Predigt zum Pfingstsonntag, 23. Mai 2021

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Predigt zum Pfingstsonntag, 23. Mai 2021

23.05.2021

zu 1. Mose 11, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
Stein auf Stein setzten sie. Massiv sollte das Bauwerk werden und sehr hoch. Sie waren ein starkes und funktionierendes Gemeinwesen. Der Turm sollte ein Symbol für ihre Macht und Stärke und zugleich für die Einigkeit und Einheit werden. Stein auf Stein setzten die Arbeiter. Der Bau wäre nicht möglich gewesen ohne die neue Technologie, die erfunden worden war. Sie ging auf einen Zufallsfund zurück. In der Wüste am Rande von Euphrat und Tigris waren Quellen einer schwarzbraunen halbwegs flüssigen Masse entdeckt worden. Wenn man sie erhitzte, wurde sie flüssig und ließ sich gut verarbeiten. Erkaltet klebten die Steine zusammen und hatten Halt. Nur so war es möglich, derartig in die Höhe zu bauen. Die Bauherren blickten voller Stolz und Freude auf das wachsende Bauwerk: Was für ein Denkmal ihrer Größe!
Ganz anders fühlten sich die Frauen und Männer, die der engere Kreis eines galiläischen Wanderpredigers gewesen waren. Wie klein sie sich vorkamen! Sie kamen einfach nicht zurecht mit dem, was sie erlebt hatten. Sie schwankten zwischen Trauer und Freude, zwischen Bangen und Hoffen. Da war in ihnen immer noch die Trauer um Jesus. Der irdische Jesus war gekreuzigt; der auferstandene Jesus nicht mehr zu sehen, als wären seine Erscheinungen eine Illusion gewesen. Hatten sie sich womöglich doch getäuscht? Auch trauten sie sich nach wie vor nicht so richtig aus ihrer Deckung. Immer noch war es gefährlich, sich zu dem Gekreuzigten zu bekennen. Nach wie vor stand allen vor Augen, dass dieser Jesus von Nazareth als Aufrührer und Gotteslästerer gekreuzigt worden war. Es musste erst einmal Gras über die Sache wachsen. So trafen sie sich nur heimlich in den Häusern und sagten niemandem etwas, von dem, was sie an unglaublichen Dingen erlebt hatten. Wer würde ihnen auch glauben, wenn sie erzählten, dass Jesus lebendig und in Gottes himmlische Welt zurückgekehrt war? Schließlich waren sie einfache Leute, keine großen Redner und kamen noch dazu aus der Provinz.
Zurück im Zweistromland nehmen wir die Szene aus einer etwas größeren Entfernung war. Da ist diese Baustelle des Turms in der Stadt Babylon. Menschen wollen ihre Größe, ihr Können, ihre Macht demonstrieren. Dann lässt die Urgeschichte Gott ins Spiel kommen. Die Erzählung spottet ein wenig über die Babylonier. So gewaltig der Turm auch ist, Gott muss erst einmal herabkommen, um ihn sich ansehen zu können. Er erkennt, dass hier nichts Gutes herauskommen wird. Wenn menschliches Können sich mit Überheblichkeit und Grenzenlosigkeit paart, dann muss das in die Katastrophe einmünden. Wenn Menschen versuchen, sich mit Gott auf eine Stufe zu stellen, kann das nicht gut gehen. Darum greift Gott ein. Gottes Geist stiftet Verwirrung unter den Menschen. Sie verstehen sich nicht mehr. Nur das kann sie bremsen. Die Urgeschichte des Alten Testaments versucht damit zugleich eine Erklärung zu geben für die so unterschiedlichen Sprachen, mit denen Menschen sich verständigen. Hier auf der Baustelle in Babylon funktioniert die Verständigung nicht mehr. So kann der Turm nicht mehr weitergebaut werden; eine Bauruine bleibt stehen. Sie ist ein Denkmal. Aber nicht ein Denkmal menschlicher Größe, sondern menschlicher Überheblichkeit. Sie zeigt, wohin es führt, wenn Menschen meinen, alles zu können und alles tun zu dürfen, was sie können. Sie zeigt zugleich, dass Gott uns Menschen nicht sich selbst überlässt. Manchmal tut es weh, wenn Gott uns vor uns selbst beschützt. Sein schöpferischer Geist hat die Menschen aufgehalten, bevor ihr Tun sie in den Abgrund führte.
Auch die Pfingstgeschichte berichtet von einem Eingreifen Gottes, indem er durch seinen Heiligen Geist auf die Menschen einwirkt. Diese Menschen leiden allerdings nicht an Größenwahn und Überheblichkeit. Im Gegenteil: Sie haben etwas von der unermesslichen Größe und Macht Gottes erfahren, als sie dem lebendigen Jesus begegneten. Sie kämen niemals auf die Idee, Gott gleich sein zu wollen. Dennoch muss Gott eingreifen, weil sie sich selbst zu klein machen. Darum ergreift Gottes guter Geist zunächst sie. Alle Angst und aller Kleinmut fallen von ihnen ab. Sie wagen es hinauszugehen, aus ihrer Deckung herauszukommen. Sie wagen es, endlich das zu sagen, was sie in ihrem Innersten und zutiefst bewegt. Sie können plötzlich gar nicht mehr anders als von ihren Erfahrungen mit dem lebendigen Jesus zu erzählen. Gottes Geist macht es, dass ihre Begeisterung ansteckt. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, die in Jerusalem zum Wochenfest zusammengekommen sind, können die Jüngerinnen und Jünger Jesu verstehen. Das Wunder daran ist weniger, dass sie deren aramäische Sprache mit dem galiläischen Dialekt verstehen. Das eigentliche Wunder besteht darin, dass sie von der Verkündigung des auferstandenen Jesus in ihrem Herzen berührt werden. Es ergreift sie geradezu. Sie wollen unbedingt zu diesem Jesus, dem Christus, gehören. So lassen sich so viele Menschen taufen. Gottes Heiliger Geist hat sie im Glauben zu einer Gemeinde verbunden.
Liebe Gemeinde, so erzählen uns die alttestamentliche Geschichte vom Turmbau in Babel und die neutestamentliche Pfingstgeschichte beide auf völlig unterschiedliche Weise etwas vom Eingreifen Gottes und vom Wirken des Heiligen Geistes. Im einen Fall bewirkt der Heilige Geist zu deren eigenem Schutz eine Kommunikationsstörung. Sie trennt die Menschen. Gottes Geist stellt den Menschen sozusagen ein Stopp-Schild vor die Nase: Bis hierher und nicht weiter. Es ist allerdings nur ein Stopp-Schild, keine Mauer und kein Zaun. Der Drang der Menschen, Größe und Macht zu demonstrieren und sich dazu den technischen Fortschritt zunutze zu machen, ist ungebrochen. Heute hat es die Menschheit sogar geschafft, die Verwirrung der Sprachen zu überwinden. Kommunikation und Austausch laufen weltweit über das Internet und die modernen Verkehrsmittel in einem früher nicht vorstellbaren Maß. Zudem ist die englische Sprache fast weltweit zur Verständigungsbasis der Menschen geworden. In gewisser Weise ist das Internet so etwas wie der Turm, den Menschen gebaut haben, um sich „einen Namen zu machen“ und die Welt zu einem globalen Dorf zu machen. So können die Menschen nicht mehr „zerstreut werden über die ganze Erde“. Aber die Folgen dieses Tuns sind fast schon absehbar. Die Menschheit sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt. Sie macht den Versuch, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, ohne die sie nicht leben kann. Die brennenden Regenwälder in Brasilien sind ein unübersehbares Symbol dafür. Müsste Gott nicht wieder einmal ein Stopp-Schild setzen? Ich will auch an dieser Stelle wieder die Frage in den Raum stellen, ob er es nicht gerade tut. Es ist keine Mauer und kein Zaun, den er vor uns aufbaut. Wir können nach dem Abebben der Inzidenzzahlen und wenn die meisten zweimal geimpft sind, einfach versuchen zu vergessen, wer zu den Osterspaziergängern gehört hat und wer nicht, die Gräber notdürftig zuschütten und wieder zur sogenannten Normalität zurückkehren. Aber tun wir gut daran??
Wenn aber die uralte Geschichte von dem Turmbau so brandaktuell ist, kann es die Gegengeschichte ja nicht weniger sein. Die Turmbaugeschichte erzählt von einer gestörten Kommunikation. In der Pfingstgeschichte bewirkt Gottes Geist das genaue Gegenteil. Menschen unterschiedlicher Kultur und Sprache finden im Glauben an Jesus Christus zu einer Einheit zusammen. Der Glaube wirkt ansteckend. Er breitet sich aus.
Wir sind ja als Christen in Deutschland in einer ganz ähnlichen Lage wie die Freundinnen, die Jünger Jesu damals. Wir haben uns zurückgezogen in die Kirchenmauern. Wir trauen uns kaum, etwas von dem zu erzählen, was wir mit Jesus erlebt haben. Ein „Pfingstwunder 2.0“ täte uns gut: Gottes Geist in uns, der Glaube brennend in unseren Herzen, Menschen, die hinausgehen und das Evangeliums in einer Weise kommunizieren, die alles andere als gestört ist, sondern die Menschen berührt und bewegt. Das gibt es unter uns, aber nur in Einzelfällen. Es sind Einzelne, die ihren Glauben so weitergeben; es sind Einzelne, die von der Botschaft so berührt werden. Aber es gibt sie.
In der Pfingstgeschichte zitiert Petrus den Propheten Joel. Wenn der Geist ausgegossen wird, werden die Jungen Visionen und die Alten Träume haben. Vielleicht geht es ja auch umgekehrt. Wenn wir Alten es uns erträumen und die Jungen Visionen haben, wird Gottes Geist uns dann so bewegen, dass das Wirken des Heiligen Geistes unübersehbar wird? Ich will diesen Traum gern mit Ihnen träumen.
Amen.

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