Predigt zum Pfingstmontag, 24. Mai 2021

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Predigt zum Pfingstmontag, 24. Mai 2021

24.05.2021

zu 1. Korinther 12, 4 - 11; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer in der Petrikirche

Liebe Gemeinde,
„der Ökumenische Arbeitskreis ist ein Gremium, in dem man nur zusammenarbeiten kann, wenn man seine theologischen Ansichten sehr zurücknimmt.“ Das sagte mir Alt-Superintendent Christoph Noth, als ich vor gut sechs Jahren hierher kam. Er beschrieb damit zwei Dinge: Zum einen sind in der Freiberger Ökumene Kirchen und Gemeinden miteinander im Gespräch, die wirklich sehr unterschiedlich in ihrer Frömmigkeit, Theologie und ihrer Gemeindepraxis sind. Das andere aber ist: Dennoch versuchen die Mitgliedsgemeinden des Ökumenischen Arbeitskreises trotz aller Unterschiede zueinander zu kommen, gemeinsame Projekte wie diesen Gottesdienst auf die Beine zu stellen und den gemeinsamen Herrn Jesus Christus miteinander zu bezeugen.
Dass Christen sehr unterschiedlich glauben und ihren Glauben leben, gab es schon in den Anfängen der Christenheit. In der christlichen Gemeinde in Korinth gab es Christen, denen war die Erkenntnis des Glaubens sehr wichtig. Sie sahen sich durch ihre Erkenntnis schon zusagen im Himmel. – Dann gab es Christen, die setzten auf die Glaubenserfahrung im Heiligen Geist. Das Sprachengebet, die Zungenrede war ihnen wichtig. Vielleicht waren auch sie es, die sich Heilungen und Wunder auf ihre Fahne schrieben. – Es gab aber auch die, bei denen die prophetische Rede im Vordergrund stand. Damit ist nicht in erster Linie ein Ausblick auf die Zukunft gemeint, sondern eine Ansage, was Gott in der jeweiligen Zeit von seiner Gemeinde erwartet. Unter ihnen gab es auch solche, die die eigentliche Prophetie von dem unterscheiden konnten, was manche nur als Prophetie ausgaben.
Offenbar war es unter den Christen in Korinth so, dass sie sich in einem Streit darüber befanden, welche Gabe des Glaubens die eigentliche und wichtige sei. Denn mit den Zeilen, die wir eben als Predigttext gehört haben, versucht der Apostel Paulus, die korinthischen Christen zur Einheit der Gemeinde zurück zu rufen. Interessant ist, dass er zunächst einmal daran erinnert, dass alle Christen zu einer Einheit verbunden sind durch den einen Gott, den einen Herrn Jesus Christus und den einen Heiligen Geist. Wenn es dann aber um die Einzelheiten geht, dann argumentiert er nicht mehr mit Gott oder Jesus Christus, sondern ganz pfingstlich mit dem Heiligen Geist.
Zunächst einmal sieht er die Gaben, die die jeweiligen Christenmenschen wichtig finden, nicht als Eigenschaften an, die Menschen eben haben oder nicht. So würden wir heute ja denken: Wir wissen, wie sehr jemand durch seine Erbanlagen und seine Herkunft geprägt ist und wie sehr das den Charakter auch in Glaubensfragen prägt. Paulus aber sieht diese Gaben als Wirkungen des Heiligen Geistes an. Sicherlich nimmt Gott durch seinen Geist das in Anspruch, was schon in uns angelegt ist. Aber was sich daraus dann in Glaubensdingen entwickelt, das schenkt allein sein Geist. Er rührt uns an; er begleitet und formt uns in unserem Denken und Fühlen und Handeln. Wir leben unseren Glauben im Wirkungsbereich des Heiligen Geistes. Darum ist es ein Geschenk des Geistes, wenn jemand in der Lage ist, den Glauben gedanklich zu durchdringen und das zu formulieren. Es ist eine Gabe des Heiligen Geistes, wenn jemand intensive Erfahrungen mit dem Glauben macht und andere daran teilhaben lassen kann. Es ist eine Gabe des schöpferischen Geistes, wenn jemand Menschen an Leib und Seele gesunden lassen kann; es ist schließlich eine Gabe des Tröstergeistes, wenn jemand ein offenes Herz hat für Menschen in schwierigen Situationen.
Wenn es aber eine Gabe des einen guten und heiligen Geistes Gottes ist, wie wir jeweils unseren Glauben leben, dann ist es ziemlich sinnlos, die Unterschiede zu betonen. Der Apostel Paulus betont darum die Gemeinsamkeit im Heiligen Geist. Unsere unterschiedlichen Prägungen im Glauben sind Wirkungen des einen Heiligen Geistes. Die Unterschiede der Gaben, die Unterschiede der Weisen, seinen Glauben zu leben, trennen uns darum nicht; ganz im Gegenteil: Sie verbinden uns.
Das ist zunächst einmal eine schöne Theorie des Apostels. Aber es ist zugleich vielmehr als nur eine Theorie. Wenn ich auf die sechs Jahre zurückschaue, in denen ich nun Pfarrer am Dom bin, dann habe ich einerseits viel von diesen unterschiedlichen und zugleich die Gemeinde Jesu bereichernden Gaben erfahren und andererseits habe ich auch die einheitsstiftende Kraft des Heiligen Geistes spüren dürfen.
Ich denke da beispielsweise an den 80. Jahrestag der Pogromnacht des 9. November 2018. Wir hatten im Dom zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Zu meinem damals nicht geringen Erstaunen hat Pastor Lang ganz engagiert mitgearbeitet. Aber das war natürlich meine Unbedarftheit. Denn gerade die Adventisten leben ja viel stärker im Alten Testament als die anderen Konfessionen und sind darum auch unseren jüdischen Geschwistern im Glauben an den einen Gott innerlich sehr nahe.
Ich denke auch an Pastor Krahl von der Pfingstgemeinde. Das klassische Vorurteil lautet ja, dass die Freikirchen sich nur um ihr innerliches Glaubensleben kümmern und die Verantwortung für die Welt anderen überlassen. Wie sich Joachim Krahl im Auftrag des Arbeitskreises seit 2015 für die Flüchtlinge engagiert hat, das spricht eine ganz andere Sprache. Da hat ganz offenbar der Geist der Liebe Gottes einen Menschen bewegt, die Grenzen der Sprache, Kultur und auch der Religion zu überwinden und in allen Flüchtlingen Menschen zu sehen, die Hilfe brauchen.
Die einheitsstiftende Kraft des Heiligen Geistes ist für mich auch in einer beeindruckenden Weise erfahrbar geworden. Noch 2017 war es ein Problem für die lutherischen Gemeinden Freibergs, einen gemeinsamen Gottesdienst im Dom am Reformationstag zu feiern. Es wurde dann auf dem Umweg über die Ökumene möglich, weil am Sonntag vorher hier in dieser Kirche der Gottesdienst zur Erinnerung an die durch die Reformation hervorgerufenen Spaltungen gefeiert wurde. Das kommt einem heute wie ein Märchen aus lang vergangener Zeit vor. Inzwischen haben die lutherischen Gemeinden den Kirchgemeindebund gegründet, arbeiten in ihm vertrauensvoll zusammen und haben viel von den Eifersüchteleien vergangener Jahre hinter sich gelassen. Das Zusammengehen war von einer erstaunlich konstruktiven Arbeit in der Vorbereitungsrunde geprägt, von einem Geist des Vertrauens und der gegenseitigen Wertschätzung. Eines war uns dabei ganz wichtig: Es soll jede Gemeinde ihre Eigenheiten und Profile im jeweiligen Ort leben und das entscheiden und tun, was dort wichtig ist. Aber was wir gemeinsam besser können, soll auch gemeinsam gestaltet werden. Das ist im Grunde das Prinzip einer Einheit in Vielfalt, einer Einheit, die der Geist schenkt, gerade indem er Gemeinden und Einzelnen eine Vielfalt der Gaben und Profile schenkt. Dieses Prinzip der Einheit in Vielfalt leben in ähnlicher Weise auch die Gemeinden des Ökumenischen Arbeitskreises.
Diese Gabe der Einheit ist aber auch eine Aufgabe. Wir leben heute ja in einer Gesellschaft, die auseinanderzufallen droht. Die im Vergleich zu einem Krieg oder einer globalen Naturkatastrophe kleine Krise der CoViD19- Epidemie hat uns gespalten. Auf der einen Seite stehen vielleicht auch heute Abend wieder die, die das Virus nicht wahrhaben wollen. Sie flüchten sich in Verschwörungstheorien, vermutlich weil ihnen das Virus zu viel Angst macht. Auf der anderen Seite stehen die, die die Einschränkungen für unbedingt notwendig halten, um Leben zu schützen. Diese Spaltungen werden auch nach der Krise bestehen bleiben, muss man fürchten. Es gibt Stimmen, die sagen, dass allein die Kirchen die Kraft haben könnten, das Auseinanderfallen der Gesellschaft zu bremsen und Brücken zu bauen. Ich persönlich bin mir da nicht sicher. Dazu werden wir vermutlich schon zu wenig gehört. Aber wir könnten schon einen Beitrag leisten: Indem wir der Welt zeigen, dass Unterschiede nicht zu Zerwürfnissen führen müssen. Indem wir der Welt vorleben, dass man sich gegenseitig respektieren und wertschätzen kann, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Indem wir durch unser Vorbild bezeugen, dass Unterschiede nicht trennen müssen, sondern eine Bereicherung sein können.
Möge der Geist Gottes, der alle Grenzen überwindet, uns dazu die Kraft geben.
Amen.

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