Predigt zum Ostersonntag, 4. April 2021

Predigtarchiv

Predigt zum Ostersonntag, 4. April 2021

04.04.2021

zu 2. Mose 14, 8 - 21; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Kirche Kleinwaltersdorf

Liebe Gemeinde,
das war´s, dachte Simeon. Aus der Traum von einer Zukunft in Freiheit. Nun haben sie uns. Es war eine verzweifelte Situation. Vor ihnen war dieses Meer, eigentlich eher ein Meeresarm, ein flaches Gewässer, aber doch unüberwindbar mit den Kindern und den Alten. Hinter ihnen konnte man das ägyptische Militär schon deutlich erkennen.
Das war´s, dachte Jakobus. Aus der Traum von einer Zukunft in Freiheit. Nun bleibt alles, wie es ist. Die Römer halten ihre Gewaltherrschaft aufrecht. Die Priester beanspruchen die richtige Auslegung des Gesetzes. Alle Träume von einer Welt voller Gerechtigkeit und Liebe, einer Welt unter der Herrschaft Gottes, bleiben Träume. Mit Jesus sind sie gestorben.
Wenn er ganz tief in sich hineinhörte, spürte Simeon einen Funken der Hoffnung in sich. Würde Gott nicht doch noch eine Wendung herbeiführen? Es konnte doch nicht sein, dass er dem Mose befohlen hatte, sie aus der Gefangenschaft in Ägypten zu befreien, und sie nun hier im Stich ließ. Es musste doch einen Ausweg geben! Die Väter hatten immer von der Treue Gottes gesprochen. Sollte er ausgerechnet jetzt nicht mehr zu ihnen stehen und sie den Ägyptern überlassen? Was würden die mit den Frauen und allen anderen machen!
Jakobus konnte es noch immer nicht fassen. Dass in Jesus der Geist Gottes wohnte, hatten sie doch alle in seiner Gegenwart gespürt und erlebt. Jakobus konnte es nicht verstehen. Sollte Gott tatsächlich den, der so viel mehr war als ein Prophet, im Stich lassen – und sie und alle anderen dazu? Hatte Jesus nicht angedeutet, dass er bei ihnen bleiben würde? Sollten das alles leere Versprechungen bleiben?
Da kam plötzlich ein Wind auf. Erst war er kaum zu spüren, dann wurde er immer stärker. Simeon hüllte sich enger in seinen Mantel und nickte seinen Leuten zu, dass sie zusammenblieben. Bei einem solchen Unwetter durfte man sich nicht verlieren. Simeon traute seinen Augen kaum. Ging das Wasser tatsächlich weg? Ja, an manchen Stellen konnte man schon den Boden des Gewässers erkennen. Sein größter Sohn schaute ihn an; er war nahe an das Wasser herangegangen. Simeon nickte ihn zu. Es war einen Versuch wert, ob der Boden sie tragen würde oder ob es zu schlammig war. Aber es ging. Ruben konnte ein paar Schritte in Richtung auf das andere, das rettende Ufer gehen. „Lauf zu Mose“, wies Simeon ihn an. „Berichte ihm, dass wir es wagen können. Es ist unsere einzige Chance den Ägyptern zu entkommen.“ Simeon sah zum Himmel. Tränen stiegen in ihm auf. Die Väter hatten Recht: Gott ist treu; er lässt die Seinen nicht im Stich; mitten in Todeserfahrungen lässt er das Leben siegen.
Jakobus zuckte zusammen. Plötzlich ging die Tür auf. Maria Magdalena stand in der Tür. Sie war völlig außer Atem. Tränen liefen über ihr Gesicht. Aber strahlten ihre Augen und sie lächelte. „Ich habe den Herrn gesehen! Er lebt. Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Wir haben uns nicht getäuscht. Jesus ist der, für den wir ihn gehalten haben. Es ist nicht zu Ende. Der Tod hat nicht gesiegt. Im Gegenteil. Mit Jesus hat das Leben den Sieg davongetragen. Nun fängt alles an, wovon er gepredigt hat.“

Liebe Gemeinde,
die Erfahrung der Errettung der Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten durch Gott prägt den Glauben Israels bis heute zutiefst. Bei jedem Passahfest feiern Juden auf der ganzen Welt, dass Gott sie in die Freiheit geführt hat. In jeder jüdischen Familie wird bis heute daran erinnert, wenn sie zusammensitzt und das Passahmahl miteinander teilt. Juden feiern das Passah, als wären sie selbst dabeigewesen. Sie vergewissern sich immer wieder neu: Dass Gott sein Volk gerettet hat, ist kein Ereignis der Vergangen­heit. Dieses Geschehen umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Volkes Gottes. Gott schenkt Freiheit; Gott schenkt Leben: Das war nicht nur; das ist und das wird sein.
Die Erfahrung der Errettung Jesu vom Tode und der Überwindung des Todes durch Jesus prägt in gleicher Weise den Glauben der Kirche bis heute zutiefst. Eigentlich ist es bedauerlich, dass wir uns nicht in gleicher Weise wie Juden zu Hause in unseren Familien an das erinnern, was die Jünger und vor allem die Frauen am Grab damals erlebt haben. In den Kirchen allerdings tun wir es, wenn wir miteinander im Gottesdienst das Abendmahl feiern. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, was am Gründonnerstag geschehen ist. Denn im Abendmahl setzen wir uns mit den Jüngern zu Jesus an einen Tisch. Wenn wir das Brot empfangen, bekommen wir Anteil an dem lebendigen Jesus. Das hat er seinen Jüngern und uns damals zugesagt. Darum werden wir morgen das Evangelium von den beiden Jüngern hören, die am Ostersonntag dem auferstandenen Jesus begegneten. Sie erkannten ihn erst nicht. Aber als er mit ihnen das Brot brach, wussten sie ihn lebendig bei sich. Wenn wir das Brot miteinander teilen, wird dieses Geschehen zu unserer Gegenwart. Jesu Auferstehung umfasst Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gott schenkt Freiheit von allem, was das Leben zerstören will – durch Jesu Hingabe am Kreuz. Gott schenkt Leben: Der Tod ist auch für uns überwunden – durch die Auferstehung Jesu von den Toten.
Gottes rettet und schenkt Leben – und das schon mitten in dieser Welt und diesem Leben: Die Israeliten machten diese Erfahrung am Schilfmeer. Der Sturm kam gerade zur richtigen Zeit und er blies aus der richtigen Richtung. Die Israeliten wurden von dem freigelegten Grund dieses flachen Meeres getragen. Es gelang ihnen, das rettende andere Ufer zu erreichen. Als die Ägypter dagegen versuchten, ihnen zu folgen, blieben sie mit ihren schweren Kampfwagen stecken. Die Pferde schafften es nicht, die festgefahrenen Räder aus dem Schlick zu ziehen. Als der Wind nachließ, kam auch das Wasser zurück. Alle Pferde und alle Wagenlenker und Soldaten ertranken. Schlechtes Wetter hat schon manche Katastrophe verursacht, könnte man meinen. Das ist nichts Besonderes. Aus der Perspektive der Israeliten dagegen war es das rettende Wunder Gottes. Von Generation zu Generation erzählten sie es einander weiter, was Gott Wunderbares mit ihnen gemacht hatte.
Gott rettet und schenkt Leben – und das über dieses Leben und diese Welt hinaus: Die Frauen und die Jünger machten diese Erfahrung am Ostermorgen. Nun war ihre Erfahrung eine ganz andere als die der Israeliten 1500 Jahr zuvor. Dass ein flaches Meer von einem Sturm trockengelegt wird, kann sich jeder vorstellen, der schon einmal an der norddeutschen Festlandsküste bei Ebbe über den Meeresboden gewandert ist. Dass ein Mensch aber von den Toten aufersteht, übersteigt jedes Vorstellungsver­mögen. Sollte Gott aber an das gebunden sein, was wir uns vor­stellen können? Es gibt seit der Aufklärung Versuche, die Bot­schaft der Auferstehung umzudeuten. Auferstehung bedeute, dass die Botschaft Jesu in den Herzen der Christen weiterlebe, ist dann eine mögliche Deutung. Aber wird das den Erfahrungen gerecht, die die Frauen und die anderen Jünger in der Tiefe ihres Herzens gemacht haben? Ist es das, was die Jünger Jesu und die Frauen aus ihrer Trauer und Verzweiflung befreit und sie mit Hoffnung erfüllt hat? Nein! Ihre Erfahrung war eindeutig: Gott kann den Todesmächten Einhalt gebieten und er tut es. Gott setzt sich gegen alles Zerstörerische zur Wehr. Er schafft Leben aus dem Nichts heraus. Er hat Jesus ein neues und unvergängliches Leben geschenkt. Die Erscheinungen des Auferstandenen haben das Leben der Osterzeugen erschüttert und von Grund auf verändert. Darum gingen sie hinaus und erzählten davon. Gott hatte Jesus hineingerufen in ein wunderbares, neues und in der Tat unvorstellbares Leben in seiner ewigen Welt. Das sollten alle wissen.
So hören auch wir heute wieder die Botschaft von Ostern: Gott ermöglicht Leben in dieser Welt und über diese Welt hinaus. Gott errettet aus der Todesgefahr und von dem Tod. Das war nicht nur, sondern das ist und das wird sein – und wir sind dabei. Wir stimmen ein in den Osterjubel der ersten Christen: Der Herr ist auferstanden; er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben