Predigt zum Sakramentsgottesdienst mit Taufe und Abendmahl am 18. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 2026

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Predigt zum Sakramentsgottesdienst mit Taufe und Abendmahl am 18. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 2026

04.10.2026

über 5. Mose 30,11-14 (Lut17); gehalten im Freiberger Dom St. Marien von Dr. Gunnar Wiegand, Pfarrer des Freiberger Doms

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und Herrn Jesus Christus. Amen. Stille…

Liebe Gemeinde,

kennen Sie dieses Gefühl: Sie schauen in den weiten blauen Himmel – vielleicht eines so wunderbaren Herbststages wie diese Woche… da fliegt ein Flugzeug. Sie fragen sich: „Wo mag dieser Flieger hingehen?“ Die Fantasie setzt ein:

- Irgendwo ans Mittelmeer

- Nach Fernost

- In eine faszinierende Stadt… nach Paris oder Madrid, Lissabon oder Stockholm… die Menschen dort, die Atmosphäre, das Rauschen des Meers, die Stimmen und Rufe der anderen Sprache, das fremde Läuten der Glocken im Abendsonnenschein.

Fernweh, Sehnsucht nach diesem Ort, Sehnsucht, im Flieger zu sitzen und die Wolken unter sich zu sehen… die Erde ganz klein… und gleichzeitig der Schmerz darüber, dass ich das gar nicht haben oder fassen kann… denn ich stehe hier, fest auf der Erde, fest im Hier und Jetzt… den Flug muss ich mir aufheben für den Urlaub…

Ich stelle mir Mose vor… auch er blickt nahe des Berges Nebo, östlich des Jordans in den Himmel… natürlich sieht er keine Flugzeuge… aber auch ihn überkommt das Gefühl der Erhabenheit über die Größe des Himmels, der riesigen Distanzen… er erinnert sich an einen Blick über das weite Meer… die Schiffe, die dort am Horizont in unbekannte Gegenden aufbrechen… Fernweh und große Sehnsucht… vielleicht nach dem Land in dem Milch und Honig fließen… und dann auf einmal der Blick in die Realität… auf sich selbst… auf sein Leben… er wird dieses Gelobte Land nicht mehr erreichen konnen…

Er ist altersschwach… ist gebeugt von den Auseinandersetzungen mit seinem Volk Israel, seinem Bruder Aaron… gebeugt von den Kämpfen mit fremden Mächten, dem Pharao, den Ägyptern, den Amalekitern, die Könige Sihon von Heschbon oder Og von Baschan…

Ja das Hier und Jetzt ist doch oft so beschwerlich, so gegensätzlich zu den Traumbildern beim Blick in den Himmel… im Hier und Jetzt bin ich krank oder muss trauern, bin wütend über meine Ohnmacht… geknebelt von den Zwängen meiner Existenz… kein Fliegen über den Wolken… kein Traumurlaub… oder keine Traumstadt.

Ich stelle mir vor, wie Mose innerlich ringt: Wie kann der Traum der Ferne, das Fernweh ins hier und jetzt kommen? Wie kann ich all das Elend meiner Existenz besser machen?... Er erinnert sich an das Wertvollste das er mitgebracht hat… die Steintafeln mit den Geboten… im erschütternden Moment der Gottesbegegnung bekommen… gut verwahrt in der Lade des Bundes… noch einmal ins Bewusstsein rücken… diese Gebote… nicht als Drohung… nicht als ferne Sehnsucht oder ein unerreichbares Ziel… nein, ganz nah am Herzen… fast wie ein Kuscheltier, das ich umarme…  Und so spricht Mose zu seinem Volk (Dtn 30):

Verlesung des Predigttextes 5. Mose 30,11-14 (Lut17)

Liebe Gemeinde,

ich frage mich: funktioniert dieser Perspektivwechsel überhaupt?…. Kann die Sehnsucht nach der Ferne… der sehnsüchtige Blick über’s Meer an den Horizont oder in die Weite des Himmels diese Nähe, überhaupt erzeugen?

Hand auf’s Herz: Wie ist es denn bei Ihnen bestellt mit den Geboten im Alltag? Meistens denken wir doch gar nicht darüber nach… oder bei den Geboten schalten wir auf Durchzug… zu weit von den Alltagsproblemen weg… lästige Relikte einer vergangenen Zeit… sie werfen nur unnötige Fragen auf: was hat das mit meinem Alltag zu tun? Ich habe mich doch mit den Geboten arrangiert und führe dennoch ein gutes Leben… oder theologisch gefragt… was brauche ich die denn, wenn der Glaube ohnehin ausreichend ist?

Ich denke, es wäre verkehrt, all diese offenen Fragen und das Unbehagen beiseitezuräumen… viel lieber möchte ich zu Moses selbst zurückkommen… die Bilder vom weiten Himmel und dem weiten Meer können nach meine Dafürhalten auch im Übertragenen Sinn verstanden werden… ja, die Gebote sind im Wortlaut zu abstrakt… können nicht richtig gefasst oder begriffen werden… sie brauchen eine Konkretion oder Auslegung… und damit sie aber nicht einfach gedanklich entgleiten, erinnert Mose daran: handle ganz konkret danach… und dann – so die Hoffnung – hast Du auch Freude daran.

Ich lade Sie zu einer Gedankenreise in die jüdische Tradition ein… vielleicht hilft dieser Blickwechsel Moses Sätze besser zu verstehen… Der heutige Sonntag fällt in diesem Jahr mit dem jüdischen Fest Simchat Tora, dem „Fest der Torafreude“ zusammen. Das Wort Tora bedeutet ja einerseits die göttliche Weisung insgesamt und zugleich aber auch jede einzelne Weisung, die Gott seinem Volk schenkt. Und an diesem Festtag werden die Torarollen aus dem Schrein der Synagoge, genommen. Singend, tanzend und voller Freude trägt die Gemeinde sie in sieben Umzügen durch den Raum. Gottes Wort hier einmal ganz handfest gefeiert. Am Morgen des Festes erklingt der Schluss der Tora, und unmittelbar danach beginnt wieder das erste Kapitel der Genesis. Der Gedanke dahinter: Gottes Wort ist niemals abgeschlossen; immer neu spricht Gott zu seinem Volk und eröffnet Zukunft. Mancherorts werden sogar Süßigkeiten verteilt. Sie erinnern daran, dass Gottes Weisung eine Gabe, ja eine Süße ist. Sie ist Lebensquelle und Wegweisung zum Leben.

Ich gebe zu: für mich ist das zunächst eigenartig… die Gebote in einem Fest zu feiern. Das ist doch ein völliger Kontrast zu den vorhin beschriebenen Alltagserfahrungen mit den Geboten. Die Abstraktion feiern? Den Spiegel der eigenen Unzulänglichkeit bejubeln? Das Gesetz mit Blasmusik und Umzug wie beim Oktoberfest fröhlich herumtragen?

Ja der heutige Predigttext lädt somit ein, völlig neu hinzuhören: Gottes Gebote sind Grund zur Freude. Wer nach Gottes Willen fragt, findet Orientierung, Freiheit und Leben… auch wenn es vielleicht nicht auf den ersten Blick einleuchtet… die Grundrichtig ist vorgegeben… Das Wort Gottes ist eine Hilfe zum Leben. Es ist das Geschenk eines liebenden Gottes an seine Menschen. So wie Moses den Blick von der Weite des Horizonts hin auf das Herz lenkt…

Für mich kommt dieses Anliegen auch wunderbar in einem Satz des Apostels Paulus an Timotheus zum Ausdruck: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7) – er ist XXX Taufspruch.

Und damit diese Botschaft nicht abstrakt bleibt, möchte ich noch einmal zur jüdischen Tradition, ja eigentlich zur jüdischen Sprache zurückkehren… dort gibt es das Wort Mizwa. Es bedeutet zunächst in Etwa „Vorschrift“… und damit auch eine göttliche Weisung. Doch darin erschöpft sich die Bedeutung nicht. Eine Mizwa muss konkret gelebt werden. Sie wird dort lebendig, wo Gottes Wille Gestalt gewinnt: in der Fürsorge für den Mitmenschen, in der gelebten Nächstenliebe, in der helfenden Hand, im tröstenden Wort, in der konkreten guten Tat… so, wie ihr, liebe YYY, als XXX Eltern diese Liebe täglich spüren lasst. Wer eine Mizwa tut, lässt etwas von Gottes Güte in dieser Welt sichtbar werden. Mizwa ist also nicht zuerst Pflicht und Gehorsam, sondern Freude, Segen und gelingendes Leben. Eine Mizwa ist etwas, das dem Nächsten guttut und zugleich den Handelnden selbst beschenkt.

Ich gebe zu, dass mir diese Mizwa in unseren kirchlichen Zusammenhängen manchmal viel mehr wünschen würde... vielleicht weil wir sie gedanklich an Sozialträger ausgelagert haben oder zu schnell als Werkgerechtigkeit abtun. Wir brauchen diese Mizwa… oder wie es Paulus sagt… „einen Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit“.

Ja hier liegt für mich ein Schlüssel zum Verständnis der Gebote Gottes. Sie wollen uns in eine Lebensweise hineingeleiten, die dem Leben dient. Wo wir Gottes Willen tun, wird die Welt ein wenig menschlicher, gerechter und barmherziger. Und dort, wo Menschen Liebe üben, Versöhnung suchen, Verantwortung übernehmen und sich dem Nächsten zuwenden, erfahren sie oft selbst etwas von der Freude, die aus dem Gehorsam gegenüber Gott erwächst. So kann aus einer vermeintlichen Pflicht Dankbarkeit werden und aus dem Befolgen eines Gebotes Freude.

Im großen Tora-Psalm 119 (wir haben einen Ausschnitt als Eingangslied gesungen), äußert sich der Beter begeistert: „Ich habe meine Freude an deinen Geboten, sie sind mir sehr lieb, und hebe meine Hände auf zu deinen Geboten, die mir lieb sind, und sinne nach über deine Weisungen.“ (Ps 119,47-48). Auf diese Freude an Gottes Weisung, diese Liebe zu seinem Wort und dieses Vertrauen darauf, dass seine Gebote dem Leben dienen, weist Mose in seiner Abschiedsrede hin. Die Gebote sind nicht abgehoben, weit weg oder weit über dem Meer… unerreichbar… sondern ganz dicht bei uns… zum Umarmen und zum Liebhaben.

Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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