht allein sein Blick für die Schönheiten der Schöpfung. Vor allem schöpfte er Kraft aus der Hoffnung, dass diese Welt mit ihren Freuden wie ihren Beschwernissen nur etwas Vorläufiges ist. Er war gewiss: Auf uns wartet die himmlische Welt Gottes. In der 12. Strophe vergleicht er diese mit einem wunderbaren Garten.
Zur Fröhlichkeit des Wiedererwachens am Morgen gehört darum beides in den Augen des Dichters: die Dankbarkeit für die wunderbaren Werke Gottes, die das Auge sieht, ebenso wie die staunende Dankbarkeit für die wunderbaren Taten Gottes, die vor allem dem glaubenden Herzen zugänglich sind: dass Leid und Tod nicht für immer das Leben bestimmen werden; dass zu Ostern mit Christus das Leben gesiegt hat, das mit ihm eine unbeschreibliche und himmlische Freude auf uns wartet. Die Vorfreunde darauf prägt dieses Lied. Und so kann Paul Gerhardt dann gleich in der nächsten Strophe dazu aufrufen, zum Lobe Gottes zu singen, mit fröhlichen Liedern Gott ein Dankopfer zu bringen.
Wir erleben in dieser Pandemie zum ersten Mal seit vielen Jahren ein hohes Maß an Unsicherheit. Was wird werden? Wie soll es weitergehen? Gastwirte haben Ende April leere Stühle auf den Freiberger Obermarkt gestellt, um Ihre Sorge um die eigene Existenz deutlich zu machen. Wie wird es auch für uns alle ganz persönlich weitergehen? Behalten wir unseren Arbeitsplatz, unsere Existenz? Bleiben wir gesund? Wir haben es uns angewöhnt, uns das zu wünschen. Wird sich dieser Wunsch erfüllen?
Es ist nicht so, dass Paul Gerhardt diese Sorgen nicht gekannt hätte. Im Dreißigjährigen Krieg konnte jeder Tag der letzte sein. Dennoch kann er solch unglaublich glaubensstarke Worte in seiner 4. Strophe zu Papier bringen: „Abend und Morgen sind seine Sorgen, segnen und mehren, Unglück verwehren, sind seine Werke und Taten allein“. Er nimmt damit Worte Jesu auf. Jesus hat ja seine Jünger ermutigt, nicht zu sorgen und auf Gottes Fürsorge zu vertrauen. „Seht die Vögel unter dem Himmel…“ Sie kennen das. Eine solche Haltung einnehmen zu können, ist in einer Krise wie dieser etwas ganz Wunderbares. Gesegnet ist, wer von uns gelassen sein Leben in Gottes Hand legen kann. Gerade jetzt. Es geht dabei nicht um eine naive Haltung, die manche Christen heute an den Tag legen. Nach dem Motto: Wenn ich auf Gott vertraue, kann mir Corona nichts anhaben. Paul Gerhardt hat ein viel tieferes Verständnis vom Segen Gottes. Es ist ein Segen Gottes, wenn wir die Dinge haben, die wir zum Leben brauchen. Für ihn ist es nicht weniger ein Zeichen der Barmherzigkeit, wenn wir von Unglück verschont bleiben. Das liegt für ihn sogar ganz und gar in Gottes Hand. Aber er sieht es auch als einen Segen Gottes an, gehalten und getragen zu werden in schweren Zeiten. Gottes Barmherzigkeit erweist sich auch, wenn wir eine Hoffnung haben auch in den Nöten oder gar in den tragischen Momenten des Lebens. Zu wissen: Gott ist bei mir, das lässt ihn, das lässt uns mit Zuversicht auch durch diese unsichere Zeit gehen.
Was Paul Gerhardt vor allem aber Kraft gibt, ist die Gewissheit, dass all die Traurigkeiten dieser Welt nur etwas Vorläufiges sind. Kriege, Epidemien, andere Krisen, Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung – all diese Dinge sind bedrückend. Wir dürfen sie nicht verdrängen oder verleugnen. Sie fordern uns im Gegenteil zum Handeln heraus. Aber all das geht letztlich vorüber. „Kreuz und Elende“, schreibt Paul Gerhardt, „das nimmt ein Ende“. Von Ostern her ist uns die Hoffnung ins Herz gelegt worden, dass das Leben noch eine ganz andere Dimension hat. Eine andere, die himmlische Welt wartet auf uns. Der Dichter malt uns ein Bild eines Gartens vor Augen. Gerade jetzt im Mai können wir durch blühende Parks und Gärten gehen und uns daran erfreuen. Ein unvergleichlich größeres, unbeschreibliches Glücksgefühl werden wir empfinden in so etwas wie einem himmlischen Garten. „Freude und Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten.“ An dieser Hoffnung lässt er uns teilhaben. Sie sprengt, was das Herz eng macht. Sie macht unser Herz weit. Mit einer großen Gelassenheit gehen wir durch diese Zeit. Wir vertrauen auf Jesus Christus. Er ist mit uns auf dem Weg. Wenn auch der Boden unter unseren Füßen brüchig geworden ist, wir haben einen tragenden Grund in unserem Glauben an ihn. Wenn es auch in dieser Krise unsicher ist, wie es weitergehen wird, unser Ziel ist der von Paul Gerhardt besungene wunderbare Garten in der Ewigkeit Christi. Mit diesem Ziel vor Augen gehen wir getrost unseren Weg, tun wir, was wir können, – und loben wir Gott mit unserem Beten und unserem Singen.
Amen.

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